Hommage an einen Großen seiner Zunft

Christine Schneider stellte in der Bücherei in Reutte den lange verkannten Künstler Rudolf Wacker vor. Sein Werk hat viele Bezüge zum Außerfern. RS-Foto: Gerrmann

Christine Schneider würdigt ihren Urgroßonkel mit einem Vortrag

Zeitlebens musste er ums finanzielle Überleben kämpfen, heute erzielen seine Gemälde bei Auktionen Preise von über 200 000 Euro: Rudolf Wacker, ein Maler mit Wurzeln im Außerfern, war ein außergewöhnlicher Künstler und zählte zu den Größten seiner Zunft, die Österreich im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Obwohl er, so lange er lebte, diese Anerkennung nie erfuhr. Seine Urgroßnichte Christine Schneider würdigte ihn und sein Schaffen nun bei einem Vortrag in der Bücherei Reutte.

Von Jürgen Gerrmann

„Das Fenster“ – so lautet der Titel des Bildes, das Rudolf Wacker 1931 gemalt hat und das zur Zeit in der Ausstellung „Wacker im Krieg“ im Vorarlberg Museum zu sehen ist. Den Christus ohne Arme rechts brachte er 1925 von einem Besuch bei den Verwandten in Reutte mit. RS-Foto: Gerrmann

Wackers Großvater war Bauer in Obergarten, sein Vater angesehener Baumeister in Bregenz (er schuf dort unter unter anderem das Postgebäude und den ersten Bau des Voralberg-Museums, wo zurzeit eine große Ausstellung „Wacker im Krieg“ läuft). Und daher sei es für ihn auch kein Problem gewesen, Kunst zu studieren: „Das konnte sich damals nicht jeder leisten“, betonte Christine Schneider.

Über Wien kam der 1893 geborene Wacker kurz vor dem 1. Weltkrieg nach Weimar – „an eine der modernsten  Akademien, an der anders als anderswo auch Frauen studieren durften.“ 1914 schaffte er den Abschluss bei seinem zunächst verehrten Professor Albin Egger-Lienz, von dem er sich später loslöste.

Nach dem Attentat von Sarajewo zog er freiwillig in den Krieg. Schon bald litt er jedoch unter dem „Drill und dem Stumpfsinn der Ausbildung“, wie Christine Schneider deutlich machte: „Die Künstlerkollegen haben ihm einfach gefehlt.“ Kurzum: „Dieser Krieg hat sein ganzes Leben geprägt und verändert.“

Die Reuttenerin schilderte auch den Alltag im Gefangenenlager in Tomsk in Sibirien, in das ihn die Zarenarmee nach seiner Gefangennahme 1915 brachte: „Er hatte zwar als Offizier leichtere Bedingungen und erhielt sogar Sold. Aber man war dort nie allein, hatte keine Privatsphäre, ist nie zur Ruhe gekommen.“ Das habe bei vielen zu psychischen  Störungen geführt, die später als „Stacheldrahtkrankheit“ bezeichnet worden seien. Was ihn gequält habe, habe er des Nachts versucht, mit Zeichnungen zu verarbeiten: „Expressionistisch, auch als Absage an seinen Lehrer.“

Nach der Oktoberrevolution durfte sich Wacker sogar frei in der Stadt bewegen und fand dort wie bei seinen Kameraden im Lager auch sogar Abnehmer für seine Zeichnungen. Das Museum in Tomsk war das erste überhaupt, das einen Wacker ankaufte.

1920 kehrte er zurück nach Bregenz. Laut Christine Schneider bedeutete dies „Hoffnung auf eine neue Zukunft, Erotik, Leidenschaft, Kraft, Aufbruch, Neubeginn“. Im Winter besuchte er oft seine Familie in Bichlbach.

Ringen ums Überleben.

Wirtschaftlich ging es ihm allerdings sehr schlecht. Das Familienvermögen war wegen des Kaufs von Kriegsanleihen total vernichtet: „Es war ein ständiges Ringen ums Überleben, geprägt von Hungern und Frieren. Es war kein Geld für Farben da. Erst 1924 konnte er das erste Bild in Bregenz verkaufen.“

Durch seine intensiven Kontakte nach Deutschland (unter anderem zu Otto Dix) entwickelte sich Wacker hin zur „Neuen Sachlichkeit“: „Die gab es bis dahin in Österreich gar nicht.“ In Bregenz sei seine Kunst auch nicht gut angekommen und als „chaotisch bolschewistisch“ abqualifiziert worden. Nur der Kurator der Albertina habe das Können und die Bedeutung Wackers erkannt und 1927 das erste Bild angekauft. Heute befinden sich in dieser bedeutenden Sammlung in Wien 14 seiner Werke.

Das Jahr 1929 brachte mit dem Tod seiner Mutter und der Geburt seines Sohnes Romedius zwei einschneidende Ereignisse. Doch in seiner Kunst machen sich mehr und mehr Spuren der Resignation breit: beschädigte Heiligenfiguren und auf dem Dachboden gelandete Engel (viele davon aus Bichl-bach oder anderen Orten des Außerferns) tauchen immer mehr als Motiv auf. Selbst der künstlerische Höhepunkt (Wacker vertrat Österreich bei der Biennale 1934 in Venedig mit den „Zwei Köpfen“) ist mit dem demolierten Haubenstock von Angst vor der Zukunft geprägt.

Verzweiflung.

Durch eine enge Freundschaft mit einem Lehrer aus Lindau spürte er schon 1930, was sich da in Deutschland zusammenbraute. Christine Schneider: „Alles lief auf die Vernichtung des freien Geistes hinaus. Daher vernichtete er später auch den gesamten Briefwechsel mit seinem Freund.“

Die Verzweiflung spricht auch überdeutlich aus Wackers Spätwerk, in dem sich der entmündig-te Mensch widerspiegelt: „Er malt nur noch Puppen, nackt, mit leeren Augen, mit Sprüngen. Oder im Stechschritt, mit ,deutschem Gruß’.“

1938 marschieren die Nazis in Österreich ein. Bald kommt die Gestapo zur Hausdurchsuchung. Der starke Raucher erleidet einen ersten Herzanfall, beim Verhör ein paar Tage später folgt der zweite. Davon erholt er sich nicht mehr. Er stirbt am 19. April 1939 in seinem Elternhaus.

Eines seiner letzten Gemälde zeigt einen Herbststrauß mit ersterbenden Blumen. Und einen Christus ohne Arme. Aus dem Außerfern.

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