„Es wurden schon Spielplätze gesperrt“

„Die Almwirtschaft ist damit gestorben, wenn in zehn Jahren 100 da sind“, sagt Reinhold Jäger über die Wölfe (Symbolbild). RS-Foto: Archiv

Biologe, Bauer und Almmeister Reinhold Jäger über Wölfe im Bezirk Landeck

 

Allein im letzten Jahrzehnt hat Reinhold Jäger 20 Wolfsichtungen im Bezirk Landeck registriert. Er warnt vor dem Raubtier: Für die Almwirtschaft seien Wölfe katastrophal, auch die Jagd würde leiden. Er erwartet sich Antworten.

 

Von Daniel Haueis

 

Mag. Reinhold Jäger ist in Sachen große Beutegreifer als Biologe ein Fachmann, als Bauer und Almmeis-ter aber auch potenziell Betroffener. Bären, wie sie in den letzten Jahren mehrfach durch den Bezirk gewandert sind, machen ihm keine besonderen Sorgen: „Man sieht ihn, und Bienenstöcke kann man einzäunen.“ Problematisch ist für ihn aber der Wolf. Und er muss feststellen: „Das ist nix Neues, das haben wir seit zehn Jahren“ – er hat 20 Wolfsichtungen im Bezirk Landeck seit dem Jahr 2007 registriert, die letzte (vor Fiss) gab es im April oberhalb von Faggen. Und der Fließer Biologe prophezeit: Die zwei in Fiss gesichteten Tiere seien „nur die Vorhut“.

 

ALMWIRTSCHAFT, JAGD ETC. Jäger glaubt, dass es den beiden „Fisser“ Wölfen, die sich zwischen Ladis und dem Urgtal bewegen, hier recht genehm ist: „Ich denke, denen gefällt’s gut.“ Wenn er hochrechnet, wie viele Wölfe daraus werden können (inklusive Zuzug), kommt er auf eine erkleckliche Zahl. Und das bringe Probleme: „Die Almwirtschaft ist damit gestorben, wenn in zehn Jahren 100 da sind.“ Schon die beiden gesichteten „Fisser“ Tiere, die sich rund drei Wochen dort aufhalten, sorgen für eine massive Beunruhigung der Tierwelt: „Für die Almwirtschaft ist das katastrophal“, so Jäger. Aber nicht nur den Almkühen und vor allem den Kälbern setzt der Wolf zu: „Der Wolf ist ein Raubtier. Ihm ist egal, was er frisst.“ Jagden, prophezeit Jäger, werden weniger wert sein, da das Rehwild „weggefressen“ wird und das Wild natürlich auch beunruhigt wird. „Der Wolf gefährdet alles, die ganze Wirtschaftsweise“, sagt Jäger. Und er prophezeit: „In zehn Jahren betrifft es alle Bevölkerungsschichten, nicht nur Bauern und Jäger.“ Jäger hat genau recherchiert: 22 Menschen starben im 20. Jahrhundert in Europa allein aufgrund von Attacken nicht-tollwütiger Wölfe. Im 19. Jahrhundert waren es 379, und im 18. Jh. 602. 90 Prozent der Opfer gesunder Wölfe seien Menschen unter 18, meist unter 10 Jahren. Alarmierend sei, dass Wölfe in Sachsen schon mal nach Hunden Ausschau halten, um sie zu fressen, sich im Trentino bereits auf Spielplätzen vor Kindergärten herumgetrieben haben oder in Niedersachsen ein Waldspielplatz wolfsbedingt gesperrt werden musste – allesamt Fälle aus den Jahren 2017 und 2018.

 

ANTWORTEN VON POLITIK, AUCH TOURISMUS. Reinhold Jäger erwartet sich nun Lösungsansätze der Zuständigen – also wohl der Landespolitik. Er selbst hält immer wieder Nachschau, schaut sich gerissene Tiere an und meldet dies ans Land. Jäger wartet auch auf die Reaktion des Tourismus. Die beiden „Fisser“ Wölfe zu verscheuchen, hält er nicht für zielführend: „Wenn man sie vertreibt, dann gibt’s auf der nächsten Alm Probleme.“ Grundsätzlich müsse man sich die Frage stellen, ob es sich lohnt, viel Geld auszugeben, um ein paar Wölfe in Tirol zu haben, wenn sie derart große Probleme verursachen.

Mag. Reinhold Jäger: „In zehn Jahren betrifft es alle Bevölkerungsschichten, nicht nur Bauern und Jäger.“ RS-Foto: Archiv

 

Hinweise erbeten

Ob es sich bei den am 14. Juli beobachteten und durch ein Spektiv fotografierten Tieren im Gemeindegebiet von Fiss um einen Wolfshund oder einen Wolf handelt, ist nicht eindeutig zu beantworten. „Wir können anhand des Bildmaterials derzeit keine hundertprozentige Aussage treffen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich bei den fotografierten Tieren um Wölfe handelt“, sagt Martin Janovsky, Beauftragter des Landes für große Beutegreifer. Zur Beurteilung der Fotos hat er auch Experten aus anderen Ländern herangezogen. Einige Anhaltspunkte sprechen für einen Wolf, eine Bestätigung ist anhand der Bilder allein aber nicht möglich. „Auch sind bis dato keine weiteren Meldungen über Sichtungen oder Schäden bei uns eingegangen“, so BH Markus Maaß. Fest steht, dass es sich auf den Bildern um zwei verschiedene Tiere handelt. Eines der beiden ist ein Rüde. Um eventuell zu einer genetischen Abklärung zu kommen und etwas über die Herkunft und das Geschlecht der Tiere zu erfahren, ersucht die Behörde um weitere Hinweise: Meldungen (Bilder, Losung, Risse) bitte an die BH Landeck, Amtstierarzt Mag. Eduard Martin, 0676885085540; bei Nichterreichbarkeit des Amtstierarztes: Umweltreferent Mag. Manuel Wolf: 0676885085520; Büro BH Markus Maaß: Tel. 0512508-5402; Büro Umwelt & Anlagen: 0512508-5521.

VERHALTENSTIPPS. „Wölfe meiden in der Regel den Kontakt mit Menschen“, erklärt Martin Janovsky. Wer einem Wolf begegnet, sollte Abstand halten und einige grundsätzliche Verhaltensregeln beachten: Respekt vor dem Tier haben. Nicht weglaufen, sondern sich langsam zurückziehen. Falls man einen Hund dabei hat, diesen in jedem Fall anleinen und nahe bei sich behalten. Wenn einem der Wolf zu nahe erscheint, auf sich aufmerksam machen (laut sprechen, gestikulieren) – der Wolf wird sich daraufhin in der Regel entfernen. Nicht hinterherlaufen und niemals Wölfe füttern – sie lernen sonst sehr schnell, Menschen mit Futter zu verbinden und suchen eventuell aktiv die Nähe des Menschen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei den fotografierten Tieren um einen Wolf. Eine eindeutige Aussage ist anhand des Bildmaterials aber nicht möglich. Die Behörde bittet um weitere Hinweise. Foto: Achenrainer