Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Kultur | 18. Jänner 2021 | Lia Buchner

Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben
Dietlinde Bonnlander feierte erst kürzlich ihren
90. Ehrentag: Zu diesem Anlass wirft die Malerin und Autorin gemeinsam mit der RUNDSCHAU
einen Blick zurück – und eine Austellung in der Imster Hörmann-Galerie, die ist auch geplant. RS-Foto: Buchner
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Der Malerin und Autorin Dietlinde Bonnlander zum 90. Geburtstag

Dietlinde Bonnlander feierte am 15. Januar ihren 90. Geburtstag. Sie blickt in einem Gespräch mit der RUNDSCHAU auf ein wechselvolles, bisweilen dramatisches Leben zurück, von dem sie nach kurzem Zögern sagt: Ja, es ist ein gelungenes Leben.
Von Lia Buchner

Dietlinde Bonnlander lebt seit fast 50 Jahren in Tirol, und sagt doch von sich: Ich bin Ostdeutsche. Sie war ein 14-jähriges Mädchen, als ihre Welt am pommerschen Gutshof ihrer Familie zusammenbrach. Über Nacht musste der große Gutsbetrieb mit fast 200 Personen – Landarbeitern, Angestellten, die Familien – im März 1945 vor der gefährlich näherkommenden Front flüchten. Unter der generalstabsmäßigen Führung ihres Vaters gelang es, zumindest das nackte Leben zu retten. 

WENIG WILLKOMMEN. Der Empfang im Norden Deutschlands, auf der Halbinsel Angeln an der Flensburger Förde, war kühl. „Naja, stellen Sie sich das mal vor, 180 Menschen und 20 Fuhrwerke, mit einem Offizier und Landwirt, der das Ganze führt. Natürlich sagten die Menschen dort: Um Gottes Willen. Und das kann man ja auch verstehen. Wir haben das zumindest verstanden.“ Die Landarbeiter des Trecks wurden vorerst auf die umliegenden Bauernhöfe aufgeteilt, dann pachteten die Eltern selbst einen Hof, um die Menschen und die vielen Pferde unterzubringen. Im Elend des Kriegsendes erkrankt Dietlinde Bonnlander an Typhus, sie braucht fast ein Jahr, um wieder gesund zu werden. An einen geordneten Schulbesuch ist nicht mehr zu denken. „Ich bin frisch und fröhlich ohne Schulabschluss durch mein Leben gekommen. Das ist gegangen.“ Später arbeitet sie beim Raiffeisenverband in Hannover und lernt dort ihren zukünftigen Mann kennen, einen Amerikaner. „Nein, keinen Soldaten, einen Wissenschaftler. Stellen Sie sich vor, ich war anspruchsvoll.“ Mit ihm lebt sie in Hamburg, wo ihr Kind geboren wird, und in Vermont in den USA. Doch ihr Mann stirbt schon nach einem reichlichen Jahr und die junge Witwe fasst einen Plan.

URLAUB IN SEEFELD. „Ich war 1944 mit meiner Mutter in Seefeld im Winterurlaub – mein Vater war bei der FLAK Artillerie in München stationiert und hat das möglich gemacht. Wir sind nach Mösern gewandert, da oben zu diesem Gasthof, und haben in das Inntal heruntergeschaut. Da habe ich zu meiner Mutter gesagt: Wenn ich mal alt bin, ziehe ich nach Tirol. Und das ist mir damals wieder eingefallen.“ Im Haus der Kunst in München kommt sie zufällig mit einer Künstlerin ins Gespräch, der sie erzählt, dass sie gerne in Tirol leben würde. „Und sie sagte: Ich habe ein Haus in Sautens. Ich hatte keine Ahnung, wo Sautens ist, ich hatte ja noch nie etwas davon gehört. Um Weihnachten herum kam ich an, als Witwe mit Kind, und hatte vom ersten Tag an jede Menge Besuch. Alle waren neugierig, vor allem die Männer. Ich war so um die 40, da ist man scheinbar noch attraktiv genug, um permanent besucht zu werden“, lacht Dietlinde Bonnlander.

BAUERNMALEREI IN SAUTENS. Sie plant, Gäste im Haus aufzunehmen, und beginnt, Bauernmöbel zu bemalen. „Ich musste Geld verdienen. Ich war ja alleine zuständig für das Kind.“ Dann wagt sie sich an Bilder, zuerst Kleinformatiges, später wird ihr Stil immer raumgreifender und expressiver. „Das hat sich so entwickelt. Wenn man anfängt, hat man die Möglichkeiten noch nicht. Ich habe es ja nicht studiert. Erst mit der Routine wurden die Bilder groß und größer.“

DAS GUTE WETTER IN IMST. Als die Tochter von zu Hause auszieht und nach Irland geht, reift in Dietlinde Bonnlander die Idee eines neuerlichen Ortswechsels. „Es war das Wetter. Sautens liegt den ganzen Winter im Schatten. Ich war oft in Imst und kannte die Inhaberin des Wollgeschäftes hier unten im Haus. Oben wurde renoviert, ich ging in das Wollgeschäft und fragte: Was habt ihr eigentlich mit dieser Wohnung da oben vor? Ja, sagte sie, wir haben das Haus geerbt und die Wohnung wollen wir vermieten, aber sie ist noch nicht fertig. Da sagte ich: Trotzdem, ich will mir die mal ansehen. Da war noch keine Treppe, nur eine Leiter, ich bin hoch, rein in die Wohnung, wieder runter und hab gesagt: Die Wohnung miete ich. Ja, so kam das. Weil in Imst das Wetter besser ist.“ 

WO IST DIE HEIMAT? Dietlinde Bonnlander macht eine nachdenkliche Pause. „Ich bin jetzt seit 50 Jahren in Tirol, und ich lebe sehr, sehr gerne in Imst. Aber es ist etwas anderes, es ist nicht die Heimat. Ich kann mich überall niederlassen, und würde mein Mann noch leben, wäre ich jetzt in Amerika. Ich bin so ein Typ. Ich glaube, wenn die Heimat verloren ist, kann man überall leben. Im Grunde genommen hat man keine Bindung mehr. Ich bin so gerne in Tirol, aber zu Hause ist in Pommern.“ 

DIE MALERIN. Seit mehr als 30 Jahren malt Dietlinde Bonnlander, ihr Atelier hat sie in ihrer Imster Wohnung. „Wenn ich einen Impuls habe, gehe ich ins Atelier. Aber ich muss sagen, dass ich allmählich kaum noch die Kraft dazu habe. Ich bin 90 Jahre alt, dafür leiste ich noch sehr viel, aber große Bilder zu malen, ist für mich schon sehr an der Grenze. Ich habe zwar eine Leinwand auf der Staffelei stehen, und die sieht mich auch jeden Tag vorwurfsvoll an, aber ich weiß nicht, ob ich das noch schaffe.“ Ihr letztes vollendetes Gemälde zeigt eine typisch Pommersche Allee in kräftigen Grün- und Gelbtönen, umgeben von endlosen Weizenfeldern. Es ist die Landschaft der Heimat. Als Hommage zu ihrem 90. Geburtstag plant die Galerie Theodor von Hörmann in Imst eine große Ausstellung über Dietlinde Bonnlanders Leben und Werk. Durch den aktuellen Lockdown ist noch unklar, wann die Schau eröffnet werden kann. Alles Gute zum Geburtstag!
Ein ganzes Leben
Heimat bedeutet Landschaft: Das letzte vollendete Gemälde im Atelier Bonnlander RS-Foto: Buchner
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Ich kann überall leben: Die Malerin und Autorin Dietlinde Bonnlander blickt gelassen auf ihr wechselvolles Leben zurück RS-Foto: Buchner
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