„Es wurde uns mit Gefängnis gedroht“

Nicht mehr wuggi wuggi – Wolfgang Timischl kann wieder lachen! RS-Foto: Unterpirker

Handbike-Race Across Australia mutiert zum Horrortrip im Outback

 

Wuggi Wuggi oder Wagga Wagga? Was sich wie ein Kinderreim anhört, ist im Falle von „Wagga Wagga“ gar nicht so lustig. Davon kann der Serfauser Wolfgang Timischl ein Lied singen. Denn bei seinem Weltrekordversuch, den er mit seinen drei Kollegen – auch Alex Gritsch aus Tarrenz war mit von der Partie – machte er äußerst unliebsame Bekanntschaft: In Wagga Wagga mitten in Australien wurde der Tross von der Polizei quasi hopps genommen.

 

Von Albert Unterpirker

 

Es war die fünfte Challenge, die Extrem-Handbiker Wolfgang Timischl in seiner sportlichen Karriere in Angriff genommen hat. Sein Augenmerk lag im Oktober auf dem 4000-Kilometer-Weltrekord, auf der Strecke von Perth nach Sydney in Australien sollte die alte Zeit gehörig purzeln. Die gesamte Crew bzw. der Tross mit drei weiteren Handbikern wie Alex Gritsch aus Tarrenz hatte sich auf diesen Benefiz-Event minutiös vorbreitet. Von den 4000 Kilometern wurden an Unterstützer 3100 Kilometer verkauft (10 Euro pro Kilometer), es kamen also 31.000 Euro zusammen. Die ärztliche Leitung hatte vor Ort der Bad Häringer Primar Burkhart Huber über. Auch er wurde wie die gesamten österreichischen Trainer, Physiotherapeuten und Zeitnehmung dann Zeuge einer gar unliebsamen Überraschung, die das Team schlussendlich den Weltrekord kostete. Alles lief nach dem Start in Perth glatt, die Staffel hatte bereits fast alle Kilometer abgespult und lag nur mehr 370 Kilometer vor dem Ziel in Sydney. 22 Stunden hatte die Vierer-Staffel bis zu diesem Zeitpunkt in den Beinen, ein Vorsprung, der den alten Weltrekord pulverisieren und einen glanzvollen Eintrag ins Guinness Buch bringen sollte. Die Vorfreude auf die Ziellinie war dementsprechend groß. Dann aber traf das gesamte Team die Keule des Herakles in Form eines nie gedachten Ärgernisses: Man schrieb 22.11 Uhr, und Wolfgang Timischl hatte gerade an seinen Kollegen Wolfgang Almer übergeben, als eine Polizeistreife auf den Plan trat – und nun ging’s ab!

 

STOPP. Was dann geschah, hört sich an, als sei es nicht von dieser Welt. „Wolfgang ist grad mal 300 Meter gefahren, als uns die Highway Police gestoppt hat“, blickt Timischl zurück und fügt an: „Dann sind wir die halbe Nacht am Posten gesessen!“ Auf Anfrage der Streife, was man hier tue, erklärte man den Polizisten, dass man quer durch Australien fährt, um einen Weltrekord zu erzielen. Eine Erklärung, die nicht wirklich gut ankam – vor allem nicht beim Vorgesetzten, einem Sergeant. „Das alles war ihm gar nicht recht“, schildert Wolfgang Timischl das, was sich auf der Polizeistation abspielte. „Wir wurden da wie Schwerverbrecher behandelt“, erinnert sich der Serfauser. Allerdings, man meinte, dass man nur in der Nacht nicht weiterfahren dürfe. „Also wollten wir am Tag weiterfahren – wegen unseres Vorsprungs hätten wir den Weltrekord dennoch gemacht!“ Aber der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. „Der Sergeant meinte: ‚Ihr fahrt gar nicht mehr – es gibt hier keine Straße, wo ihr fahren dürft!‘ Bis zu diesem Moment waren wir ruhig geblieben, aber ab da ist uns anders geworden. Er hat uns mit Gefängnis gedroht, wären wir weitergefahren!“ Bonmot am Rande: Die Situation bekam auch ein Sponsor daheim mit (es wurde im Internet aktuell gepostet), und dieser erklärte sich bereit, eine Polizei-Eskorte zu bezahlen. Den Sergeant mit diesem Vorschlag konfrontiert, wurde es aber urplötzlich nochmals brenzliger.

 

WIRBEL. „Der hat das als Bestechung aufgefasst – dann war Schicht im Schacht“, nickt Timischl, der beim RUNDSCHAU-Gespräch immer noch ziemlich emotionalisiert ist. Wie auch immer, am Wagga Wagga-Posten schien die Luft mittlerweile greifbar. Was tun also? Kurzerhand rief man den österreichischen Honorarkonsul an (der auch das Rennen gestartet hatte), aber das Gespräch zwischen ihm und dem Sergeant war schnell beendet. Timischl verbittert: „Mit dem war der Sergeant gleich fertig!“ Daraufhin habe der Konsul den österreichischen Botschafter angerufen, und auch jener telefonierte mit dem Sergeant. Zwar länger, aber letztendlich ohne Wirkung. „Wir durften nicht mehr weiterfahren! Aber diese ganze Aktion hat extreme Wellen geschlagen“, nickt der 45-jährige Handbiker. „Es wurde in einem australischen öffentlich-rechtlichen Radiosender darüber berichtet, und es hat einen Riesenwirbel gegeben, die Geschichte ist sogar ins TV gekommen!“ Grund für die Verweigerung der Weiterfahrt sei keiner angegeben worden. „Wir wollten aber keinen diplomatischen Zwischenfall haben“, sagt Timischl. Fazit: „Es sind viele Tränen geflossen, und dort wird es keiner mehr probieren – außer er will eine spezielle Herausforderung erleben! Letztendlich war es ein Erlebnis der besonderen Art“, muss Timischl kräftig schlucken. Der Serfauser blickt aber schon wieder nach vorne. 2020 ist er allein unterwegs und hat den Solo-Weltrekord ins Auge gefasst. „Eine Zusage fehlt noch“, so Timischl. Wo das Ganze stattfindet, will er nicht verraten. „Lasst euch überraschen, wir werden euch auf sportslife.at auf dem Laufenden halten!“

 

 

Daten & Fakten

Der ursprünglich ins Auge gefasste Weltrekord wurde aufgrund dieser Vorkommnisse nicht erreicht. Die WUCA (World Ultracycling Association), über die der Weltrekordversuch beantragt wurde, sicherte den Athleten aber zu, aufgrund der erbrachten Leistung auf den gefahrenen 3700 km den Weltrekord von Perth bis zum Zeitpunkt des Polizeistopps (44 Kilometer nach Wagga Wagga) anzuerkennen. Die vier Handbiker wurden von insgesamt 14 Personen begleitet, wobei 75 Etappen à 90 Minuten (24 Stunden nonstop) gefahren wurden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei rund 31 km/h, für die Einstellung des Weltrekords wäre eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 km/h nötig gewesen. Die Staffel setzte sich aus den Fahrern Wolfgang Timischl (Serfaus), Alex Gritsch (Tarrenz), Wolfgang Almer (Wörgl) und Michael Weniger (Ober-österreich) zusammen. Mit Sandro Schönberger (Serfaus) war auch der Trainer von Wolfgang Timischl mit von der Partie. Insgesamt war man drei Wochen in Australien.

 

Wolfgang Timischl: „Es wurde uns mit dem Gefängnis gedroht!“ RS-Foto: Unterpirker

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