Hirntod im Ötztal

Ein Bild aus besseren Tagen: Gedächtnisspeicher-GF Ingeborg Schmid-Mummert mit Museumsverein-Obm. Hans Haid (v.l.) anlässlich der ÖNK (Ötztal-Natur-Kultur) Präsentation. Foto: RS-Archiv/ÖNK

Gedächtnisspeicher ohne Leitung – Trägerverein ringt um Konzept

Hans Haid, Obmann des Ötztaler Museumsvereins in Längenfeld, möchte den Betrieb des derzeit führungslosen und damit „hirntoten“ Gedächtnisspeichers „in absehbarer Zeit“ wieder aufnehmen. Unverständlich für den Außenstehenden bleibt, warum es zur Schießung kam, zumal die Fördermittel und die Bekenntnisse von Gemeinden sowie Ötztal Tourismus auf dem Tisch lagen. Hier bringt Bgm. Ernst Schöpf, Mitglied des Ötztaler Planungsverbandes, ein wenig Licht ins Dunkel. Die scheidende Leiterin des Gedächtnisspeichers, Ingeborg Schmid-Mummert, sei „voll motiviert und an einer Weiterarbeit interessiert“. Sie gibt darüber hinaus jedoch keine Stellungnahme ab.

Leider nein, verbunden mit drei Fragezeichen nach dem „Warum???“. Ein Raunen ging jüngst durch das Ötztal, als bekannt wurde, dass Ingeborg Schmid-Mummert ihren Job im „Gedächtnis des Tales“, dem Gedächtnisspeicher in Längenfeld, los ist. Prompt stellten sich – sogar internationale – Solidaritätsbekundungen ein, zumal Schmid-Mummert in den letzten Jahren dem Gedächtnisspeicher zu einem Renommee weit über die Landesgrenzen hinaus verholfen hat. Wie kann es also sein, dass das Land Fördermittel bereit stellt, welche die Gemeinden lediglich abzuholen hätten, es jedoch am Ende zu einem echten Kultur-Skandal kommt?
„Der Gedächtnisspeicher ist aktuell nicht besetzt. (…) Wir bemühen uns um die Weiterführung. Aktuell geht es vor allem darum – nach dieser zugegebenermaßen schwierigen Zeit – den Betrieb des ,Gedächtnis des Tales‘ in absehbarer Zeit wieder aufzunehmen und Ideen und Pläne für die weitere Arbeit zu entwickeln. Die aktuelle Situation, viel Positives und die vorhandenen Schwierigkeiten, muss von allen Seiten kritisch hinterfragt werden und es muss mit der nötigen Ruhe und neuem Elan an die Sache herangegangen werden“, nimmt Hans Haid, Obmann des Ötztaler Heimatvereins, zur Schließung des Gedächtnisspeichers Stellung. Dabei nimmt Haid sehenden Auges in Kauf, dass man „mit dem Weggang von Ingeborg und damit mit dem vorläufigen Ende der beiden Formate ,Ofnbonk-palaver‘ und ,Begegnung im Gedächtnisspeicher'“ zwei „sehr gelungene Veranstaltungen“ verliert. Es gelte „hier Neues auszuarbeiten und zu entwickeln“, so Haid, der darauf verweist, dass „auch abseits dieser Formate Veranstaltungen im Ötztaler Heimat- und Freilichtmuseum“ stattfänden. Hans Haid gesteht ein: „Es gibt jetzt aber natürlich einen Verlust von Renommee und Reputation. Diese müssen durch professionelle und ausdauernde Arbeit wieder aufgebaut werden.“ Der Politik gibt Haid mit auf den Weg: „Wie es im Gedächtnisspeicher Ötztal weitergeht, wird jetzt auch ein Test für die Ötztaler Kulturpolitik.“ Und zuletzt stellt Haid die Frage: „Wie viel ist es einem der reichsten Täler des Alpenraumes wert, (…Sammlungen, Schenkungen und Dauerleihgaben…) entsprechend räumlich und archivarisch unterzubringen und zu betreuen?“
Als dreijähriges Projekt hatte man über die ötztalweiten Institutionen das Dach des ÖNK (Ötztal Natur Kultur) gespannt. Die Gemeinden wollten die „Hardcore-Kulturthemen“, also jene rund um Ötztaler Heimatverein, Gedächtnisspeicher und Turmmuseum Oetz, von den touristischen Themen im Tal trennen. So hätten sich Ötzi-Dorf mit Greifvogelpark, Badesee und Erlebnislandschaft Stuibenfall eigenständig weiterentwickelt. „Das war intern aber kein Stress“, freut sich Schöpf über diese Erfolge. Und wie die jüngste Einweihung der Naturpark-Volksschule Längenfeld zeigt, floriert auch der Naturpark Ötztal. „Seit Juni letzten Jahres ist die Anstellung von Ingeborg Schmid-Mummert ausgelaufen. Sie war angestellt, um den Gedächtnisspeicher mit Leben zu füllen. Das wusste zu Beginn niemand, wie das gehen soll, auch jene nicht, die es heute von sich behaupten“, bezieht Bürgermeister Ernst Schöpf klar Stellung: „Unbestritten ist, dass Ingeborg diese Belebung nicht schlecht gemacht hat.“ Doch wie konnte es letzten Endes zur Entscheidung, auf die Fördermittel zu verzichten (sic!) und dadurch den Gedächtnisspeicher ohne Leitung zu hinterlassen, kommen? „Uns, dem Planungsverband, wurde konzeptiv nicht das vorgelegt, was wir dem Land in Aussicht gestellt hatten“, meint Schöpf resignierend: „Man hat gemerkt, dass die Chemie mancher Menschen nicht ganz passt. Wenn man drauf kommt, dass der gemeinsame Nenner ein sehr kleiner ist, muss man als Entscheidungsträger einen Schlussstrich ziehen.“ Der gemeinsame Anspruch, Heimatmuseum, Turmmuseum und Gedächtnisspeicher weiter zu führen und stärker zu beleben, bleibe weiterhin bestehen, schließt Schöpf.

Kommentar
Das hat sich der Ötztaler Heimatverein zu seinem 50-jährigen Jubiläum nicht verdient, dass der Gedächtnisspeicher ohne fachkundige Leitung ist. Leider lassen sich aus der Stellungnahme des Obmannes weder echte Bemühungen, noch ein Konzept mit Zeitplan und klaren Verantwortlichkeiten ableiten. Die Erkenntnis, dass die scheidende Leiterin internationale Resonanz erzeugen und auf großen, breiten Zuspruch diverser Veranstaltungen verweisen sowie Förderzusagen und einen Schulterschluss der Verantwortlichen im Tal erreichen konnte, schmerzt umso mehr, wenn all dies am Ende vom Tisch gewischt wird. Was nützt das „Bewahren“, wenn das „Wiederentdecken“ fehlt? Seit dem Gedächtnisspeicher-Projekt hatte man im Tal das Gefühl, es geht diesbezüglich etwas weiter. Die ehrenamtlichen Anstrengungen wurden durch wissenschaftliche und professionelle Begleitung in der allgemeinen Wahrnehmung aufgewertet und wertgeschätzt. Der Idealfall wäre ein gemeinsames Ziehen am gleichen Strang gewesen. Und um es deutlich zu sagen: Die Regionalpolitiker haben sich redlich um dieses Miteinander bemüht! Den Verlust einer engagierten wie professionellen und ortsansässigen Mitarbeiterin ist kaum zu kompensieren. Ein Qualitätsverlust und der Rückfall ins „Schmuckkastl-Prinzip“ – absperren und Schlüssel verlieren – sind leider zu befürchten. Um dies zu verhindern, hätte so mancher Herr im Tal ruhig einmal über seinen eigenen Schatten springen können, denn manchmal ist „willensstark“ einfach nur „stur“, bedauert Thomas Parth, selbst Ötztaler
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