Im Bann des Magyaren

Die Protagonisten des 71. Jazzknödels: Martin Seeliger, László Demeter, Reinhard Kröss und Clemens Ebenbichler.RS-Foto: Matt

Umjubelter Jazzknödel mit dem László Demeter Quartett

Abermals eine musikalische Jazzknödel-Delikatesse wurde jüngst im Imster Gasthof Hirschen mit dem mitreißenden László Demeter Quartett aufgetischt, das mit Eigenkompositionen des Namensgebers dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache raubte.

Von Manuel Matt

Am Anfang war das tierhafte Schnauben des Didgeridoos, dem eigenwilligen und fordernden Holzblasinstrument der australischen Ureinwohner. Meisterhaft beherrscht von Martin Seeliger, scheint der ausgehöhlte Eukalyptusstamm eine hypnotische Ur-Kraft, weckt Assoziationen, lässt denken an Lovecraft-Schlummermonster Cthulhu oder die hinduistische Götterschlange Anantashesha, die in den Tiefen des bengalischen Golfs das Ende der Zeit erwartet. Tatsächlich ist es aber die „Kyrie“, ein Gruß an die Toten, ein Gebet für jene, die vor uns kamen und unserer unvermeidlichen Heimkehr harren, erklärt László Demeter – und er muss es wissen, stammt das Stück doch ebenso wie alle anderen Genüsse des Abends aus seiner Feder. Der in Lechaschau lebende Maestro mit dem sympathischen Akzent aus Ungarn, dem Land der Magyaren, nimmt seinen Platz am Schlagzeug ein, ist Zeremonienmeister seiner eigenen Kompositionen, verewigt auf drei Silberscheiben, gewiss nur darauf wartend, zu Standards zu werden. Neben dem auf allerhand Blasinstrumenten versierten Seeliger begleiten Demeter der virtuos in Sphären schwebenden Pianist Clemens Ebenbichler und Bassist Reinhard Kröss, bekannt und geschätzt in vielerlei Formationen. Zusammen nehmen sie die Zuhörer an der Hand, tanzen mit „Time Space“ am Ereignishorizont des Schwarzen Lochs inmitten der Milchstraße, gehalten nur von den Fäden einprägsamer, mitreißender Melodien. Dann geht es mit „Home“ zurück an das prasselnde Kaminfeuer des eigenen Zuhauses, nur um ein Stück später anhand von „Manhattan Walk“ in die Hektik an den Ufern des Hudson River einzutauchen, wo der Tod im endlosen Verkehr an jeder Kreuzung auf Ungestüme lauert und so doch zur Lebensfreude ermahnt. Die gemeinsame Reise ist geprägt von Respekt. Das Publikum hört aufmerksam zu, hüllt sich in Schweigen, lediglich durchbrochen vom Applaus für die Solisten. Das erfreute Quartett dankt wiederum mit musikalischen Höchstleistungen und sprühender Leidenschaft.

Abschied.

Doch jede Fahrt, jede noch so in Ewigkeit schwelgende Odyssee muss irgendwann ans Ziel führen, ebenso wie dieser bescheidene Bericht eines Ohrenzeugen, der sich den tatsächlichen Begebenheiten vielleicht annähern, aber niemals gerecht werden könnte. Am Ende steht wieder das Didgeridoo, zitternd erfüllt vom Odem des Lebens. Ein Lebewohl an das Publikum, das nun das Schiff verlassen und wieder in den Alltag zurückkehren muss, während Cthulhu sich in der verlorenen Stadt R’lyeh wieder seinen Träumen hingibt und Anantashesha zufrieden den Kopf in den Sand legt. Doch auch dieses Mal ist es ein Gruß, ein Gebet für jene, die nach uns kommen und die Fackel weiter tragen werden. Demeter und sein Quartett verbeugen sich im stürmischen Beifall, danken herzlich für die Aufmerksamkeit. Doch da, eine Zugabe: Noch ein letztes Mal spielt der Schöpfer seiner eben gehörten Werke mit jeder Faser seines Körpers, seine Mitstreiter folgen ihm mit demselben Enthusiasmus, bis sich schließlich der letzte Ton im Wintergarten des Gasthofs verliert. Ein Fest für Augen und Ohren, das auch den gastgebenden Hirschen-Wirt Hannes Staggl um ein Mikrofon bitten lässt – für Worte des Dankes, des Respekts und die Einladung, doch noch ein wenig bei Wein und gutem Essen zu verweilen.

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