Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Wirtschaft | 31. März 2020 | Friederike Hirsch

Die Angst kassiert mit

Die Angst kassiert mit
„Kontaktlos zahlen, die Zeit vor 9 Uhr den Risikogruppen überlassen, Abstand halten“, appellieren die Beschäftigten im Lebensmittelhandel. RS-Foto: Hirsch
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Die Helden des Alltags im Lebensmittelhandel



Die Wirtschaft läuft auf Notbetrieb. Überall? Nicht überall. Der Lebensmittelhandel läuft auf Hochtouren. Die Grundversorgung muss gesichert bleiben. Hier sind die Mitarbeiter durch den direkten Kontakt mit ihren Kunden dem Coronavirus besonders ausgesetzt. An die 5000 Beschäftigte arbeiten im Oberland im Lebensmittelhandel. Stellvertretend dafür hat sich die RUNDSCHAU mit einer alleinerziehenden Mutter und Verkäuferin unterhalten.



Von Friederike Hirsch



„Abstand halten lautet die Devise“, sagt sie, die alleinerziehende Mutter, die seit Tagen an der Kasse eines Discounters sitzt. „Meinen Namen braucht man nicht nennen. Ich sehe mich als Stellvertreterin für viele, die jetzt täglich an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gehen“, lächelt sie. Wir nennen sie Sabine.



Ein bisschen Respekt


Sabine hat einen vierjährigen Sohn, ist Alleinerzieherin und liebt ihre Arbeit im Lebensmittelhandel. Seit ein paar Tagen kassiert sie mit Handschuhen und vermeidet langen Kundenkontakt. „Das kommt bei den Kunden gar nicht gut an. Es fehlt oft das Verständnis“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Wie man mit der jetzigen Situation umgehen soll, wusste und weiß niemand ganz genau. So stürmten die Menschen noch vor ein paar Tagen die Lebensmittelgeschäfte. „Wir wussten schon nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Keiner hatte mit dem Ansturm gerechnet. Ich machte zusätzliche Schichten, was schwierig ist, denn ich brauche immer jemanden für meinen Kleinen. Das muss auch organisiert werden“, sagt die junge Mutter. Erst als die Tiroler Landesregierung in verschiedenen Pressekonferenzen versicherte, dass die Lebensmittelgeschäfte offen bleiben und dass die Versorgung gesichert ist, hat sich die Lage entspannt. „Sozusagen wurden wir alle ins kalte Wasser geworfen“, sagt Sabine. „Aber jetzt ist es wieder ruhiger geworden“, meint die Verkäuferin. Über das Verhalten mancher Kunden kann Sabine nur den Kopf schütteln. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass den Menschen gar nicht bewusst ist, dass auch wir im Handel an vorderster Front stehen. Da kommen Leute, um ein paar Semmel oder eine Packung Schnitzel zu kaufen, nur weil sie unbedingt an diesem Tag Schnitzel essen wollen. Wir werden schräg angemacht, wenn wir bitten, mit Karte zu zahlen, uns die Hände desinfizieren oder mit Handschuhen kassieren. Die Leute regen sich auf, wenn beispielsweise kein Joghurt mit Kaffeegeschmack im Regal ist“, sagt sie. Wünschen würden sich die Mitarbeiter ein bisschen mehr Respekt für die Arbeit, die sie leisten. Ein bisschen mehr Verständnis, dass auch sie einen wichtigen Beitrag leisten. „Natürlich muss niemand hamstern, aber gezielt einkaufen gehen, vielleicht für eine Woche, das würde den Kontakt schon minimieren“, appelliert die junge Mutter. Die Betreuungssituation gestaltet sich für die Oberländerin schwierig. „Es ist ganz generell schwierig, nicht nur jetzt“, sagt sie. Ihre Schicht beginnt um 6.00 Uhr. „Keine Betreuungseinrichtung hat da schon offen. Und jetzt ist es noch schwieriger. Die Dienstpläne können nicht eingehalten werden“, sagt sie. Sabine ist froh, dass sie ihren Vater hat, der noch nicht im Risikoalter ist und sich um den Kleinen kümmern kann. „Mit ist schon klar, dass man nicht auf die Großeltern zurückgreifen soll. Was machst du aber, wenn du sonst niemanden hast?“, fragt sie besorgt. Natürlich habe sie sich überlegt, nicht mehr zu arbeiten, aber sie will auch einen Beitrag leisten. „Ich war wirklich in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite möchte ich meinen Vater und mein Kind schützen. Ich trage meinen Liebsten gegenüber Verantwortung, aber ich möchte auch den Betrieb unterstützen, einen wertvollen Beitrag leisten“, sagt sie. Was macht Sabine mit der Einsamkeit, mit den Abenden allein zuhause, mit ihren Ängsten? „Ich telefoniere mit meinen Freundinnen, abends wenn alles ruhig ist. Da tauschen wir uns aus. Ohne diese Gespräche wäre die Situation noch beängstigender“, ist sich Sabine sicher. Manchmal wünscht sie sich eine Schulter zum Anlehnen, nicht nur ein Telefon. „Aber wenigstens habe ich noch Arbeit“, sagt sie. „Andere Freundinnen sind arbeitslos und haben noch die finanziellen Sorgen dazu“, meint Sabine nachdenklich. „Wir können nur alle das Beste aus der Situation machen. Aufeinander Acht geben und sich an die Maßnahmen halten. Kontaktlos zahlen, die Zeit vor 9 Uhr den Risikogruppen überlassen, Abstand halten – das sind die einfachsten Dinge. Tun wir das alle, dann schützen wir die Kunden und die Kunden schützen uns“, sagt Sabine. Jüngst haben sich die Sozialpartner übrigens auf neue Schutzmaßnahmen für Handelsangestellte geeinigt: „Geschäfte dürfen nur noch bis 19 Uhr offen haben. Risikogruppen und schwangere Mitarbeiter sollen keinen Kundenkontakt mehr haben und die Mitarbeiter an den Kassen und im Geschäft werden mit Masken, Handschuhen und Plexiglas geschützt“, teilten ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian und Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer mit.


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