Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Kultur | 20. Juli 2020 | Manuel Matt

...und am Ende, ein Leben in all seinen Facetten

...und am Ende, ein Leben in all seinen Facetten
Nun im Ruhestand: Andrea Schaller, seit 2012 Leiterin des Imster Kulturbüros und der Städtischen Galerie Theodor von Hörmann. Foto: Melitta Abber
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Imster Kulturbüro- und Hörmanngalerie-Leiterin im Ruhestand: Andrea Schaller im RUNDSCHAU-Porträt

Es wäre schlicht nicht dasselbe, das Imster Kulturleben, ohne das Wirken von Andrea Schaller in den letzten acht Jahren ihrer Ägide als Leiterin von Kulturbüro- und Hörmanngalerie. Insgesamt seit 1997 im Dienst der Stadtgemeinde, wurde sie jüngst in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Der RUNDSCHAU gewährte die rührige Diplomatin und Kulturvermittlerin ein abschließendes Gespräch: Über den Sinn im Tun und den Zauber von Kunst, über ihren eigenen Werdegang und über die Eigenart des Lebens, die richtigen Werkzeuge für kommende Aufgaben in die Hand zu geben – nach und nach, wenn man es denn lässt.
Von Manuel Matt

Das Gasthaus, Mikrokosmos des kollektiven Empfindens. Freud und Leid werden dort geteilt, Freund- und Feindschaften geschlossen. Ein ganzes Leben könnte sich dort entfalten. Vielleicht das, zumindest aber eine Kindheit, wie Andrea Schaller sie erlebt hat, die 1960 als Zweitjüngste von fünf Geschwistern geboren wird und ihre ersten zehn Jahre in Nassereith verbringt – damals, als der Tourismus noch Fremdenverkehr hieß.

VOM SOZIALVERHALTEN DES MENSCHEN UND DER SCHÖNHEIT DRAUSSEN VOR DER TÜR. Haben die Eltern ein Gasthaus an der Nassereither Hauptstraße, so ist die Kindererziehung zwangsläufig vom Hinführen zu früher Selbstständigkeit geprägt. Auch das Familienleben selbst sei meist öffentlich, private Momente eher selten, erzählt Schaller. Wem allerdings die Gabe des Beobachtens geschenkt ist, der findet im steten Kommen und Gehen, dem Debattieren über Politik durchaus Reizvolles. „Das Gasthaus ist ja eine kleine Sozialstudie“, bemerkt die spätere Imster Kulturlady: „Als Kind fand ich das ziemlich spannend – und bis heute fühle ich mich oft als Beobachterin.“ Geblieben von der Kindheit seien auch andere, kräftige Bilder außerhalb der Stube – Landschaftsbilder, Naturimpressionen und eine alte Villa im benachbarten, ausgedehnten, parkähnlichen Garten, die so mystisch sind wie die Heimat in den Erzählungen der Mutter, die nach dem Krieg als Flüchtling aus Südmähren nach Nassereith kommt und einen Tiroler Transportunternehmer heiratet, der später Bürgermeister werden wird. Das Leben entlang der verkehrstouristischten Hauptschlagader habe gleichzeitig Neugier und Aufgeschlossenheit gefördert, erzählt Schaller – und die Sensibilität, in Zeiten des Auf- und Umbruchs zu leben. Der Geist der 60er-Jahre, „das war schon als Kind spürbar“, erinnert sich Schaller.

AUFBRUCH. Wer geboren werden will, müsse zuvor eine Welt zerstören, schreibt Hermann Hesse über das Erwachsenwerden und zeichnet das Bild eines Vogels, der sich aus dem Ei kämpft. Das Ei ist die Welt und bei Andrea Schaller ist es nach der Volksschulzeit die Freude, die ob der Aussicht auf vier Jahre im Internat einer katholischen Klosterhauptschule in Pfaffenhofen besteht: „Ich hab’ mich wirklich gefreut, wollte weg und habe das als Abenteuer empfunden.“ Enttäuscht wurde Schaller nicht: Sie sei gerne Schülerin gewesen, sagt sie, und habe Freunde aus ganz Tirol gewonnen. „Insgeheim war ich aber schon rebellisch“, verrät Schaller, „verbunden mit einer ausgeprägten Aversion gegen Ungerechtigtkeit.“ Ihren Mitmenschen sei sie aber bereits damals mit Besonnenheit und diplomatisch-offener Grundhaltung begegnet. „Für echte Rebellion war und bin ich wahrscheinlich zu nüchtern“, erklärt Schaller – und nur ganz leicht heben sich die Mundwinkel.

ERNÜCHTERND. Weltschmerz habe sie als Heranwachsende nicht gefühlt, „eher Amüsanz über so manche Dinge“, sagt Schaller. Wohl aber Leidenschaftslosigkeit, während ihrer Zeit an der Imster Handelsakademie. „Der Besuch einer weiterführenden Schule war dennoch ein Privileg“, hält Schaller fest, die also trotz fehlender Begeisterung maturierte – und sogleich Ernüchterung fand, nämlich als Bankangestellte. Schaller kündigte, nach fünf Monaten „fürchterlicher Langeweile“ am Devisenschalter. „Ich war froh über die frühe Erkenntnis, stolz und überrascht über meine Konsequenz, trotz Unverständnis in meinem Umfeld.“ Neben der Konsequenz entdeckte sie zeitgleich ihre Neigung zur Sprache, in ihrem Wesen als Instrument des Bewahrens und der Weitergabe von Informationen. Schaller ging nach Deutschland, um künftig im Medienbereich tätig zu sein – nicht ohne aber die Konzession als Gastwirtin zu erwerben.

RÜCKKEHR. Die 80er-Jahre erlebte Schaller im Norden, speziell in München, sammelte Erfahrung in der Marketingbranche und erwarb Kenntnisse im Umgang mit Computern, die damals vergleichsweise noch in Kinderschuhen wandelten. Als Alleinerziehende kehrte sie zum Ende der Dekade hin zurück ins Oberland – und landete in der Werbeagentur von RUNDSCHAU-Herausgeber Kurt Egger und seiner Gattin Erika. „Beide waren sehr aufgeschlossen und es herrschte gegenseitige Wertschätzung. Eine fordernde Tätigkeit war’s aber allemal“, erzählt Schaller. Untätig sei sie nie gewesen, auch nicht in den Folgejahren, ehe sie das Schicksal 1997 zum ersten Mal in den Dienst der Stadtgemeinde stellte – und sogleich mit Staatsbürgerinformationen auf abertausenden Karteikarten, die der elektronischen Datenverarbeitung zur Verfügung gestellt werden wollten. 

STEIN UM STEIN. Was sich vielleicht zunächst zermürbend anhört, sei „eigentlich absolut faszinierend“ gewesen, schwärmt Schaller, den unzähligen, sich langsam enthüllenden Geschichten wegen und dem Kennenlernen des Verwaltungsapparats. Nicht minder spannend sei die anschließende Tätigkeit in der Bauabteilung gewesen. Aufgrund grafischer und publizistischer Referenzen wurde Schaller schließlich um konzeptuellen Entwurf eines Printmediums gebeten, dass unter dem Schirm der Stadtgemeinde die Imster Bevölkerung informieren sollte. Sie lieferte – und überzeugte, auch mit dem Namen „Stadtzeitung“. Fortan widmete sie sich mit Feuereifer dem Füllen der Seiten, von Anfang bis Ende, mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Eine immense Aufgabe – und doch scheinbar maßgeschneidert auf ein zu Selbstständigkeit erzogenem Gasthauskind mit einem Auge für Details, Leidenschaft für Sprache und wachsender Begeisterung und Fotografie. „Alles ist zusammengekommen, ein großes Glück“, blickt Schaller zurück.

DAS FEUER – UND SEINE TRÄGERIN. Von 2001 bis 2012 kümmerte sich Schaller um die städtische Öffentlichkeitsarbeit, begleitete viele Projekte als „wohlgelittene, aber doch kompetente Säule“, wie sie sagt: „Das war mein Ding. Sinnstiftend, erfüllend.“ Das Sahnehäubchen seien dann aber doch die letzten Jahre gewesen, die Arbeit als Leiterin des Kulturbüros und der Städtischen Galerie Theodor von Hörmann. Kuratorin oder Kunsthistorikerin sei sie nie gewesen, sagt sie, wohl aber ein Mensch, der zweifellos zu organisieren, zu inszenieren und nicht zuletzt seine erworbenen Kenntnisse zu nutzen weiß. „Ich konnte alles nutzen, sogar die Konzession als Gastwirtin“, erklärt Schaller schmunzelnd – und so sind es die Jahre, in denen sie das Imster Kulturleben entscheidend prägt: Etwa mit den Konzerten in der Laurentiuskirche, die zwar nicht von ihr erfunden, aber doch zum fixen Höhepunkt im Jahreskalender geschliffen worden sind (und deren Austragungsort vielleicht so mysteriös scheint wie eine alte Villa in den Augen eines Kindes). Das Wirken im Hintergrund erhob Schaller derweil auch in der Hörmanngalerie zur Tugend, stets an der Seite von Ausstellenden, damit sich entfalten kann, was entfaltet gehört: „Das Entfernen und das Loslösen, der entstehende Augenblick, die endlose Empfindung“, umschreibt Schaller den Zauber der Kunst. Die Arbeit für die Allgemeinheit sei ein Vergnügen gewesen, im Ruhestand werde sie aber dennoch nichts vermissen „Es ist vollendet. Ich betrachte das als Ende einer Laufbahn und gebe die Fackel weiter.“ Das Feuer für Kulturvermittlung sei bei Kathrin Deisenberger gut aufgehoben. Nur von Ratschlägen sieht die verdiente Kulturvermittlerin ab, „die wollte ich selbst auch nie“. Einen Ratschlag gäbe es aber wohl: Das Leben findet seinen Weg.
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