Hotline-Nummer „141“ gilt längst nicht überall

Flucht nach vorn: Ärztekammer wünscht sich breite Diskussion zum Thema und hat dazu extra eine eigene Homepage www.landaerzte.tirol eingerichtet

Ärztekammer auf der Suche nach dem Stein der Weisen – Weiterhin etliche offene Fragen

(prax/tom) Dass bei niedergelassenen Kassenvertragsärzten – speziell in manchen Fachgebieten – Mangelsituationen bestehen, steht schon lange außer Frage. Eine bevorstehende Pensionswelle übt zusätzlich Druck auf die Situation der Allgemeinärzte aus, da sich binnen der nächsten zehn Jahre rund die Hälfte aller Land-ärzte in den Ruhestand verabschiedet. Darüber hinaus sorgt die schleppende Besetzung von Kassenstellen für Allgemeinmediziner, vor allem von Landarztstellen, für Konfliktstoff. Nun versucht die Ärztekammer für Tirol mit verschiedenen Lösungsansätzen Abhilfe zu schaffen bzw. einer Zuspitzung vorzubauen.

Um von einer Ärztedynastie zu sprechen dafür reicht es in Längenfeld zwar nicht, doch immerhin hat Dr. Herbert Illmer die Nachfolge seines Vaters als örtlicher Hausarzt angetreten und von ihm Ordination, Kundenstamm und Hausapotheke übernommen. Ein nahtloser Übergang von einem Arzt zum nächsten war somit sichergestellt. „Laut derzeitigem gesetzlichem Stand muss ich jedoch binnen von zwei Jahren mit dem Einzug der öffentlichen Apotheke meine Haus-apotheke abgeben. Es stellt sich die Frage nach dem Angebot, welches wir Landärzte unseren PatientInnen bieten wollen“, merkt Dr. Illmer an.
WELCHE LEISTUNG SOLL GEBOTEN WERDEN? Dr. Illmer bemängelt in einem Gespräch mit der RUNDSCHAU, dass speziell jungen Ärzten in der Vergangenheit einige Hürden in den Weg gestellt worden seien. „Ich konnte noch durch meine Hausapotheke und die Einkünfte, die diese abwirft, eine Querfinanzierung vornehmen. Dadurch waren Anschaffungen wie z.B. jene eines Röntgenapparates möglich“, zeigt Dr. Illmer auf. Er stellt damit seine Motivation als „Landarzt“ in den Vordergrund. Sein Vater war in dieser Position seit 30 Jahren, während sich sein Sohn bereits seit 20 Jahren um das Wohl der örtlichen Bevölkerung sowie der Touristen bemüht. Die Motivation ist nicht allein finanzieller Natur, denn schließlich re-investierte Dr. Illmer Teile seiner Einnahmen in die Infrastruktur seiner Praxis, quasi ein Landarzt mit Leib und Seele. „Wir können dadurch einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder einen Knochenbruch rasch diagnostizieren“, verweist Dr. Illmer auf sein Labor, die Kinderstation oder das erwähnte Röntgen. „Wenn die Burschen am Sonntag vom Fußballplatz zu mir in den Bereitschaftsdienst kommen, kann ich binnen weniger Minuten sagen, ob die Hand gebrochen ist oder nicht“, bestätigt Dr. Illmer. Anderen Kollegen ist die Anschaffung von derartigem Equipment kaum mehr möglich, da eine Querfinanzierung durch den Mangel einer Hausapotheke fehlt.

FREIWILLIGER DIENST AM MENSCHEN. Gemeinsam mit den Ärzten im Vorderötztal Dr. Frick, Dr. Hallbrucker, Dr. Larcher und Dr. Karagiannis befindet sich Dr. Illmer in einem Bereitschaftsdienst von Sautens über Oetz und Umhausen bis Längenfeld. „Das spart dem System viel Zeit und Geld, weil nicht gleich eine Notaufnahme oder ein Helikopter auf den Plan treten muss. Darüber hinaus erlaubt es den einzelnen Ärzten auch eine Form von Lebensqualität, weil man sich die freiwilligen 24-Stunden-Bereitschaftsdienste unter den Kollegen ausmachen kann. Dadurch wird so etwas wie Freizeit bzw. Zeit für die Familie möglich“, unterstreicht Dr. Illmer den sozialen Aspekt einer derartigen Lösung. „Im Ötztal funktioniert die Notrufnummer 141 unter welcher man zwischen 19 und 6 Uhr direkt mit dem diensthabenden Arzt verbunden wird“, weiß Dr. Herbert Illmer seine PatientInnen auch während seiner Abwesenheit in guten ärztlichen Händen.

ZUSAMMENARBEIT NÖTIG. Das allgemein bekannte „Problem Hausapotheke“ steht zur Zeit nicht alleine im Fokus. Besonders am Land sind Hausapotheken für die medizinische (Nah-)Versorgung von großer Wichtigkeit. Eine kürzlich erfolgte Gesetzesänderung zum Erhalt von Hausapotheken soll künftig zum teilweisen Erhalt von Hausapotheken beitragen. – Eine nahtlose Nachbesetzung von Kassenstellen für Allgemeinmediziner ist vor allem am Land eine Herausforderung. Aufgrund der aktuellen Problematik gilt es nun, die Arbeitsplätze attraktiver zu machen, beteuert Ärztekammer-Präsident Dr. Artur Wechselberger jüngst auf einer Pressekonferenz. Um eine Attraktivierung zu ermöglichen, sei die Zusammenarbeit von Gemeinde, Land, Krankenkasse und Ärztekammer unbedingt notwendig.

FAKTOR GELD. Für alle Vertragsärzte in Tirol werden jährlich rund 160 Millionen Euro an Honoraren ausbezahlt – bei einem Umsatz von einer Milliarde. Zusätzliche finanzielle Unterstützung würde wesentlich dazu beitragen, Arbeitsplätze innerhalb der Ärzteschaft attraktiv zu manchen und die seit längerem unbesetzen Facharztstellen zu füllen. Trotz möglicher Verschuldung von Gemeinden und Kassen zeigt sich Präsident Wechselberger zuversichlich, dass die Summen in Zusammenarbeit mit dem Land abdeckbar wären.

ATTRAKTIVE ARBEITSPLÄTZE. Ein entscheidender, zu berücksichtigender Faktor ist, dass künftig mit einem Frauenanteil von 60 Prozent an niedergelassenen Allgemeinmedizienerinnen zu rechnen ist (Anm.: Momentan spricht man von lediglich einem 30-prozentigen Frauenanteil). Den Bedürfnissen junger Ärztinnen müsse man deshalb entgegenkommen. Zum Beispiel durch das Finden von Vertretungen, die Besetzung von zwei Ärzten auf einer Kassenstelle oder die Veränderung von Bereitschaftsdensten. „Vielleicht erklärt sich eine Gemeinde bereit, einen Wochenenddienst pro Monat zu finanzieren“, sinniert Wechselberger: „Und die Kammer könnte für die Besetzung sorgen.“ Am wichtigsten jedoch sei die Krankenkasse als Partner. Eine Ideavorstellung wäre, dass die ÄrztInnen von einem Kassenvertrag leben können. Landärzte-Referent MR Dr. Klaus Schweitzer sieht weiterhin Verbesserungsmöglichkeiten einer reibungslosen Praxisübergabe: „Es muss die Sicherheit geben, dass der Mediziner meine Nachfolge antreten kann, der schon im Vorfeld seine Zeit, Geld und Engagement verwendet hat, um mit mir zusammen zu arbeiten.“ Die Frage nach den Hausapotheken bzw. deren Verlust ist für Dr. Schweitzer, selbst Landarzt in Tulfes, bekannt. Die Querfinanzierung durch die Hausapotheken sei eine wichtige und solle durch das jüngste Gesetz abgefedert werden; außerdem gelte für ihn der Wunsch, die Hausapotheke als naheste Versorgung der PatientInnen zu erhalten: „Wir müssen die Hausapotheken erhalten.“
Der Kurienobmann für niedergelassene Ärzte, Dr. Momen Radi, hat erkannt, dass sich die Wahlarztzahlen in den letzten 20 Jahren verdoppelt haben: „Warum wollen junge ÄrztInnen nicht mehr in das Kassen-System? Weil Ärzte für mehr Arbeit vom System bestraft werden, weil mehr Arbeit für Verwaltung statt am Patienten aufgewendet werden muss und weil selbst die PatientInnen keine langen Wartezeiten mehr dulden.“
Über die qualitätsvolle Ausbildung der med-UNI-Innsbruck lässt Kammer-Präsident Wechselberger jedenfalls nichts kommen: „Die Ausbildung ist eine hervorragende!“ Über die angesprochenen Probleme soll nun frei und breit diskutiert werden, wünscht sich die AeK Tirol und hat deshalb eine eigene Homepage unter www.landaerzte.tirol kreiert.

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