Jeder ist allein

Hier hält die Fassade noch. Aber schon bald schlägt der Gott des Gemetzels zu. Johannes Rhomberg, Christina Trefny, Markus Tavakoli (er fungierte auch als Regisseur) und Daniela Kong (v.l.) wurden mit zunehmender Dynamik immer besser. RS-Foto: Gerrmann

„Der Gott des Gemetzels“ in der Kellerei: eine Metapher über das menschliche Miteinander

Lachen kann befreien. Es kann einem aber auch im Halse stecken bleiben: Diese Bipolarität konnte man am Samstag beim Gastspiel des Theaters im Wohnzimmer in der Reuttener Kellerei erleben. „Der Gott des Gemetzels“ war beste Unterhaltung, hinterließ aber auch eine gehörige Portion Ratlosigkeit.

Von Jürgen Gerrmann

Ob das zwölf Jahre alte Stück von Yasmina Reza, das den meis-ten wohl in erster Linie als Roman Polanski-Film (unter anderem mit Jodie Foster und Christoph Waltz) im Bewusstsein verankert sein dürfte, nun eine Komödie oder Tragödie ist – die Antwort auf diese Frage schwingt wohl ständig hin und her. Und zuweilen liegt das ja tatsächlich ganz, ganz eng beieinander. Da braucht das Pendel nur eine minimale Amplitude zu haben.

Ein Funke reicht.

Nach einem etwas zähen Beginn (Schauspieler und Publikum mussten sich wohl erst aneinander gewöhnen), nahmen die Dinge dann doch Fahrt auf. Eine Funke reicht. Für eine Explosion der Emotionen von vier Leuten, die überzeugt davon sind, Konflikte zivilisiert lösen zu können und daran scheitern, die Fassade der Zivilisiertheit, ja der Zivilisation mühsam immer wieder zu flicken.
Am Ende stürzt sie dann doch ein, bricht zusammen.
Und dieser Funke sprang dann auch auf das Publikum über, in dem viele – im Laufe der Inszenierung von Markus Tavakoli, der, genau wie seine Mit-Akteure Christina Trefny, Daniela Kong und Johannes Rhomberg, mit zunehmender Dynamik auch zur Höchstleistung auflief) – gespürt haben dürften, dass sie nicht nur Zuschauer sind, sondern es auch um sie, ja im Grunde die ganze Menschheit geht. Denn das, was da geradezu exemplarisch abläuft, ereignet sich ja im Grunde nicht nur im trauten Wohnzimmer, sondern auch auf der großen weltpolitischen Bühne.

Alle Dämme brechen.

Gewaltfreie Kommunikation, politische Korrektheit: Gilt das nur, solange es einem selbst nutzt? Wer hält den anderen, wer hält die anderen wirklich aus? Was brodelt in einem? Soll man es im Innersten behalten oder muss es „einfach mal raus“? So, wie im Stück ein Streit unter Schulbuben, bedarf es auch sonst oft (oder zumeist) nur Kleinigkeiten, um alle Dämme brechen zu lassen.
Und dann lösen sich alle Fronten auf, dann läuft man zur Gegenseite über, dann heißt es: jeder gegen jeden und jeder mit jedem. Jeder fällt jedem in den Rücken. Jeder ist sich selbst der Nächste. Beziehungsweise: Jeder und jede ist sich selbst der oder die einzige.
Gibt es überhaupt Verbündete? Gibt es überhaupt Verbundenheit? Ist die Heuchelei (sei es über den Kuchen, der gräßlich schmeckt, aber dennoch das Prädikat „wunderbar“ erhält, sei es über die Gewaltlosigkeit) der einzige Kitt, der die Attrappe noch zusammenhält? Fragen über Fragen.

Lachen mit Schrecken.

Das Stück lässt einen lachen, aber das, was in einem schlummert und der Gott des Gemetzels im Streit so trefflich aus einem herauszukitzeln versteht, ist schrecklich, zum Erschrecken – auch für einen selbst. Und es lässt einen irgendwie ratlos zurück. Verschütteten Rum kriegt man nicht mehr in die Flasche zurück. Zerrupfte Rosen werden nie mehr eine Blume.
Sollte es doch so sein, wie es Hermann Hesse in seinem herbstlichen Gedicht beschreibt? „Seltsam, im Nebel zu wandern. Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern. Jeder ist allein.“
Auch das zählt zu den Fragen, die man nach dem offenen Ende dieses Dramas mit nach Hause nehmen konnte.

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