Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Chronik | 12. Mai 2020 | Barbara Heiss

„Es war keine leichte Situation“

„Es war keine leichte Situation“
Bei verschiedenen Schnupper-Tagen half Mario…
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Lydia Falkner im Gespräch über die Corona-Zeit mit ihrem behinderten Sohn

Lydia und Stefan Falkner aus Obsteig sind Eltern des 17-jährigen Marios, der an einer geistigen Beeinträchtigung leidet. Gerade für Familien wie sie gestaltet sich die momentane Situation mit eingeschränktem Schul- und Betreuungsbetrieb eher schwierig. Die RUNDSCHAU sprach mit Marios Mutter Lydia darüber, wie sie gemeinsam mit ihrer Familie die Zeit der Corona-Maßnahmen erlebt und gemeistert hat.
Von Barbara Heiss

RUNDSCHAU:
Wie sieht Ihre Familiensituation aus? Wie geht es Ihrem Sohn?
Lydia Falkner: Bis Mario drei Jahre alt war, hat er sich völlig gesund entwickelt. Danach haben die epileptischen Anfälle begonnen. Es gab dafür keinen wirklichen Auslöser. Dann sind wir wochen- und monatelang von Arzt zu Arzt gelaufen. Keiner hat aber so recht herausgefunden, was mein Sohn hat. 2011 hat man ihn dann in Wien am Hirn operiert und einen kleinen Teil davon herausgenommen. Dann hat er zusätzlich einen Vagusnervstimulator, ähnlich wie ein Herzschrittmacher, eingesetzt bekommen, der versucht, die epileptischen Anfälle etwas zu „bändigen“. Dieser hat uns den Alltag mit unserem Sohn etwas erleichtert, er hat aber immer noch genug Anfälle. 

RS: Wie äußern sich die Entwicklungsstörungen bei Ihrem Sohn?
Falkner: Wenn man Mario zum ersten Mal sieht, könnte man meinen, ihm fehle nichts. Er ist agil und stark – beim Reden fällt es dann auf, dass er mit der Entwicklung hinterher hinkt. Er kann nicht Lesen oder Schreiben. Das Zentrum für die Wahrnehmung und das Empfinden ist bei ihm einfach nicht so entwickelt, wie es sein sollte. 

RS: Und man hat bis heute keine Antwort gefunden, warum Ihr Sohn diese epileptischen Anfälle und in weiterer Folge die Entwicklungsstörungen hat?
Falkner: Das sind sehr oft gewisse Verwachsungen im Gehirn, die so etwas auslösen können. Es gibt aber so gesehen keine erklärliche Ursache, warum unser Sohn diese epileptischen Anfälle hat.
„Es war keine leichte Situation“
…trotz seiner Behinderung fleißig in den Betrieben mit. Fotos: Falkner
RS: Wie sieht die schulische Situation bei Ihrem Sohn aus?
Falkner: Er absolviert gerade sein letztes Jahr in einer Sonderschule in Telfs. Wir werden auch von vielen Institutionen betreut. Angefangen von „Arbeitsassistenz Tirol“, die ihn zu verschiedenen Schnupper-Arbeitsstellen begleiten. Er ist stark genug zum Arbeit, es wird nur schwierig, wenn auf ihn zu viel Druck ausgeübt wird oder er zu lange an einem Stück arbeiten muss. Dann wird er oft ungeduldig – da kann er seine Gefühle oft nicht steuern. Wir haben ihn jetzt auch bei der Lebenshilfe Tirol angemeldet, damit er nach der Schule eine Beschäftigung finden kann. Er braucht ganz klare Strukturen und einen geregelten Tagesablauf. Durch die Corona-Krise wurde das alles aber für eine Zeit auf Eis gelegt und durcheinander gebracht. 

RS: Wie erlebt ihr die Corona-Zeit?
Falkner: Es war zu Anfang wirklich sehr schwierig, weil es von 100 auf null Betreuungsunterstützung gesunken ist. Die erste Woche nach dem Lockdown war sehr hart, weil es schwierig war, ihm die ganze Situation begreiflich zu machen. Mario ist ein Mensch, der möchte vor die Tür und hält es nicht aus, wenn er zu Hause eingesperrt ist. Da man die Familie nicht treffen durfte, musste er natürlich ständig beschäftigt werden. Wir haben viel im Garten mit ihm gearbeitet und versucht, so die Tage rum zu kriegen. Nach zwei bis drei Wochen hat er sich etwas an die ganze Situation gewöhnen können, aber es war kein Leichtes ihn dauernd so zu unterhalten, dass er mit der Situation umgehen kann. Seit Ostern kann er wieder drei Mal am Vormittag in die Schule gehen und zwei Mal nachmittags geht er in die schulische Tagesbetreuung. Ab 18. Mai wird es wieder normaler für ihn, wenn seine Schule wieder mehr öffnen kann. 

RS: Wie haben Sie die Kommunikation mit den zuständigen Stellen während der Corona-Krise erlebt?
Falkner: Es war und ist für alle eine schwierige Situation, in der wir uns alle zum ersten Mal befinden. Zu Anfang haben wir nicht recht gewusst, wie es weitergehen soll. Es gab zahlreiche Anweisungen von der Regierung und verschiedenen Institutionen, aber keiner wusste so recht, wie es denn in der Praxis wirklich aussehen soll. Da kann man auch niemanden die Schuld dafür geben, dass es anfangs etwas holprig war, weil wir das eben alle zum ersten Mal erleben. Daraufhin habe ich dann einen Leserbrief veröffentlicht und meine Situation geschildert. Es waren in dieser Zeit zwar alle Einrichtungen bemüht, auch telefonisch, mit uns Kontakt zu halten, aber wir wussten einfach zu wenig. Seit Ostern geht er nun wieder stundenweise in die Schule und in die Tagesbetreuung. 

RS: Wie gestaltet ihr die nächste Zeit, solange die Corona-Krise noch anhält? 
Falkner: Es kommt immer ganz stark auf seine Tagesverfassung an, wie wir unseren Tag gestalten können. Es gibt Tage, da gehen wir es eher ruhig an. Er liebt es aber, mit Holz zu arbeiten. Wir haben eine kleine Holzhack-Maschine und er liebt es, daran zu arbeiten. Generell ist er sehr stark und kann auch gut anpacken. Bei einer Firma zu schnuppern, ist natürlich momentan schwierig, weil die selbst schauen müssen, wie es weiter gehen kann. Aber da werden wir sicher in Zukunft noch etwas finden. Mich würde es auch freuen, wenn er eventuell bei einem Bauernhof schnuppern könnte, weil er gerade Tiere und die Landwirtschaftsgeräte wahnsinnig faszinierend findet. Jetzt heißt es aber einfach warten, wie es weitergeht und hoffen, dass sich die Situation jetzt wieder langsam entspannen kann.

RS: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute. 
„Es war keine leichte Situation“
Mario bei seiner Lieblingsbeschäftigung – dem Arbeiten mit Holz Foto: Falkner
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