„Es zählt nicht wo, sondern mit wem man lebt“

Virtuoser Vierklang – der „Salon Balkan“ mit Dina und Edo Krilic (oben, v.l.) sowie Omer Livnjak und Nasko Budimlic (unten, v.l.) RS-Foto: Matt

„Ein Danke an Imst“: Bosnischer Abend mit Musik, Literatur, Erinnerungen und Folklore im Stadtsaal

Mit Musik, Literatur, Volkstanz, persönlichen Erzählungen und besonderer Herzlichkeit feierte vergangenen Samstag ein Abend im Imster Stadtsaal die bosnische Kultur und Lebensart – mitsamt einem Programm, das keine Mühen scheute, um jener Stadt zu danken, deren Töchter und Söhne einst vor über 25 Jahren ihre Häuser und Herzen für Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien geöffnet hatten.

Von Manuel Matt

Es ist das Jahr 1992 und in Bosnien stehen die Uhren still. Krieg zieht über das Land, lässt einstige Nachbarn zu erbitterten Feinden, zu Kugeln, Granaten, Schrapnellen und zu ihren Opfern werden. Tobend in Grausamkeit, raubt der Konflikt den Menschen Alltag und Leben, kennt keine Gnade, nicht für Männer, noch für Frauen und Kinder. Es sind die Jahre des belagerten Sarajevos, wo Scharfschützen erbarmungslose Jagd auf Zivilisten zwischen brennenden Hochhaustürmen machen. Jahre der Massenvergewaltigungen und des Völkermords, der im Massaker von Srebrenica gipfelt, als serbische Milizen über 8000 unschuldige Bosniaken ermorden und in Massengräbern verscharren – unter den Augen der Vereinten Nationen. Erst 1995 endet schließlich der Bosnienkrieg. Zurück bleiben mehr als 100000 Tote und ein Land zwischen nie wieder aufgebauten Ruinen und Wäldern, in die bis heute kein Mensch einen Schritt hineinwagt, der Minen wegen. Wer konnte, verließ schon in den Kriegsjahren das Land. Als Flüchtling, dem Ungewissen entgegen, so weit die Füße tragen wollen, ohne Aussicht auf Rückkehr.

Zuflucht

Über 25 Jahre sind vergangen und manche Wunden kann auch die Zeit nicht heilen. Dennoch ist es das Leben, das mit dem Bosnischen Abend im Imster Stadtsaal gefeiert wird – das Leben, das sich dutzende bosnische Familien in dieser Stadt aufgebaut haben, mit Hilfe und Wohlwollen zahlloser Imster, Gerechten unter den Völkern. Viele von ihnen sieht Dina Krilic an diesem Abend im Publikum, das bis ans hinterste Ende des Stadtsaales reicht, dankt ihnen für ihr Kommen und ihre Freundschaft. Auch sie kam damals nach Imst, zusammen mit ihrem kleinen, schwer verletzten Sohn, um dessen Leben die Ärzte an der Innsbrucker Universitätsklinik kämpften – und siegten. Heute ist er ein fantastischer Musiker, den man wie seine Eltern in Imst nicht missen möchte. Seine Mutter lächelt und spricht Worte, die auf jeder Wand dieser Welt geschrieben stehen sollten: „Es zählt nicht wo, sondern mit wem man lebt!“

In Musik vereint

Zwei Jahre später kam auch ihr Mann Edo nach Imst. Damals Leiter des bosnischen Rundfunkorchesters, legten viele heimische Musiker für seine Fähigkeiten am Akkordeon die Hand ins Feuer – darunter auch die Volksmusik-Ikone Franz Posch, mit dem Edo und Dina an diesem Abend für mehrere umjubelte Stücke die Bühne teilen. Überhaupt sorgt der „Salon Balkan“, die Band des Ehepaars, in mehreren Konstellationen für Stürme der Begeisterung – etwa auch mit dem starken Nasko Budimlic am Schlagzeug und dem phänomenalen Sänger Omer Livnjak. Das Repertoire umfasst Internationales, aber auch traditionelle Volkslieder aus Bosnien, die auch ohne entsprechende Sprachkenntnisse zu erzählen wissen – von der Seele eines Landes, wo Gastfreundschaft ein heiliges Gut ist, Schmerz und Glück mit dem Nachbarn geteilt und stets gern gescherzt wird, selbst wenn der Schwermut in den Wolken hängt.

Das Licht im Schatten

Das Positive soll im Vordergrund stehen, betont der moderierende Wortkünstler Wilfried Schatz bald eingangs der Veranstaltung, die vom Art Club in Kooperation mit dem Integrationsbüro und dem Museum im Ballhaus getragen wird und der zahlreiche Stadtpolitiker, Landesrätin Gabi Fischer und auch Bundespräsident Alexander van der Bellen – in diesem Fall per Videobotschaft – beiwohnen. So bittet Schatz im Laufe des Abends Erna Mujagic und Esmir Mehmedovic auf die Bühne. Beide kamen als Kinder nach Imst, überwanden Trauma wie Sprachbarriere und sind heute beide erfolgreiche Erwachsene. Die deutsche Sprache brachte Erna damals Elisabeth Mehlmann als Lehrerin näher, die anschließend einen berührenden Text jenem traumatisierten Mädchen widmete, das heute eine geschätzte Freundin ist. Ebenso unter die Haut gehend: Die Textbeiträge des in Bosnien geborenen Schriftstellers Jovica Letic, teilweise begleitet auf der Videoleinwand von kraftvollen Szenen seines Theaterstücks „Nullmensch“, sowie von Annemarie Regensburger, die mit viel Gefühl eine Episode der Fluchtgeschichte ihrer Haushaltshilfe Fatima teilt. Nicht minder erwähnenswert: Das leidenschaftliche Saxophonspiel von Christoph Heiß, gepaart mit Bildern des Imster Benefizkonzertes 1994 seiner Oberländer  Band „Orgifista“ zugunsten der eingeschlossenen Musiker in Sarajevo.

Die Hilfe in der Not, eine Selbstverständlichkeit

Zu Wort kam auch der Imster Altbürgermeister Manfred Krismer, der die damalige Situation 1992 aus Sicht der Stadtpolitik beschreibt: „Es war sicher leichter als heute. Die hilfsbereiten Menschen waren da – die Gemeinde hat sie nur nicht behindern dürfen.“ Als Beispiel für die vielen helfenden Hände stehen an der Seite Krismers der Schlossermeister Josef Niederbacher mit seiner Frau Brigitte, die in Kroatien geborene Dolmetscherin Ivka Berghammer und Sebastian Wildbichler, der damalige Leiter des Imster SOS-Kinderdorfs. Wildbichlers Resümee über die Hilfsbereitschaft: „Nichts Besonderes, nur das Selbstverständliche, wenn Menschen in Not sind.“ Sein krönendes Ende fand der Abend schließlich mit dem spektakulären Volkstanz der bosnischen Folkloregruppe „Bkud Bahar“ aus München, wobei sich nach abschließenden Worten von Gemeinderätin Brigitte Flür („Ich bin stolz auf euch, meine Imster – und ein Danke an euch, liebe Bosnier!“) zahlreiche Anwesende zu den Tänzern auf die Bühne gesellten. Ein Sinnbild dafür, dass es ein Gewinn für alle ist, wenn ein Kreis nicht aus-, sondern miteinschließt.