Finale der Kunststraße Imst 2019

Martina Stapf „natürlich Stapf, 2017“ RS-Foto: Buchner

„Guter Stoff“ beim letzten Galerien-Wochenende

„Stoff“ als Oberbegriff des diesjährigen Kunststraße-Themas inspiriert speziell die teilnehmenden Künstlerinnen, den Begriff in seiner Ambivalenz und vielfältigen – oft weiblichen – Konnotation auszuloten. Ein Frauen-Rundgang durch die Galerien.

Von Lia Buchner

In der Galerie der Künstlerinnen-Gruppe „co.op STOFF“ ist es kurz nach 14 Uhr noch verhältnismäßig ruhig. Ein mehr als vier Meter langer Paravent von Christine Siess lockt die ersten Besucherinnen hinein. Auf mehrlagigem Leinen sind in groben Stichen die Umrisse von Frauengestalten gestickt: Azadee, Meena, Saira und ihre Freundinnen. Geborgen in ihre Tücher gehüllt, blicken sie den Betrachter gelassen an. Stoff als Schutz und Hülle des Körpers, als Außengrenze. Um Verletzungen dieser Grenzen geht es ein paar Schritte weiter bei Irmgard Hofer-Wolf. Auf einem Kleiderbügel hängt brav ein gesmoktes weißes Mädchenblüschen. Doch der Rock ist mit hunderten Rasierklingen besetzt. Ein enorm ästhetischer Beitrag, der einem die Luft nimmt. Gegenüber spürt Monika Köck in ihren ruhigen, poetischen Arbeiten stofflichen Überlagerungen nach. Bei einer Haussanierung kamen unter einer Vertäfelung Tapetenreste und Zeitungsschnipsel zum Vorschein. Deren wie zufällig wirkenden Linien, Mustern und Textzeilen folgt sie mit ihrer Stickerei, führt sie weiter, lässt sie im Nichts enden.

Hülle und Verhüllung

Eine stoffliche Autobiografie inszeniert die junge Künstlerin Martina Stapf, die im Umfeld der traditionellen Imster Stofffabrik Stapf aufwuchs. In ihren seriellen Selbstporträts zeigt sie die Mehrdeutigkeit der historischen Trachtenstoffe zwischen schützender Körperhülle und Verhüllung bis zum Identitätsverlust, zur Auflösung im familiären Umfeld. Stapf begleitet diese beeindruckende Fotoserie sorgfältig mit Musterbüchern und Stoffetiketten. Der sinnlich metaphysischen Seite des Bearbeitens von Stoffen spürt Annita Romano in ihren Quiltarbeiten nach. Die meditative Tätigkeit des Nähens an sich, Stich für Stich für Stich, führt sie in ihre Innenwelten. Das Ergebnis sind zauberhafte Stücke aus mehrlagigen Stoffen, oft in sakral anmutenden Farben und applizierten, fast madonnenhaft wirkenden Frauenporträts.

Sakraler Raum

Gerade die spannende Ambivalenz zwischen stofflich Materiellem und Sakralem zeigt sich nochmals in den letzten Minuten dieser Kunststraße 2019. Zum Abschlusskonzert wandert die Künstlerschaft gemeinsam in die Pfarrkirche, nicht ohne aufgeklärt intellektuelle Kommentare, um sich dann von einem wunderbar schwebenden Klangerlebnis überraschen zu lassen. Philipp Lingg („Vo Mello bis ge Schoppornou“) am Akkordeon, Christoph Mateka an der Geige und Organist Arnold Meusburger verweben vibrierende Klänge mit den Visualisierungen von Harald Schwarz zu einer berührenden Rauminszenierung. Kirchen waren und sind immer auch Räume der Kunst und immer auch der zeitgenössischen Kunst.

Kuratorische Höchstleistung

Das neue Organisationsteam der Kunststraße rund um die künstlerische Leiterin Lisa Krabichler hat eine enorme Niveausteigerung bewirkt. Der teilweise kontraproduktive Wildwuchs in den einzelnen Galerien wurde durch klare kuratorische Vorgaben beschnitten, die Auswahl von Thema und teilnehmenden Künstlern kann nur als ausgesprochen gelungen bezeichnet werden. Ästhetische Raumkonzepte und oft ideale Kombinationen von Künstlerpersönlichkeiten in den einzelnen Galerien haben die Kunststraße 2019 zu einem durch und durch beglückenden Kunsterlebnis gemacht. Eine Steilvorlage für die Kunststraße 2020.

Monika Köck „Überlagerungen“ RS-Foto: Buchner
Irmgard Hofer-Wolf „Morgengrauen“ RS-Foto: Buchner
Annita Romano meditative Quilts erinnern an alte Prozessionsfahnen RS-Foto: Buchner
Finale der Kunststraße 2019: Verwobene Klang-/Bildräume im sakralen Raum. RS-Foto: Buchner

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.