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Imst | Wirtschaft | 27. September 2022 | Agnes Dorn

Starke Front gegen Kraftwerksausbau

Starke Front gegen Kraftwerksausbau <br />
In diesem Bereich plant die Tiwag, das Wasser der Venter Ache in einem Becken mit 500 Meter Rückstau zu sammeln und in den Gepatsch-Speicher überzuleiten. RS-Foto: Dorn
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Alpin- und Umweltverbände warnen vor Ableitungen der Venter- und der Gurgler Ache

Gegen das geplante Megaprojekt der Tiwag im Kaunertal formiert sich inzwischen massiver Widerstand: Neben WWF und den beiden Alpenvereinen, 28 weiteren Organisationen wie Global 2000 oder dem Verein „Lebenswertes Kaunertal“ haben auch elf Wissenschaftler die Erklärung gegen den Ausbau des Kraftwerks unterzeichnet. Auch Gemeinden, Agrarier und Touristiker zeigen sich wenig begeistert von den Tiwag-Plänen.
Seit 2006 plant das Landesunternehmen Tiwag den Ausbau des bestehenden Kraftwerks Kaunertal, für das seit 2012 das Umweltverträglichkeitsverfahren läuft. Sollte das Projekt schließlich in der eingereichten Form genehmigt werden, würde ein Großteil der Gurgler und der Venter Ache zunächst in Becken gefasst und über Stollen durch das Gemeindegebiet von St. Leonhard in den bestehenden Gepatsch-Stausee geleitet werden. Das weiter westlich gelegene Platzertal wiederum würde zu einem 42 Millionen Kubikmeter fassenden Speichersee geflutet werden, der durch Pumpen aus dem Speicher Gepatsch gespeist würde. Das gespeicherte Wasser würde dann im geplanten neuen Kraftwerk Versetz abgearbeitet werden. Neue Bauwerke sowie Adaptierungen der bestehenden Anlage würden außerdem die Gemeinden Tösens, Prutz, Fendels, Faggen, Fließ, Imsterberg (weiterer Triebwasserweg und Schwallausgleichsbecken) und Haiming (dritte Turbine im Krafthaus) betreffen.

VERLUST DER MOORE. „Die Genehmigung der Ausbaupläne hätte nicht nur weitere jahrelange Großbaustellen im Hochgebirge zur Folge. Sie bedeutet auch massive irreversible und flächenhafte negative Auswirkungen auf die alpine Landschaft, die Biodiversität, alpine Lebensräume und den Wasserhaushalt in der Region“, warnen WWF, ÖAV und DAV gemeinsam. Das Projekt sei schon lange nicht mehr zeitgemäß, würde einen unwiederbringlichen Verlust von 6,3 Hektar Moorflächen im Platzertal mit sich bringen  und das bereits jetzt eklatante Wasserproblem in der niederschlagsarmen Region massiv verstärken, warnt WWF-Teamleiterin Bettina Urbanek. Gletscher- und Naturschutzexperte Tobias Hipp vom DAV ergänzt: „Der vergangene Sommer hat bewiesen, dass es schon jetzt durch den Klimawandel zu Engpässen in der Wasserverfügbarkeit kommt. Und dieses Problem wird sich mit dem voranschreitenden Gletscher-rückgang extrem verschärfen.“

IM AUFTRAG DES LANDES. Mit einem „klaren Auftrag der Landesregierung“ sieht sich dagegen die Tiwag ausgestattet, die vom derzeitigen Projektausmaß nicht abgehen möchte. Man arbeite derzeit die vom Land angeordneten Verbesserungsaufträge ein, die mit Februar 2023 befristet sind. Und solange das Widerstreitverfahren mit der Gemeinde Sölden zur Nutzung der Venter Ache laufe, sei ohnehin keine Projektmodifikation möglich, reicht Projektleiter Wolfgang Stroppa den Ball weiter. Der prognostizierte Gletscherverlust – Hipp zufolge bis 2050 60 bis 65 Prozent weniger Eisvolumen – habe keinen Einfluss auf das Kraftwerk, so Stroppa. Denn der Niederschlag übers Jahr bleibe gleich hoch und gegen die prognostizierten Starkregenereignisse würde das Projekt zusätzlich einen Hochwasserschutz bieten. Ganz anders sieht man das beim Österreichischen Biodiversitätsrat, wie Gabriel Singer von der Universität Innsbruck erklärt: „Durch die geplante massive Wasser-
entnahme würde die natürliche Dynamik der Gletscherflüsse im Ötztal vollständig unterbunden. Intakte Ökosysteme sind unsere Versicherung in der Klimakrise. Wir brauchen dringend großräumige Schutzausweisungen und die Wiederherstellung von Ökosystemen, um die Vielfalt an Lebensräumen für Tiere und Pflanzen zu erhalten und das aktuelle Artensterben abzubremsen.“ Die Vernichtung eines der zwei letzten unverbauten Gletscherbachsysteme mit natürlichem Abflussregime sowie des hochalpinen Platzertals sei daher völlig inakzeptabel.

BEDENKEN IM ÖTZTAL. Direkt vom Projekt betroffen wären auch die Ötztaler Gemeinden. Vor allem Sölden kämpft schon seit Jahren gegen den Einzug seiner Wildbäche. Die Einsprüche der Gemeinde zur Gurgler Ache wurden zwar vom Höchstgericht abgewiesen, doch das Widerstreitverfahren bezüglich der Venter Ache laufe noch, erklärt Stroppa. „Ich bin auch nicht glücklich, wenn man so viel Wasser ableitet und ich frage mich, ob man das Projekt nicht verkleinern kann“, hofft dagegen Jakob Wolf, Bürgermeister der Gemeinde Umhausen, zumindest auf eine Adaptierung des Projekts. Das von Umhausen, Oetz, der Baufirma Auer und der Tiwag betriebene Kraftwerk an der Ötzaler Ache sei aber nicht betroffen, da dieses Projekt schon vorab mit der geplanten Erweiterung  Kaunertal abgestimmt wurde. Er erwarte sich trotzdem, dass die Tiwag nun prüfe, ob das Projekt nicht mit weniger Wasser auskomme und hofft hier mit Sölden auf einen starken Verhandlungspartner. Sobald das Projekt aufliege, habe auch die Gemeinde Umhausen Parteistellung und man werde dann die Möglichkeit nutzen, eine Stellungnahme abzugeben, verspricht Wolf. „Proteste sind legitim und Teil einer funktionierenden Demokratie“, gibt sich dagegen der Tiwag-Projektleiter gelassen. Aber: „Wir haben schon oft versucht, mit Sölden zu reden, aber das war nicht möglich. Mit dem neuen Gemeinderat wollen wir das jetzt noch einmal versuchen“, hofft er auf ein Einlenken der Gemeinde. Den Widerstand aus den NGOs wird man dagegen wohl kaum brechen können. So organisiert der Verein WET – „Wildwasser erhalten Tirol“ für den 2. Oktober um 11 Uhr am Postplatz in Sölden eine Demonstration gegen das Kraftwerksprojekt, bei der auch Vertreter der Agrargemeinschaften, Bürgerinitiativen und Umwelt- und Naturschutzorganisationen teilnehmen werden.

 
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