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Imst | Kultur | 6. April 2021 | Manuel Matt

Der Meistersinger von Ötzerau

Der Meistersinger von Ötzerau
Gewährte Einlass in sein Musikzimmer und Einblick in sein Leben: Heinrich Wolf, nach fast 40 Berufsjahren pensionierter Opernsänger und Verfasser einer Autobiographie. RS-Foto: Matt
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Opernsänger im Ruhestand mit frisch verfasster Autobiographie: Heinrich Wolf im RUNDSCHAU-Porträt

Gemeinhin soll es ja ein Vogerl sein. Für Heinrich Wolf aber ist das Glück zweifelsohne die Oper, der er sein Leben gewidmet hat. Fast 40 Jahre lang sang der in Ötzerau lebende Tenor am Tiroler Landestheater, absolvierte Gastspiele über die Grenzen hinaus und war an der Produktion von Schallplatten beteiligt. Nun im Ruhestand, wirft der 76-Jährige in Buchform einen Blick zurück auf jenes Leben, das eine Sängerkarriere geprägt hat – und plauderte ebenso mit der RUNDSCHAU: Ein Gespräch über Rollen und Träume, Ehrgeiz und Zufall, Familie und dem Streben, sein Können auf der großen Bühne zu präsentieren.
Was es braucht, um professioneller Tenor zu werden? Talent natürlich, die richtige Stimme – und beides wird einem Menschen gegebenenfalls in die Wiege gelegt, weiß Heinrich Wolf. Der Rest aber ist harte Arbeit, gespeist von Disziplin und Ehrgeiz. Wer das nicht mitbringt, lässt es dann lieber gleich sein, warnt der Mann, der es geschafft hat. Denn die Konkurrenz ist groß, der Anspruch hoch – und ein wenig Glück, das braucht’s auch noch.

WAS MAN EINFACH SPÜRT. Dafür ist dann wiederum das Leben zuständig, das für Heinrich Wolf am 25. Jänner 1945 seinen Anfang nimmt. Er wächst in Lienz auf, als Sohn eines im Weltkrieg gefallenen Vaters und Autodidakten im Spiel auf der Harmonika. Zwar „großartig vertreten“, aber doch niemals ersetzen wird ihn die Mutter, die stolz ist auf ihr Kind und wie die Verwandtschaft viel Gefallen daran findet, wenn es singt. Das Gymnasium besucht Heinrich in Salzburg-Liefering, wo er Teil des Knabenchors wird. Dort singt Heinrich im Sopran, das begehrte Solo aber ein anderer. Dass er lieber an eben dieser Stelle stehen, unter den Vielen ein Einzelner sein möchte, habe er damals schon gewusst, erzählt Wolf heute, im Musikzimmer seines Hauses in Ötzerau. „Das spürt man einfach. Das Unterordnen liegt einem nicht – man will sich präsentieren und zeigen, was man kann“, sagt der 76-Jährige und gibt gern schmunzelnd zu, stets „durchaus sehr selbstbewusst“ gewesen zu sein, „wie ein Solosänger wohl immer ist und sein muss“. Gelegenheiten für Einzelpassagen hätte ein Quartett damals geboten, mit volkstümlichen Weisen in Tracht. Dass es aber irgendwann die Oper werde sein müssen, zeigte sich dem 18-Jährigen noch in der Heimatstadt des Wolfgang Amadeus Mozart: In seiner „Zauberflöte“ – und ganz besonders in der Rolle des Prinzen Tamino.
Der Meistersinger von Ötzerau
Sprecherszene: Heinrich Wolf in jener Rolle, die ihn Opernsänger hat werden lassen – als Prinz Tamino in Mozarts „Zauberflöte“, im Jahr 1990 am Tiroler Landestheater. Foto: Dietmar Wolf
IST’S FANTASIE? „Das war ein gewaltiges Erlebnis – und ich habe davon geträumt, selbst einmal Prinz Tamino sein zu dürfen“, erinnert sich Wolf, der dieser Tage auf geschätzt 150 Rollen zurückblicken kann, die er mit Stimmgewalt erfüllte und verkörperte. Dass das „auch an schlechten Tagen“ zur Zufriedenheit von Publikum und Kritikern gelingt, braucht es freilich die richtige Technik. Jene erlernte Wolf am Konservatorium in Innsbruck, wo auch wieder das Glück wartete – etwa in Form einer Arbeit bei der Diözese im Ausmaß von 40 Wochenstunden. Flexible Arbeitszeiten ermöglichten die Ausbildung und später die vielen Darbietungen auf der großen Bühne des Tiroler Landestheaters, das Wolf noch während der Studienzeit 1970 das erste Mal engagierte: Zunächst noch auf externer Basis, ab 1975 nach der Reifeprüfung für Oper, Oratorium und Lied intern als Mitglied des Ensembles. Seine gänzliche Erfüllung fand der Lebenstraum dann ebenso am Landestheater, im erstmaligen Schlüpfen in die Rolle des Prinzen Tamino. Sie blieb in all den Jahrzehnten die Lieblingsrolle, selbst nach über 60 Verkörperungen.

ZWAR KLEINERE BRÖTCHEN BACKEND, ABER GLÜCKLICH BEI DER FAMILIE. In Innsbruck gefunden hat Wolf auch sein privates Glück: Seine Frau Waltraud. Mit ihr und in ihrer Heimat Ötzerau hat der Opernsänger ein Haus gebaut, in dem drei Kinder groß wurden und heute die Enkel zu Besuch kommen. Sie ist es auch, die mit ihren Anstrengungen  dem Opernsänger ein Familienleben neben der Karriere ermöglicht hat. Denn dem Erwerbsleben geschuldet, sei er oft nicht zuhause gewesen, erzählt Wolf, der an der Oper wie auch in der Diözese bis zum Ruhestand im Jahr 2008 stets in Vollzeit-Ausmaß beschäftigt war. Zwischendurch hätte es immer wieder reizvolle, längerfristige Angebote von renommierten Häusern in Deutschland gegeben, erinnert sich der Sänger. Gekommen ist es dazu nie, der Familie zuliebe: „So waren’s relativ gesehen kleinere Brötchen, die ich gebacken habe. Wer weiß, was hätte werden können, ich bin jedenfalls glücklich und zufrieden“, sagt Wolf. Verlängert wurde so immer wieder der übliche Jahresvertrag am Landes-
theater, während es Konzerte und Gastspiele waren, die Wolf weiterhin nach Deutschland führten – ebenso wie in alle Teile Österreichs, nach Italien und in die Schweiz. Einen Agenten habe er nie gehabt, erzählt der Opernsänger, der so ganz bewusst dem Zufall überlassen hat, was die nächste Rolle, das nächste Konzert, der nächste Aufnahmetermin sein wird: „Die Vielseitigkeit macht’s aus“, sagt er, der fast vier Jahrzehnte lang eben genau für diese Eigenschaft höchst geschätzt blieb.
Der Meistersinger von Ötzerau
Vier Jahrzehnte einer Opernkarriere zwischen zwei Buchdeckeln: „Gib mir ein hohes C“ von Heinrich Wolf, in der Imster Tyrolia-Filiale erhältlich. Foto: Wolf
ZUM NACHLESEN. Der Andres in der Zwölfton-Oper „Wozzeck“ von Alban Berg ließe sich noch erwähnen oder den Alfred in Johann Strauss’ „Die Fledermaus“ – doch von den vielen Auftritten in Opern und Operetten, ergänzt mit amüsanten Anekdoten und hörenswerten Gedanken, erzählt Heinrich Wolf am besten selbst: In seiner jüngst verfassten Autobiographie „Gib mir ein hohes C“, benannt nach dem berühmt-berüchtigten Ton, der bereits außerhalb des Tenorspektrums liegt und dennoch vom Publikum erwartet wird. Zu überraschen weiß das hohe C dann dennoch. Ebenso wie ein echter Meistersinger, der zwar nicht wie bei Richard Wagner aus Nürnberg stammt, aber tatsächlich in Ötzerau lebt.
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