Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
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Adventkonzert der anderen Art

Faszinierende Jazz-Interpretationen in der Stadtbühne Imst

Wie „Hausherr“ Roman Polak in seiner Begrüßung ankündigte, handelte es sich am vergangenen Samstag in der Stadtbühne Imst um ein Adventkonzert der wirklich außergewöhnlichen Art. Die Jazz-Formation onQ mit dem aus Landeck stammenden Mitbegründer Michael Tiefenbacher (Jazzklavier), Philipp Kienberger (Bass), Raphael Meinhart (Drums, Percussion) und Christian Reiner (Stimme) brachte ein weiteres künstlerisches Genre in den „Fundus“ der Stadtbühne ein. Am Programm stand ein vielseitiges Aufeinandertreffen herausragender Akteure der österreichischen Jazz-Szene.
19. Dezember 2023 | von Peter Bundschuh
Adventkonzert der anderen Art<br />
Michael Tiefenbacher, Mitbegründer von onQ, zählt zu den profiliertesten Jazz-Pianisten Österreichs. RS-Foto: Bundschuh
Session, Stehgreif und Improvisation bedeuten nicht Konzeptlosigkeit, sondern ein Spontan-Konzept, das beinahe zeitgleich in seine Umsetzung übergeht und von einem Musiker auf den anderen überspringen muss, wenn das nicht klappt, wird es nervös-quengelig bis verwirrend. Gute Improvisation bedeutet neben musikalischer Professionalität perfektes Zusammenspiel bei hoher Konzentration aller Interpreten. Bei Jam Sessions im weiteren Sinne, wie der in Imst, ist Teamwork „aus dem Bauch heraus“ gefragt, sonst knallt man den Karren an die Wand.

FORMATION ONQ ON STAGE. Die Musiker aus dem onQ-Pool sowie der Sprecher, Schauspieler und Spoken-Word-Artist Christian Reiner „jazzten“ die Stadtbühne Imst und boten so einiges an Kompositionen aus der österreichischen Jazz- und Neue-Musik-Szene. Die Musiker und Speaker Reiner boten Bemerkenswertes, das aus dem Kollektiv von onQ heraus entstanden war. Das Projekt und Festival namens „onQ.20“ geht auf den ersten Lockdown 2020 zurück. Aus den Anforderungen der Zeit heraus fanden Michael Tiefenbacher und Tobias Vedovelli zum virtuell musikalischen Austausch mit etlichen weiteren Musikern der österreichischen Szene. Das war die Geburtsstunde von der Idee „onQ.20“. Und Vorsicht Kunst! Die Tonwelten der neuen Musik nach dem Verständnis von Tiefenbacher & Friends aus dem onQ Pool, wie sie sich in Imst präsentierten, bieten streckenweise eine echte Nervenchallenge und sind nix für „Lauschlappen-Weicheier“, sondern Avantgarde auf hohem Niveau.

VON FORM UND INHALT. Stimmkünstler Christian Reiner, der „Frontman“ der Veranstaltung, nahm sich einer „schillernden“ Ausdrucksweise von sehr klarer Sprache bis hin zu einem intim anmutenden Murmeln an. Zuzüglich der Nuancen gesprochener Worte bediente er sich einer bewegten, körpersprachlichen Choreographie mit pantomimischen, bisweilen geradezu akrobatischen Zügen. Die Wort-Klang-Gebilde des Abends erinnern in Sequenzen an die Strömung des Dadaismus, der ja mit einem seiner Zentren im Tarrenzer Gasthof Sonne recht engen Bezug zum Tiroler Oberland hatte. Auch tauchen Farben als Ausdrucksmittel in der Wortkunst von Reiner auf, die an die Farbensymbolik in manchen Werken Georg Trakls denken lassen. Sprache also im Sinne einer auf sich selbst bezogenen und in sich ruhenden Kunstform? So umrissen würde man den Texten nicht gerecht werden, seien sie nun spontan vorgetragen oder als Rollen angelegt. Inhaltlich betrachtet reichten die Themen über Beziehungsgeschichte bis Poliklinik Prag: „Da ist alles umsonst – weiß – mehr sag ich nicht“. Auch gesellschaftlich relevante Überlegungen wie „Wenn einer Brot hat, und der andere Käse, dann hätten sie gemeinsam ein Käsebrot“ werden durchaus schlüssig angestellt. Ebenso Gedanken zum Tierreich: „Wenn unsere Hauskatze größer wäre, würde sie uns fressen und deshalb hatten alle noch großes Glück gehabt.“

UND AM ENDE DES TAGES. Nach Ansicht des Verfassers lässt sich der Jazz-Formation onQ Auftritt auf der Stadtbühne Imst als Gesamtkunstwerk aus in improvisierten Jazzinterpretationen beheimateten Klängen und pantomimisch unterstrichenen Sprachgebilden, von Lichteffekten begleitet, verstehen. Ausgestrahlt von einem Sender mit Einzigartigkeitscharakter in Interaktion mit einem Publikum, das die „Message“ allerdings verstehen muss, wenn nicht, wird´s echt holprig. In Imst jedenfalls stimmte die Chemie an diesem Adventabend der besonderen Art.
Adventkonzert der anderen Art<br />
Die Musiker aus dem onQ–Pool und Speaker Christian Reiner „jazzten“ die Stadtbühne Imst in einzigartiger Weise: Michael Tiefenbacher, Philipp Kienberger, Raphael Meinhart, Christian Reiner und Martin Ohrwalder (v.l.). RS-Foto: Bundschuh

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