„Ich persönlich halte Vielfalt für interessant“

Der aus Landeck stammende Pater Dr. Alexander Rödlach ist Priester und Anthropologe: „Es ging bei mir immer zugleich um Gott und den Menschen.“ Foto: Alexander Rödlach

Der aus Landeck stammende Pater Alexander Rödlach über Gott, den Menschen und das Professorendasein in Nebraska

 

Alexander Rödlach ist Steyler Missionar und Priester und arbeitet derzeit als Kulturanthropologe an der Universität von Creighton im US-amerikanischen Nebraska. Im RUNDSCHAU-Gespräch berichtet er von seinem bisherigen Leben in Öster-reich, Zimbabwe und den USA, seiner Arbeit als Hochschulprofessor und wie er Glaube und Wissenschaft verbindet.

 

Von Daniel Haueis

 

RUNDSCHAU: Auf einem Internetportal, auf dem Studenten ihre Professoren bewerten können, schneiden Sie fast ausschließlich mit „Gut“ (good) und „Spitze“ (awesome) ab. Wie ist Professor Rödlach im Hörsaal? Wie wurde er zum „Nicest guy ever!“, wie ein Student bzw. eine Studentin auf dem Internetportal über Sie geschrieben hat?

Pater Dr. Alexander Rödlach SVD: Diese Internetportale sind natürlich nicht ganz ernst zu nehmen, da man ja nicht weiß, wer diese Bewertungen abgegeben hat und wie repräsentativ diese sind. Trotzdem freut es mich, dass einige der Bewertungen recht positiv ausgefallen sind. Ich unterrichte vor allem Vorlesungen im Bereich der Weltgesundheit und des öffentlichen Gesundheitswesens und beschreibe und analysiere beide Bereiche über den Blickwinkel der medizinischen Kulturanthropologie. Viele Studenten der Creighton University wollen sich auf einen Beruf in der Medizin, der Krankenpflege, der Zahnarztkunde und anderen Berufen im Gesundheitswesen vorbereiten und sind deshalb interessiert an meinen Vorlesungen, was sich dann auch positiv auf die Bewertungen auswirkt. Im Unterricht versuche ich ein Gleichgewicht zwischen Vorlesung und Diskussion herzustellen, was interessierten Studenten recht gut tut, aber anderen etwas auf die Nerven geht, da sie sich auf den Unterricht vorbereiten müssen (jede Woche müssen mehrere Artikel für die Vorlesungen gelesen werden und kurze schriftliche Arbeiten abgegeben werden), denn sonst kann es während der Diskussionen für sie etwas peinlich werden, wenn sie nichts von der Materie wissen. Darum bekomme ich auch eher bessere Bewertungen von interessierteren Studenten, während die mittelmäßigen Studenten sich über meinen Vorlesungsstil beklagen. Ein anderer wunder Punkt ist, dass ich in einer Vorlesung verlange, dass Studenten wöchentlich mindestens zwei Stunden freiwilligen sozialen Dienst machen und ihre Erfahrungen dann mit den Vorlesungsthemen, der vorgeschriebenen Lektüre und so weiter verbinden. Ich halte „Lernen über Erfahrung“ für sehr wichtig, aber manche Studenten scheuen sich davor, weil es sehr viel Zeit braucht. Die Studenten, die sich im Unterricht engagieren, arbeiten später mit mir an Forschungsprojekten. Zum Beispiel haben im letzten Jahr zehn Studenten mit mir und einem zweiten Professor ein ganzes Jahr lang eine Bedarfserhebung in einer Kleinstadt mit 9000 Einwohnern gemacht.

RS: Blicken wir zurück: 1990 haben Sie das Studium der Theologie abgeschlossen, waren dann als Steyler Missionar in Zimbabwe, um danach in Washington und Florida Anthropologie zu studieren. Heute sind Sie Anthropologie-Professor an der Creighton University in Omaha in Nebraska. Weshalb haben Sie sich in puncto Ausbildung zuerst Gott und dann dem Menschen zugewandt?

AR: Es ging bei mir immer zugleich um Gott und den Menschen. Beides lässt sich nicht trennen. Wenn man sich Gott zuwendet, dann wendet man sich auch dem Menschen zu. Und wenn man sich dem Menschen zuwendet, dann wendet man sich immer auch Gott zu. Immerhin ist der Mensch eine Schöpfung Gottes und man sieht in der Schöpfung auch Gott. Wie ich nach meiner Priesterweihe im afrikanischen Zimbabwe gearbeitet habe, ging es mir darum, Gott den Menschen nahezubringen durch mein (schwaches) Beispiel und meinen (fehlerhaften) Einsatz und auch die Menschen Gott nahezubringen in der Pfarrgemeinde und der Kirche. Gerade im erlebten Miteinander in der Pfarrgemeinde wird auch Gott erfahren. Unser Gott ist ein Gott, der als Dreifaltigkeit auch Beziehung in sich ist und in der Beziehung zwischen Menschen erfahren wird. Während meiner Arbeit als Priester habe ich dann gemerkt, wie wichtig es ist, den kulturellen, geschichtlichen, sozialen und individuellen Hintergrund der Menschen zu verstehen. Meine Gemeinschaft, die Steyler Missionare, haben deshalb immer schon ihre Mitglieder ermutigt Soziologie, Psychologie, und besonders die Kulturanthropologie zu studieren. Meine Mitbrüder haben mich zum Studium ermutigt. Der Grund dafür ist, den Menschen besser zu verstehen und darum auch die Botschaft Jesu besser verkünden zu können. Ich hab’ mich dann auf die medizinische Anthropologie spezialisiert, da Gesundheit, Krankheit und Heilung jeden Menschen sehr berühren und weil die Beziehung zum Glauben viel damit zu tun hat. Meine Forschungen der letzten Jahre haben sich zum Großteil auf den Themenbereich Gesundheit-Religion-Voluntarismus bezogen. Mehrmals entwickelt sich aus einem kirchlichen Thema ein Forschungsprojekt für mich oder ein Forschungsprojekt bringt mich zur Pastoral zurück. Zum Beispiel habe ich eine Flüchtlingsgruppe aus Myanmar über eine Studie kennengelernt. Da die meisten Mitglieder der Flüchtlingsgruppe katholisch sind, bin ich auch als Priester für sie engagiert. Dieses Beispiel veranschau-licht, dass es mir immer um Gott und den Menschen geht.

RS: Welchen Stellenwert hat der Glaube heute in Ihrem Leben, welchen die Wissenschaft (vom Menschen)?

AR: Glaube und Wissenschaft gehören zusammen und ergänzen einander. Während die Wissenschaft versucht, die Wirklichkeit empirisch zu erforschen und zu beschreiben, versucht der Glaube die Bedeutung und Signifikanz der Wirklichkeit zu verstehen. Glaube ohne Wissenschaft artet oft in Ideologie und Menschenfeindlichkeit aus und Wissenschaft ohne Glaube übersieht oft die Bedeutung des Lebens über das Empirische hinaus und wird dem Menschen und dem Leben nicht gerecht. Der christliche Glaube ermutigt mich daran mitzuarbeiten, auch über meine wissenschaftliche Arbeit, dass unsere Gesellschaft und die Welt immer mehr von den Werten des Evangeliums geprägt wird. Darum erforsche ich derzeit, wie die Arbeit von Pfarrkrankenschwestern in den USA das Leben ihrer Patienten und Klienten berührt, deren Gesundheit verbessert und positive Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Es gibt an die 16000 Pfarrkrankenschwestern in den USA, die zum großen Teil auf freiwilliger Basis Gesundheitserziehung und andere Programme in Pfarren anbieten.

RS: Einen Anthropologen muss man natürlich fragen: Was ist der Mensch?

AR: Das ist vermutlich eine der schwierigsten Fragen, die man einen Anthropologen fragen kann, und verschiedene Anthropologen antworten verschieden darauf, und diese Antworten sind dann vermutlich auch vom Kontext der Fragestellung beeinflusst. Die Anthropologie ist eine relativistische Wissenschaft und hat kein singuläres Menschenbild. Mein Menschenbild ist von meinem Glauben beeinflusst, aber das ist nur eines von vielen Menschenbildern. Die Konstanten des Menschen sind sehr allgemein. Zum Beispiel alle Menschen leben sozial in Gruppen zusammen, haben säkulare und religiöse Rituale, passen sich an ihre Umwelt an und verändern ihre Umwelt. In wichtigeren Aspekten des menschlichen Lebens unterscheiden sich menschliche Gruppen massiv voneinander. Das kann als bereichernd oder als bedrohlich erfahren werden. Ich persönlich halte Vielfalt für interessant, da dies Ausdruck der starken Anpassungsfähigkeit des Menschen ist. Auch vom Glauben her gesehen ist Vielfalt eine Bereicherung als Ausdruck der Schöpfungskreativität Gottes.

RS: Ihre Forschungen bzw. Publikationen betreffen vielfach Afrika, speziell die HIV/Aids-Problematik, und auch Flüchtlinge in Omaha. Sie sind aber auch auf Zauberei und Hexerei spezialisiert, ebenso Verschwörungstheorien. Wie sieht der Alltag eines Creighton-Professors mit derartigen Schwerpunkten aus, wie der Alltag des Privatmanns Alexander Rödlach?

AR: Der Alltag eines Professors ist oft sehr banal. Ich bereite mich auf die Vorlesungen vor, lese und benote Seminararbeiten, treffe mich mit Studenten, um deren Arbeit zu besprechen, gehe zu Sitzungen, analysiere Forschungsdaten und so weiter. Gerne hätte ich mehr Zeit zum Lesen und für Forschungsprojekte, doch beides kommt oft zu kurz, da der Universitätsbetrieb im Vordergrund steht. Obwohl ich gerne unterrichte und Studenten betreue, genieße ich es vor allem, wenn ich Interviews für ein Forschungsprojekt mache, Daten eines Umfragebogens auswerte und versuche, darin zentrale Themen zu erkennen und zu interpretieren. Dafür gibt es oft nicht genug Zeit. Glücklicherweise haben wir alle sieben Jahre ein Sabbatjahr. Vor zwei Jahren hatte ich so ein Sabbatjahr und verbrachte es mit den Pfarrkrankenschwestern, die ich vorher erwähnt habe. Das Schöne an meiner Arbeit ist auch, dass ich meine persönlichen Interessen mit meiner Arbeit verbinden kann. Das was mich als Mensch berührt und herausfordert, ist auch Teil meiner Arbeit. Kann man sich was Besseres wünschen?!

RS: Wenn Sie auf Ihr (jugendliches) Leben in Landeck, Ihre Zeit als Missionar in Afrika und Ihr nunmehriges Dasein als Universitätsprofessor inmitten der USA zurückblicken – was war die jeweils wichtigste Erfahrung?

AR: In all diesen Etappen meines Lebens gab es immer Menschen, die mich begleitet und herausgefordert haben, über die Sinnhaftigkeit meines Lebens und dessen, was ich mache, nachzudenken. Die Gespräche und das Miteinander mit diesen Menschen haben mich dann angeregt, etwas Neues zu probieren, und mir den Mut gegeben, dem nachzugehen. Ich bin diesen Menschen sehr dankbar und ohne sie wäre ich vermutlich irgendwo in einer Sackgasse gelandet.

RS: Sind die USA Ihre neue Heimat oder kann es Sie auch nochmals an einen ganz anderen Ort „verschlagen“?

AR: Die USA ist derzeit meine Heimat, wie es schon Landeck, Wien und Zimbabwe vorher waren. Mal schauen, was sich so in den nächsten Jahren ergibt … Derzeit denke ich nicht daran, einen neuen Weg einzuschlagen und was Neues zu beginnen, doch der Heilige Geist wird vielleicht mal wieder anklopfen und über Mitmenschen mir eine neue Idee geben.

RS: Ein wenig über den Tellerrand zu schauen, schadet wohl keiner Region: Kann man Sie, wie vor etlichen Jahren mit einem Vortrag über Ihre Arbeit in Zimbabwe, wieder einmal in Landeck erleben?

AR: Ich komme normalerweise einmal im Jahr nach Landeck und bin gerne bereit einen Vortrag zu halten.

RS: Danke

 

Pater Dr. Alexander Rödlach SVD

Alexander Rödlach wurde 1964 geboren, hat die Volksschule auf der Öd besucht und dann das Bundesrealgymnasium in Perjen. Anschließend begann er das Noviziat bei den Steyler Missionaren in Mödling, studierte in St. Gabriel Theologie und wurde 1990 zum Priester geweiht. Von 1991 bis 1998 war Rödlach als Missionar in Zimbabwe tätig. Danach studierte er Kulturanthropologie (Ethnologie) in Washington DC (Master of Arts in Kulturanthropologie), anschließend studierte er das gleiche Fach an der University of Florida (Doktorat 2005). Danach arbeitete er ein Jahr in Sankt Augustin in Deutschland in einem ethnologischen Institut, ehe er eine Lehrstelle für medizinische Anthropologie an der Creighton University in Omaha, Nebraska, USA, erhielt.