Judenhass im Außerfern

Historiker Dr. Richard Lipp weiß zu berichten, dass auch das Außerfern von den Judenpogromen vor 80 Jahren nicht verschont blieb. RS-Foto: Gerrmann

Auch in Reutte und Ehrwald wütete vor 80 Jahren der nationalsozialistische Mob

Der Auftakt zu einem schrecklichen Verbrechen – das waren (wie man heute weiß) die Gewalttaten gegen Juden – in der von den Nazis „Reichskristallnacht“ genannten (heute als „Reichspogromnacht“ bezeichnet) Aktion – vor nunmehr 80 Jahren. Auch das Außerfern blieb davon nicht verschont. Dort war der Mob, wie Reuttes Historiker Richard Lipp schon vor acht Jahren im Jahrbuch des Vereins Extra Verren herausgearbeitet hat, sogar besonders früh dran.

Von Jürgen Gerrmann

Hier wütete der braune Mob in Reutte erstmals nach dem „Anschluss“ Österreichs: Das ehemalige Wohnhaus des Metallwerk-Direktors Gustav Lenke am Kirchweg. RS-Foto: Gerrmann

Dort schlug ein Schlägertrupp nicht erst am 9. November 1938, sondern sogar schon am Tag nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland zu – und zwar nicht etwa mitten in der Nacht, sondern am helllichten Tag.
„Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen“ – das Horst-Wessel-Lied, die Kampfhymne der NSDAP, war am 12. März 1938 etwa um 13.30 Uhr in den Reuttener Straßen zu hören: Gut zwei Dutzend Leute waren, nach den Erkenntnissen von Richard Lipp (auf denen dieser gesamte Artikel beruht), der unter anderem mit Zeitgenossen sprechen konnte, der Nazitrupp groß, der da zur Wohnung von Gustav Lenke in der Singer-Villa am heutigen Kirchweg 20 marschierte.
An das, was dann folgte, erinnerte sich ein Augenzeuge gegenüber dem Historiker so: „Als einige Tage nach dem Umsturz die Fenster eingeworfen wurden, waren die Eheleute Lenke allein zu Hause, da beide Töchter in der Handelsakademie in Innsbruck waren. Um sich vor den hereinfliegenden Steinen zu schützen, stand das Ehepaar Lenke zwischen den breiten Türstöcken. Solche, die am meisten von ihm geschenkt bekamen, waren beim Fenstereinwurf dabei.“

Ein einziger Scherbenhaufen.

Lenke war damals 58 Jahre alt, kaufmännischer Direktor des Metallwerks Plansee und auch unter den Arbeitern hoch geachtet. Das hinderte den braunen Schlägertrupp indes nicht, sich auszutoben. Und wie: „Wir sahen nachher die Verwüstung: Im Schlafzimmer lagen auf den Kopfpolstern große Steine. Nach dem Fenstereinwurf war die ganze Wohnung ein einziger Scherbenhaufen, es sah furchtbar aus“, sagte ein anderer, der damals dabei war.
Die Polizei tat danach: gar nichts. Sie verharrte auch in Untätigkeit, als eine SA-Horde am selben Tag die Kanzlei des Rechtsanwalts Dr. Hermann Stern (er hielt sich damals in Innsbruck auf) besetzte.

Postwirt zeigte Zivilcourage.

Ein Reuttener hatte beim allgemeinen Wegschauen dann doch Mut zur Zivilcourage: Josef Kustatscher, Gastwirt und Hotelier von der „Post“, nahm die Lenkes nach der Verwüstung ihrer Wohnung bei sich auf. Das war sozusagen das Vorspiel zu den schlimmen Pogromen, die noch kommen sollten. In der eigentlichen „Kristallnacht“ blieb es in Reutte ruhig. In Ehrwald wiederum gab es in der Nacht vom 12. auf den 13. November einen Vorfall in der heutigen Wettersteinstraße: Dort betrieb die Familie Steinacker die Pension „Sonnblick“.
Da die Frau Jüdin war, wurde sie wohl von den Nazis als Ziel einer Attacke ausgesucht. Die tauchte diesmal sogar in den Polizeiakten auf. Der Gendarmerieposten Ehrwald notierte dazu: „So wurden auch hier in der Pension ‚Sonnblick‘ Steinacker – die Frau des Besitzers ist Jüdin – in der Nacht vom 12. auf den 13. November die Eingangstüren und 11 Zimmertüren, ein Kleiderschrank im Korridor des ersten Stockes und ein Schirmständer, weiters fünf Fenster zertrümmert. Der Schaden beziffert sich gegen 300 Reichsmark. Die Täter, es waren deren vier, die von zwei Dienstmädchen der Pension Buchenhain in der hellen Mondnacht gesehen wurden, konnten nicht ermittelt werden.“
Traurig: Außer in der Landeshauptstadt Innsbruck wütete der Mob im Zusammenhang mit der Reichskristallnacht ausschließlich in Ehrwald.
Was wurde nun aus den Opfern dieser Übergriffe? Die Steinackers zogen nach Brünn, verkauften die Liegenschaft an der Zugspitze und die Konzession für die Pension für 50 000 Reichsmark. 1949 versuchte Diplom-Ingenieur Andor Steinacker, im Rahmen eines „Rückstellungsverfahrens“, wieder an seinen Besitz zu kommen. Das wurde indes 1951 abgelehnt.
Gustav Lenke war wegen seiner sozialen Gesinnung (er unterstützte Arme mit Kleidung und Essen) hoch geschätzt. Selbst der damalige Kreisleiter Karl Schretter verwandte sich für ihn (was er büßen sollte, indem er „in infamer Weise kalt gestellt, ja sogar verhaftet und aus der Partei ausgeschlossen wurde“ und selbst zum Verfolgten wurde, wie Lipp schreibt). Dennoch erhielt Lenke am 16. April 1938 Hausverbot im Metallwerk. Er siedelte nach Wien über und konnte noch ins Exil gehen, wo er 1949 starb.

Lange Vorgeschichte.

Überaus verdienstvoll ist es, dass Richard Lipp in seiner Arbeit (die nach wie vor im Museumsshop im Grünen Haus in Reutte erhältlich ist), sich nicht nur auf die unmittelbaren Ereignisse nach dem „Anschluss“ beschränkt, sondern auch die (lange) Vorgeschichte des Judenhasses in Tirol mit erzählt.
So konnte man auf einem in Innsbruck herausgegebenen Flugblatt Sätze wie diese lesen: „Mit Abscheu haben Eure Väter die Angehörigen der jüdischen Rasse gemieden und sich vom Leibe gehalten. Der von ihren Vorfahren überkommene Heimatboden war ihnen zu gut, ihn asiatischen Parasiten auszuliefern. Die Gutmütigkeit der Deutschen ließ es aber geschehen, daß diese sich ungestört ausbreiten konnte…Wollt Ihr, daß es in Tirol, besonders in Innsbruck, bald nur mehr jüdische Geschäfte gibt?…Wollt Ihr die herrliche Luft in unserem Bergland von der Rasse verderben lassen, die schon den Römern ein Gräuel war? Oder wollt Ihr Herren Eurer Heimat bleiben und sie Euren Kindern erhalten? Wenn Ihr das wollt, dann schaart Euch alle zusammen, um gemeinsam den gemeinsamen Feind unschädlich zu machen. Der Tiroler Antisemitenbund will dieser Aufgabe dienen.“
Dessen Obmann war laut Lipp der „Paradekatholik und christlichsoziale Landtagsabgeordnete, christliche hohe Bauernbundfunktionär und später Landwirtschaftsminister Andreas Thaler“ (der Wildschöner gründete später eine Kolonie in Brasilien, wo er 1939 im Alter von 55 Jahren bei einer Überschwemmung starb).
Veröffentlicht wurde die oben zitierte Hetzschrift im Oktober 1919.
Übrigens: Adolf Hitler trat erst einen Monat später erstmals als Redner (für die damals winzige Deutsche Arbeiterpartei, die sich dann im Februar 1920 in NSDAP umbenannte) auf.

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