Gemeinschaftsacker als Antwort auf den Klimawandel

Ulli Totschnig: In den ,Klar!‘-Gemeinden wurden 14 Trinkbrunnen errichtet, um in Hitzeperioden ausreichend Trinkwasser anzubieten.“ Foto: Andreas Kirschner

Ulli Totschnig über Klimawandel-Anpassungsmöglichkeiten

Ulrike Totschnig widmet sich im Rahmen von „Klar!“-Projekten der Anpassung an Klimaveränderungen im „Kaunergrat“ und Obergricht. Es geht u.a. um den Obstanbau, die Almwirtschaft, die Verlegung gefährdeter Wanderwege oder den Bau von Trinkbrunnen.

von Daniel Haueis

RUNDSCHAU: Der Klimawandel soll sich im Bezirk etwa in Form von Auftauen des Permafrosts, Anstieg der Waldgrenze, Starkregen oder auch Dürre bemerkbar machen. War die diesjährige Dürre eine Folge des Klimawandels?

Ulrike Totschnig: Im Rahmen des Projektes „Klar! Kaunergrat“ können wir auf die regionalen Klimadaten der Zamg (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) zugreifen. Dabei stehen uns für viele Parameter sowohl Messdaten ab dem Jahr 1961 zur Verfügung, aber auch die zu erwartenden Veränderungen bis zum Jahr 2050. Basierend auf diesen Daten können wir davon ausgehen, dass es in unserer Region in allen Jahreszeiten wärmer bzw. heißer wird … Die Änderung beim Niederschlag hingegen ist weniger eindeutig. Die Niederschlagssumme wird voraussichtlich leicht zunehmen. Trotzdem kann es in Verbindung mit dem höheren Temperaturniveau und der damit ansteigenden Verdunstung zu Dürreperioden kommen. Wetterextreme werden uns auch in Zukunft weiterhin begegnen und können in ihrer Intensität stärker ausfallen – wie z.B. eine saisonale Wasserknappheit, wie wir sie auch im heurigen Sommer erlebt haben, Hochwasserereignisse und eine früh einsetzende Vegetationsperiode.

RS: Geplante Maßnahmen im Rahmen des Projekts „Klar!“ sind Schulworkshops, eine Klimazeugen-Ausstellung, aber auch die Regenwassernutzung oder die Forcierung eines angepassten Obstbaus. Weißt du schon, wie sich die Landwirtschaft ändern könnte?

Totschnig: In der „Klar! Kaunergrat“ wird vor allem Viehzucht, Obstanbau und Almwirtschaft betrieben, zum Teil auch Ackerbau. Die Landwirtschaft zählt seit jeher zu den klimaempfindlichsten Sektoren und muss sich jetzt u.a. an die Zunahme von Trockenperioden, den früheren Vegetationsbeginn im Frühling, das erhöhte Spätfrostrisiko und die Ausbreitung neuer Schädlinge anpassen. Die Landwirtschaftskammer Landeck versucht in einigen Projekten, neue Optionen in Zeiten des Klimawandels aufzuzeigen: so etwa durch den Einsatz von trockenheitstoleranten Nachsaatmischungen im Grünland, durch einen früheren Schnittzeitpunkt und einen frühen Almauftrieb, durch die Förderung des Getreideanbaus, durch den Neubau und die Sanierung von Beregnungsanlagen und durch den Anbau neuer Sorten.

RS: Touristische Maßnahmen sind ebenfalls vorgesehen.

Totschnig: Tourismusdestinationen im Gebirge wie die „Klar! Kaunergrat“ sind in mehrfacher Weise von klimatischen Veränderungen betroffen … Das heißt, dass der Klimawandel die Zukunft des alpinen Tourismus maßgeblich beeinflussen wird, z.B. durch das Ansteigen der Schneefallgrenze, eine Verlängerung der Sommersaison oder durch die erhöhte Gefahr von Naturgefahren. Dabei kann der Tourismus sowohl negativ als auch positiv durch den Klimawandel betroffen sein. Mit unseren „Klar!“-Projekten in Zusammenarbeit mit dem TVB TirolWest und Kaunertal Tourismus versuchen wir, den Tourismus in der Region auf künftige Entwicklungen besser vorzubereiten. Dazu gehört u.a. die Verlegung von gefährdeten Wanderwegen bzw. Wandertouren, die Schaffung neuer Angebote für den Sommertourismus und die Förderung der Privatzimmervermieter.

RS: Die Klimawandelanpassungs-Modellregion umfasst Fließ, Kauns, Kaunerberg, Kaunertal, Prutz und Faggen. Was ist heuer konkret geschehen?

Totschnig: Im ersten Halbjahr 2018 konnten in den sechs Gemeinden sieben Anpassungsprojekte gestartet werden. So wurden u.a. bei Klimaworkshops an den Schulen mehr als 270 Schülerinnen und Schülern die Themen Wetter und Klima, Klimawandel, Klimaschutz und Klimawandelanpassung spannend vermittelt. Unter dem Motto „Wasser für alle“ wurden bzw. werden in den „Klar!“-Gemeinden insgesamt 14 Trinkbrunnen errichtet, um auch in Hitzeperioden vor allem Kindern und älteren Menschen ausreichend Trinkwasser anzubieten. Um eine an den Klimawandel angepasste Almwirtschaft geht es im Projekt „Die Zukunft unserer Almen“, in dem bei einer Projektalm im Kaunertal neue Aspekte in der Weideführung erprobt werden … Die Gemeinde Fließ fördert in diesem Herbst die Anschaffung von Regenwasserspeichern, um in Zukunft Trinkwasser zu sparen und das Kanalsystem zu entlasten …All diese Projekte werden entweder über „regioL“ im Rahmen des Leader-Programms der Europäischen Union oder über das Land Tirol gefördert.

RS: Du als Biologin hast dich sicher schon an den Klimawandel angepasst. Wie schaut das im Hause Totschnig aus?

Totschnig: Unter „Anpassung“ verstehe ich alle Vorkehrungen, die dazu beitragen, dass unsere Umwelt und unsere Gesellschaft gut mit den veränderten Bedingungen umgehen können … So versuchen wir in unserer Familie – wie viele andere Menschen auch – Lebensmittel regional und saisonal zu beziehen, generell unseren Konsum z.B. bei Spiel- und Sportgeräten nachhaltig zu gestalten und unsere Einstellung zur Mobilität zu überdenken. Konkret heißt das: Seit drei Jahren bewirtschaften wir gemeinsam mit anderen Familien einen Acker in Fließ. Wir versuchen, alle nötigen Fahrten möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem E-Auto oder in Fahrgemeinschaften zu erledigen. Beim Thema Wohnen nutzen wir leerstehenden Wohnraum in Zentrumsnähe. Und bei Hitzeperioden heißt es „Ab in den Naturpark Kaunergrat!“

RS: Danke.

Ulli Totschnig: In den ,Klar!‘-Gemeinden wurden 14 Trinkbrunnen errichtet, um in Hitzeperioden ausreichend Trinkwasser anzubieten.“ Foto: Andreas Kirschner