Heimtückisch abgehört

Liebe Freunde politischer Skandale!

Als das Ibiza-Video auftauchte, weilte ich auf Kur in der Steiermark. Mitten zwischen Blut- und Harnabnahmen, Gymnastik und Massagen ereilte mich bei der abendlichen Entspannung vor dem Fernseher das Filmchen, das Österreich binnen Stunden gravierend verändern sollte. Neben der Ausstrahlung des verheerenden Clips war die Milieustudie meiner Mitpatienten für mich das eigentlich Interessante. Bei Kaffee- und Zigarettenpausen streute ich dezent das Thema – und erfuhr prompt das jeweilige Wahlverhalten der Angesprochenen. Gar nicht so wenige von den Kurgästen entpuppten sich dabei als Blaue. Auf Fragen wie „Habt ihr das gesehen?“ oder „Was sagst du dazu?“ fielen Antworten wie „Warst du noch nie betrunken?“, „Hast du noch nie einen Blödsinn geredet?“ oder „Da sieht man wieder: Typisch für unsere Politiker. Egal welche Farbe. Sie haben alle Dreck am Stecken!“ Das Resultat dieser Äußerungen vernahm ich ein paar Tage später über das Ergebnis der EU-Wahlen. Nur ein mageres Minus von 2,5 Prozent hat den Freiheitlichen der Skandal gekostet. Und der Hauptdarsteller, Heinz-Christian Strache, erhielt so viele Vorzugsstimmen, dass er nach seinem Rücktritt als Parteiobmann und Vizekanzler jetzt sogar ins Europaparlament einziehen könnte. Das heißt: Noch immer fast ein Fünftel aller zur Urne Gehenden sind der Überzeugung, dass Strache und Gudenus einem heimtückischen Lauschangriff aufgesessen sind. Für ihre Fans sind nicht die Tatsachen, dass die FPÖ-Spitzenfunktionäre eine russische Oligarchin zur illegalen Parteienfinanzierung, zum Kauf der Kronenzeitung und zur Abschaffung des ORF bewegen wollten, das Verwerfliche. Nein: Für hart gesottene Blaue sind ihre Führungspersonen Opfer und nicht Täter! Das klingt wie ein fundamentalistisches Religionsbekenntnis, gegen das es für Andersgläubige keine Argumente gibt. Ein Analyst brachte das Gesagte auf den Punkt: „Raus kommt nur, was drinnen ist!“

Meinhard Eiter