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Imst | Chronik | 26. April 2021 | Gebi G. Schnöll

Ein Fürstbischof mit großer Demut im Herzen

Ein Fürstbischof mit großer Demut im Herzen
Bischof Johannes Raffl (vorne Mitte) 1923 in Roppen, als die Glocke eingeweiht wurde.  Foto: Pfarre Roppen
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Vor genau 100 Jahren wurde der gebürtige Roppner Johannes Raffl zum Oberhirten der Diözese Brixen geweiht

Vor genau 100 Jahren, nämlich am 28. April 1921, wurde der aus Roppen gebürtige Geistliche Johannes Raffl völlig überraschend durch den damaligen Papst Benedikt XV. zum Oberhirten der Diözese Brixen ernannt und am 23. Juni im Brixner Dom inthronisiert. Für den Roppner Pfarrer Johannes Laichner Grund genug, Umstände und Zeit der Bestellung des letzten gemeinsamen Fürstbischofs von Tirol, Südtirol und Vorarlberg näher zu beleuchten.
Von Gebi G. Schnöll

Glaubt man den Zeitungsberichten jener Tage, so wurde Johannes Raffls Ernennung im ganzen Bistum mit großer Freude aufgenommen – auch deshalb, weil der Bixner Bischofsstuhl seit drei Jahren vakant gewesen war. Man lobte Raffls Demut und sprach von einer „bezwingenden Liebenswürdigkeit“ des neuen Oberhirten. Zugleich war sich die Öffentlichkeit auch der Bürde dieses Bischofsamtes bewusst, besonders in diesen schwierigen Zeiten mitten im Wiederaufbau nach einem verheerenden Weltkrieg. „Der lange Krieg hatte das christliche Kultur- und Geistesleben verwüstet. Vieles, was im christlichen Sittengesetz bisher selbstverständlich verankert war, lag nun sprichwörtlich in Trümmern.  Hinzu kam der Schmerz über die Trennung des Landes am Brennerpass. Durch die Entmachtung der früheren politischen Akteure nach der Annexion 1919 verblieb die Kirche als wohl letzte bedeutende Trägerin des Tiroler Landesbewusstseins. Die Kirche sah sich in den folgenden Jahren gedrängt, für die Rechte der benachteiligten Bevölkerung einzutreten und besonders die Deutsch und Ladinisch sprechenden Südtiroler vor den zunehmenden Repressionen der faschistischen Regierung in Schutz zu nehmen“, erklärt der Roppner Pfarrer Johannes Laichner.  

AMTSANTRITT. Raffls Amtsantritt fiel aber nicht nur in die bewegte Zeit der Neuordnung aller staatlichen Angelegenheiten durch den Friedensvertrag von St. Germain und der willkürlich aufgezwungenen und zutiefst schmerzhaften Spaltung Tirols und seiner Bevölkerung, sondern war auch geprägt vom Ende einer mehr als 1000-jährigen Geschichte eines Bistums. Hatten seine Vorgänger bei ihrer Inthronisation noch ein riesiges Diözesangebiet übernommen und reichte ihre bischöfliche Jurisdiktion vom Bodensee bis zum Zillerfluss, von Reutte bis Ampezzo und vom Achensee bis in den Obervinschgau, so sah sich Raffl infolge der Abtrennung von Österreich mit dem allmählichen Verlust von drei Viertel des ursprünglichen Diözesangebietes konfrontiert. Zwar sollten die Verbindungen zwischen Innsbruck-Feldkirch und Brixen bis 1925 eng bleiben, trotzdem war schon 1921 absehbar, dass sich die in Österreich verbliebenen Diözesangebiete in wenigen Jahren zu einem selbstständigen kirchlichen Verwaltungssprengel entwickeln würden. 

ERFAHRUNG FÜRS BISCHOFAMT. Wohl auch in Reaktion auf die Neuordnung der Staatsgrenzen und der daraus resultierenden Schwierigkeiten einer länderübergreifenden Seelsorge übertrug Papst Benedikt XV. dem bisherigen Generalvikar von Vorarlberg, Sigmund Waitz, mit dem Dekret vom 9. April 1921 die geistliche Amtsgewalt für den österreichischen Teil der Diözese Brixen, aber immer noch in Unterordnung zu Fürstbischof Johannes Raffl, der nur drei Wochen später sein neues Hirtenamt annehmen sollte. Im Unterschied zu den Vorgängern im Bischofsamt war Raffl weder Domherr noch Theologieprofessor gewesen. Trotz seiner demütigen Selbsteinschätzung brachte er aber dennoch genügend Erfahrung mit ins Bischofsamt, vom Präfektendienst im Vinzentinum über die Pfarrseelsorge in Jenbach, Mieming und Oberhofen zum diözesanen Kanzlei- und Wirtschaftsressort, dabei der ständige Haus- und Tischgenosse mehrerer Fürstbischöfe und als solcher in alle Einzelheiten der episkopalen Geschäfte und Angelegenheiten eingeweiht, von der Seelsorge niemals losgelöst, weder vom Beichtstuhl noch vom katholischen Vereinsleben. „In der öffentlichen Wahrnehmung galt Raffl daher von Anfang an als ein Mann aus dem Volk, ganz nach dem Wunsch vieler Gläubigen. Bis zu seinem allzu frühen Ableben 1927 war seine Amtszeit von großen politischen und kirchlichen Veränderungen geprägt“, weiß Pfarrer Leichner. Die Annexion Südtirols durch Italien führte 1925 zur Teilung der Diözese Brixen und längerfristig zur Errichtung der Diözesen Bozen-Brixen, Innsbruck und Feldkirch. Trotz dieser schmerzhaften Teilung der Diözese oder gerade auch deshalb suchte Fürstbischof Johannes nach 1925 noch intensiver die Nähe zum gläubigen Volk. Er blieb im Grunde der eifrige Landpfarrer, der sich als guter Hirte um die ihm Anvertrauten kümmerte.

ZEITNAH UND GÜLTIG. Er galt zeitlebens als volksnaher und gütiger Oberhirte. Seine Predigten und Katechesen waren wortgewaltig und prophetisch zugleich. Seine Analysen wirken zeitlos aktuell. Raffl beklagt grundsätzlich den Glaubensabfall seiner Zeit. Die Auswirkungen dieser Entwicklung treffen die Gesellschaft im Kern. Familien und Ehen zerbrechen an den Folgen der sich ausbreitenden Sittenlosigkeit, die Gottvergessenheit bedroht die Würde der Frau und den Schutz des ungeborenen Lebens. Mag Raffls Predigt heute für einigen Ohren restaurativ und antiliberal klingen, so wies er doch mutig auf Missstände hin und verurteilte zurecht menschenverachtende Zustände. Für den Fürstbischof stand fest: Die Abkehr von Christus und damit von der letzten Wahrheit bedeutet am Ende auch die Abkehr von einer humanen und freien Gesellschaft. Wahrheit muss es geben. Sie stellt auch keine Bedrohung der Freiheit dar, sondern ermöglicht sie erst. Gefährlich sind vielmehr der wachsende Individualismus und der Relativismus, die auf Wahrheit verzichten und zu keinem erfüllten Leben führen. „Im Blick auf Christus, der ewigen Wahrheit schlechthin, kann uns ein Leitwort von Fürstbischof Johannes Raffl auch heute in diesen bedrängten und mitunter verwirrenden Zeiten Hoffnung und Mut schenken: Verzagt nicht, jede Zeit hat ihre Schwierigkeiten“, schließt Pfarrer Johannes Laichner ab.  
Ein Fürstbischof mit großer Demut im Herzen
Sanft und Demütig im Herzen: Fürstbischof Johannes Raffl. Foto: Pfarre Roppen
Ein Fürstbischof mit großer Demut im Herzen
Pfarrer Johannes Laichner taufte nun den Widum-Vorplatz zum „Fürstbischof-Johannes-Raffl-Platz. Foto: Pfarre Roppen
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