Frierende Knöchel

Liebe Freunde wechselnder Modeerscheinungen!

Jüngst traf ich bei uns im Archiv zwei Sprachwissenschaftlerinnen. Die beiden jungen Damen arbeiteten an der Entwicklung eines elektronischen Programms zur Transkription alter Schriften. Im interessierten Gespräch erfuhr ich nicht nur technische Details, wie man per Computer die alte Kurrentschrift einscannt und dann einer Übersetzung zuführt. Was an und für sich schon hoch spannend ist. Flapsig sprach ich die Mädels auf ihre zeitlose Kleidung an. Jeans ohne Löcher. Ob sie denn nicht mit der Mode gingen, fragte ich die feschen Akademikerinnen. Meines Wissens trage man heutzutage ja, wenn man auf der Höhe der Zeit sein möchte, zerrissene Hosen. Jetzt wurde aus einem trockenen Fachgespräch zwischen verstaubten alten Zetteln schlagartig eine hoch amüsante Blödelei. „Knöchelfrei ist das neue Arschgeweih!“, schoss eine der beiden ansatzlos mit breitem Grinsen in meine Richtung. Wie bitte? Ja, genau. Tätowierungen oberhalb des Hinterteils am unteren Ende der Wirbelsäule. Zerfetzte und abgewaschene Stoffe. Das alles ist längst tote Hose. Oder eben Schnee von gestern. Ob mir denn der neue Zeitgeist noch gar nicht aufgefallen sei, fragten mich die beiden Amazonen. Und klärten mich auf. Im Moment trägt die Jugend im Winter leichte Schuhe und knappe Socken. Oder eben gar keine. Dieser erotische Blick auf die blanken Knöchel sei derzeit der letzte Schrei. Aber saukalt, wandte ich erschrocken ein. Was ein weiteres müdes Lächeln bewirkte. Und mich an mein fortgeschrittenes Alter erinnerte. Plötzlich hatte ich die Bilder der bauchfreien Mode von vor ein paar Jahren vor meinem geistigen Auge. Schon damals machte ich mir große Sorgen. Nach Niere und Gebärmutter ist jetzt offensichtlich das Sprunggelenk einer dauerhaften Unterkühlung ausgesetzt. Nur der vermeintlichen Schönheit wegen. Ich bedankte mich gleich bei zwei meiner besten Freunde – Mamas handgestrickte Socken.

Meinhard Eiter