„In Mitleidenschaft gezogen“

Der Felssturz auf die L17 zwischen Fließ und Neuem Zoll Foto: BBA Imst/Schatz

Landesgeologe HR Dr. Gunther Heißel über Felsstürze & Co.

 

Landesgeologe HR Dr. Gunther Heißel analysiert die heuer bereits recht häufigen Steinschläge und Felsabbrüche im Bezirk Landeck. Er merkt an, dass diese Ereignisse unter Umständen nur der Anfang einer länger anhaltenden Entwicklung sein könnten.

 

Von Daniel Haueis

 

RUNDSCHAU: Leider sind Sie heuer wieder einmal vermehrt im Bezirk Landeck im Einsatz. Konzentrieren sich die bisherigen Ereignisse an der Reschenstraße, an der Landecker Straße, an der Ladiser Straße und an der Piller Straße zufällig im Bezirk Landeck oder gibt es eine Ursache für das anscheinend gehäufte Auftreten?

HR Dr. Gunther Heißel: Die Ursache liegt in den für diese Gegend eher großen Niederschlagsmengen der letzten Tage und in den zumindest am Tag herrschenden relativ hohen Temperaturen (Schneeschmelze). Diese für die Gegend eher untypische Witterung bewirkt, dass die Gesteine, die durch die besondere geologische Position zwischen Prutz/Ried und Landeck vor allem bei Wasserzutritt schlechte Gesteinseigenschaften aufweisen, durch den Einfluss von Schmelzwasser, das oberflächlich an den Gesteinen abrinnen, aber auch in die Gesteine eindringen kann, zum Abstürzen (Steinschlag, Blocksturz) oder zum Abrutschen (Hangrutsche im Lockermaterial und auch Abrutschen von Felsböschungen) neigen. Die vorstehend erwähnte besondere geologische Position ergibt sich dadurch, dass zwischen Landeck und Prutz/Ried ein Großteil der Gesteine, die die Alpen aufbauen, auf engstem Raum tektonisch zusammengedrängt sind und so durch die Gebirgsbildung besonders „in Mitleidenschaft gezogen“ wurden.

RS: Beim Felssturz (Fließ) bzw. Hangrutsch (Ladis) war Schmelzwasser die Ursache. Heuer dürfte es noch genügend Schmelzwasser geben – ist daher also mit weiteren derartigen Ereignissen zu rechnen?

GH: Leider ist es nicht unwahrscheinlich, dass dies aufgrund schlechter Witterung und schlechter Gesteinseigenschaften eher erst der Anfang einer länger anhaltenden Entwicklung ist. Weitere ähnliche Ereignisse sind daher nicht auszuschließen. Das gilt natürlich auch über den Raum Landeck-Prutz/Ried hinaus, also insgesamt für viele Gebiete in Tirol. Es gilt dies prinzipiell in allen Höhenlagen, wobei das Eintreten vor allem von der Art des Verlaufes der Schneeschmelze und der Intensität weiterer Niederschläge abhängen wird. Daher sind Prognosen für einzelne Gebiete, die explizit genannt werden können, nicht möglich. Eine ergänzende Erläuterung zur Art der Schneeschmelze: Wenn die Luft über Tirol in den Zeiten der Schneeschmelze sehr trocken ist, verdunstet viel Schnee und die eigentliche Schmelzwasserbildung findet nur vermindert statt. Das wäre günstig, weil dann Rutschungen und Sturzereignisse unwahrscheinlicher werden.

RS: Nachdem bisher ausschließlich Straßen betroffen waren: Sind die Verkehrswege im Bezirk aus Sicht eines Geologen sozusagen richtig angelegt, oder wäre z.B. bei der Reschenstraße oder der Landecker Straße eine andere Trasse besser, also sicherer oder zumindest günstiger gewesen? (Anmerkung: Das Interview fand vor dem Hangrutsch in Grins statt)

GH: Die Straßen sind grundsätzlich richtig angelegt. Der Wechsel auf die jeweils andere Talseite bringt in der Regel vielleicht da oder dort Vorteile, aber dafür auch andere Nachteile. In Einzelfällen bringt ein Trassenwechsel natürlich Vorteile. So wurde die Silvretta Hochalpenstraße nach der Mautstelle bei Galtür vor einigen Jahren auf die andere Talseite auf mehrere Kilometer Länge verlegt, um Steinschlag- und Blocksturzzonen mit Erfolg auszuweichen.

RS: Nachdem nun Tourensaison ist und irgendwann wieder die Wandersaison beginnt: Wie schaut’s in höheren Lagen aus? Was ist aus geologischer Sicht Tourengehern und dann auch Wanderern zu raten?

GH: Im Prinzip soll man sich nicht fürchten, aber einfach mit offenen Augen und mit Hausverstand die Berge genießen. Das heißt, dass man z.B. Gräben, die oft auch Steinschlagrinnen darstellen, erst quert, wenn man sich davon überzeugt hat durch raschen Blick nach oben, dass gerade kein Gestein herunter kommt und dass man die Querung einzeln und rasch durchführt. Ein weiteres Beispiel: Man sollte bei Gewittergefahr nicht in der Nähe von Bächen, die durch Gräben herunter fließen, verweilen (Gefahr plötzlicher Murenabgänge). In höheren Lagen sollte man sich rasch aus Zonen herausbegeben, wenn dort alle paar Minuten oder in noch kürzeren Abständen Steinschlag festgestellt wird. In diesem Fall könnten das Vorboten eines größeren Felssturzereignisses sein.

RS: Danke.

Landesgeologe HR Dr. Gunther Heißel: „Leider ist es nicht unwahrscheinlich, dass dies aufgrund schlechter Witterung und schlechter Gesteinseigenschaften eher erst der Anfang einer länger anhaltenden Entwicklung ist.“ RS-Foto: Archiv