Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Politik | 15. Juli 2022 | Dr. Gerd Estermann

Wie repräsentativ ist eine Mini-Volksbefragung zur „Gletscherehe“?

Wie repräsentativ ist eine Mini-Volksbefragung zur „Gletscherehe“?<br />
Auch das Gebiet um den Linken Ferner Kogel ist von der rasanten Gletscherschmelze betroffen. Foto: Vincent Sufiyan
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Imst  Dr. Gerd Estermann
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Kommentar Dr. Estermann: "Wie auch immer die Volksbefragung am 17.Juli in St.Leonhard im Pitztal ausgehen wird, sie kann jedenfalls nicht darüber entscheiden, ob der Zusammenschluss der Ötztaler und Pitztaler Gletscherschigebiete realisiert werden soll oder nicht."
Bei einer sogenannten Volksbefragung stellt sich immer die Frage, wer mit dem Begriff "Volk" gemeint ist. Sind es jene knapp über 1000 Wahlberechtigten der hinteren Pitztalgemeinde, auf deren Fläche das Projekt realisiert werden soll oder sind es auch die Vorderpitztaler, die vor allem den zunehmenden Verkehr zu spüren bekommen würden. Wem "gehören"  die Gletscher und Berge? Die Kirchturmpolitik in Tirol sollte längst der Vergangenheit angehören. Die Berge sind nicht Eigentum der jeweiligen Standortgemeinde, sondern ein ideeller Wert für alle Tiroler und identitätsstiftend für das ganze Land. Deshalb müssen bei einer so weitreichenden Entscheidung auch alle Tiroler und Tirolerinnen zu ihrer Meinung befragt werden.

Was will man mit dieser Mini-Volksbefragung erreichen? Was auf den ersten Blick aussieht wie ein basisdemokratischer Prozess, ist bei genauerem Hinsehen ein fauler Trick von Politik und Liftbetreibern, um die gewünschte Entscheidung herbeizuführen und diese demokratiepolitisch zu rechtfertigen. Wenig überraschend, dass jetzt auch der Wirtschaftsbund für die Gletscherehe und deren wirtschaftliches Potential wirbt. Wer profitiert nun tatsächlich von diesem Projekt. Zweifellos hätten die Ötztaler Gletscherskigebietsbetreiber Vorteile, da sie so das Angebot für ihre Kunden erweitern können, ohne dafür tief in die Tasche greifen zu müssen, denn die Hauptlast der Finanzierung liegt aufseiten der Pitztaler. Die betuchte Klientel wird dann wohl auch im Ötztal nächtigen und dort die Umsätze beim Apres-Ski steigern.

Alle Umfragen von Zeitungen und WWF zeigen, dass mehr als 70 Prozent der Tiroler  Bevölkerung sich gegen jede weitere Erschließung von Gletschern aussprechen. Und dann gibt es noch jene 170.000 Unterschriften einer Petition, die die Bürgerinitiative Feldring gesammelt und im April der Landesregierung übergeben hat und die ein klares Votum gegen den Gletscherumbau darstellen.

Das schlechte Image des Tiroler Tourismus in der Bevölkerung ist hausgemacht. Die Abgehobenheit der Seilbahnbetreiber und der fehlende Kontakt mit den Einheimischen sind die Hauptursachen. Nun verspricht man einen "Neuen Weg im Tiroler Tourismus". Nachhaltig und naturverträglich soll er sein. Stellt sich die Frage, wie diese Begriffe mit einem Megaprojekt wie der sogenannten "Gletscherehe" in Einklang zu bringen sind.

Auch die Frage der Wirtschaftlichkeit und der Sicherheit eines solchen Unterfangens ist nicht abschließend geklärt. In Zeiten der rasanten Gletscherschmelze und der wachsenden Instabilität der Gletscher würde hier eine Dauerbaustelle mit unvorhersehbaren Kosten entstehen.

Intakte Natur kann nicht mit Geld aufgewogen werden, das wird wohl auch die Pitztaler Bevölkerung so sehen. Bei den Landtagswahlen im September werden alle wahlberechtigten Tiroler und Tirolerinnen darüber entscheiden, welchen Stellenwert der Naturschutz in einem zukünftigen Regierungsprogramm haben wird.  

 
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