Existenzielle Leichtigkeit

Die Größe und Schönheit hinter den Dingen: Karl Markovics. Foto: Lia Buchner

Karl Markovics war bei den „Obertönen“ in Stams zu Gast und gab der RUNDSCHAU ein Exklusivinterview

Am Rande des Kammermusik-Festivals Obertöne in Stams, bei dem Karl Markovics als Vorleser in Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ zu Gast war, fand er Zeit für ein Interview mit der RUNDSCHAU. Ein Gespräch über Wege, Umwege und das Glück.

RUNDSCHAU: Herr Markovics, Sie sind einem breiten Publikum vor allem als Schauspieler bekannt, haben aber in den letzten Jahren vorwiegend eigene Filmprojekte realisiert. Sie schreiben Drehbücher, machen Regie, inszenieren Opern. Wohin führt Sie Ihr künstlerischer Weg?

Markovics: Ich war lange Zeit ein Getriebener – auch in negativer Weise, in Form von Depressionen – weil ich nicht wusste, was mich so zieht. Weil es sich nie an eine konkrete Vorstellung geknüpft hat. Wenn mich jemand gefragt hat, was sind ihre Traumrollen oder möchten sie gerne ans Burgtheater, da musste ich immer sagen: „Nein, kann ich nicht sagen.“ Die nächste Arbeit, die ich mir wünsche, ist immer die, von der ich noch nichts weiß. Ich will Dinge ausprobieren, ich will nicht stehenbleiben. Ich will buchstäblich Wege gehen. Ich gehe sehr gerne Wandern, und meine schönsten Erlebnisse hatte ich immer, wenn ich ohne Karte einen unmarkierten Weg gegangen bin. Manchmal verflucht man dann auch die zwei Stunden Umweg, aber meistens wird man reich beschenkt.

RS: Umwege erhöhen die Ortskenntnis?

M: Auf jeden Fall! Und es hat eine ganze Weile gebraucht zu begreifen, wie schön das ist. Es anzunehmen, zu akzeptieren, dass das ganze Leben sowieso eine einzige Ungewissheit ist. Aber genau das macht es aus. Genau dieses Nichtwissen macht meine Energie aus, meine Stärke, meine Kreativität.

RS: Eine Ihrer nächsten Arbeiten, von der Sie noch nicht allzu viel wissen, ist Ihre erste Opernregie. Für die Bregenzer Festspiele 2018 inszenieren Sie die zeitgenössische Oper „Das Jagdgewehr“ des Tiroler Komponisten Thomas Larcher. Ein Sprung ins kalte Wasser?

M: Ja, es ist etwas Neues, was ich so vorher noch nicht gemacht habe, aber es ist mir nicht völlig wesensfern. Meine Beziehung zur Musik ist eine lange und innige. Thomas Larcher hatte mich schon vor einiger Zeit gefragt, ob wir etwas gemeinsam machen können, und als er dann die Einladung von Bregenz bekommen hat, eine Oper zu schreiben, hat sich das konkretisiert. Ich habe sehr schnell zugesagt.

RS: Sind so völlig neue Arbeiten auch von Ängsten begleitet?

M: Nein, heute nicht mehr. Das war früher anders, da habe ich mich schon mehr gefürchtet vor Arbeiten, bei denen ich nicht gewusst habe, ob ich sie tatsächlich schaffen kann. Mittlerweile ist das vollkommen verschwunden. Nicht so, dass ich kalt oder abgebrüht wäre. Es ist tatsächlich eine Freude, vor einer großen Herausforderung zu stehen – und auch zu wissen, es ist nicht sicher, ob man sie meistert. Aber was soll schon passieren? Wird die Welt untergehen, weil eine Oper in die Hose geht?

RS: Außerdem, was heißt in die Hose gehen? Ich sehe mittlerweile die Dinge auch in ihrer Relation: was bedeuten sie mir. Es ist doch wichtig, was es für mich war, an Erfahrung, an Begegnung; und nicht nur messbar an einer Quote, an einem Preis, einer Nominierung. Oder was das mit meinem zukünftigen Lebensweg macht…

M: Das sowieso. Das ist sowieso das Wichtigste! Diese existenzielle Leichtigkeit ist etwas, worüber ich sehr glücklich bin. Dass ich – unbewusst oder bewusst – nie darauf spekuliert habe, über eine Arbeit woanders hin zu kommen.

RS: In Ihrem letzten eigenen Kinofilm „Superwelt“ geht es um das Zurückfinden zur völligen Lebendigkeit durch eine Gottesbegegnung. Das ist ein ungewöhnliches Thema für einen Film.

M: Am Anfang einer Arbeit steht bei mir meistens ein Bild, oft etwas ganz Banales, das mich beschäftigt. Bei Superwelt war es eine Supermarktverkäuferin, die ins Leere schaut. Mit einem vollkommen weltverlorenen Blick saß diese Person da und – bei uns sagt man leicht abfällig – schaute ins Narrenkastl. Das erzählt übrigens auch etwas über unsere Beziehung zum Nach-Innen-Gehen. Jemand, der nicht eindeutig arbeitet, ist faul. Das fand ich gerade im Zusammenhang mit einer – sagen wir Funktionspersönlichkeit wie einer Supermarktkassiererin schön. „Na woran wird die schon denken, an gar nichts, oder wann sie endlich Dienstschluss hat.“ Und was ist, wenn das Gegenteil der Fall ist? Wenn dieser Mensch, genau jetzt in diesem Moment, Gott hört?

RS: Ihre Figur scheut sich lange, das Thema beim Namen zu nennen. Ist das Ihre Scheu?

M: Ich wollte unbedingt vermeiden, mit so einem Film ins Missionarische zu geraten. Ich will niemandem irgendeine Art Glauben aufdrängen. Damit geht dann aber auch eine seltsame Unbestimmtheit einher. Ja, dieser Film ist meine Art von Glaubensbekenntnis. Soviel ich momentan über mein Verhältnis zu Gott sagen kann, habe ich in diesem Film ausgedrückt.

RS: Sie gehen ihren künstlerischen Weg sehr konsequent. Fühlen Sie sich getragen? Ist Gott mit Ihnen?

M: Manchmal bezeichne ich es als Glück. Ich habe in jeder Hinsicht wirklich unendlich viel Glück gehabt, ob beruflich, privat, ob an Leib und Leben – was ich schon knapp dem Tode entgangen bin durch eigene Ungeschicklichkeit, ich weiß nicht wie viele Schutzengel ich da habe. Wenn ich meine ganze zivilisierte Scheu ablege, könnte ich sagen: „Ich bin von Gott behütet.“ Aber dann stellt sich sofort die Frage: Mit welchem Recht bin ich behütet und andere nicht? Will ich so einen Gott, der die einen behütet und die andern nicht? Oder womit hat behütet sein zu tun? Das führt mich dann auf Pfade, die mir ein bisschen zu weitschweifig werden. Vielleicht reicht es ja, wenn ich es annehme, das Glück.

RS: Für Ihre nächsten Dreharbeiten sind Sie wieder in Tirol. Sie spielen in einem Fernsehfilm über das „Wunder von Wörgl“ den Bürgermeister Michael Unterguggenberger, der in den dreißiger Jahren eine sehr erfolgreiche lokale Notwährung eingeführt hat. 

M: Richtig, im Herbst drehen wir einiges in Tirol, in Hall, einiges auch in Südtirol. Ich übe gerade Tiroler Dialekt – bitte verlangen Sie keine Kostprobe von mir! Es soll zwar für alle Zuseher verständlich bleiben, aber mein Anspruch ist schon, dass man mir den Tiroler Österreicher abnimmt.

RS: Sie haben für „Kommissar Rex“ einige Jahre mit Tobias Moretti gedreht. Haben Sie sein Tirolerisch noch im Ohr?

M: Oh, das ist so lange her! Aber wir treffen uns heute noch gelegentlich. Wir haben von Anfang an eine sehr gute Beziehung gehabt, auch weil wir uns rollen- und typenmäßig nie ins Gehege gekommen sind. Aber auch weil wir uns menschlich sehr geschätzt haben und das sofort vom Anderen gespürt haben. Ich habe keine großen Männerfreundschaften, weil ich so ein extremer Einzelgänger bin. Aber der Tobias ist einer, bei dem es am ehesten möglich wäre.

RS: Danke für das Gespräch!

Von Lia Buchner

Nie stehenbleiben: Karl Markovics. Foto: Lia Buchner

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