Junge Leute packen an

Clemens Lubin freut sich, wenn er mit seiner Musik Menschen zum Lachen bringt und Herzen öffnet. Foto: Lebenshilfe/Schafferer

Freiwilliges soziales Jahr öffnet Perspektiven

Über 60 Tiroler Burschen und Mädchen engagieren sich jährlich vor oder nach ihrer Ausbildung freiwillig. So wie Clemens Lubin. Er ist heuer bei der Lebenshilfe in Reutte tätig.

Eigentlich wollte Clemens studieren, doch dann brachte ihn ein Freund auf die Idee, ein freiwilliges soziales Jahr zu machen.
„Viele meiner Freunde ziehen weg – da will ich nicht als einziger zurückbleiben“, dachte sich der 19-Jährige und zog kurzentschlossen von Augsburg nach Reutte.
„Anfangs war es schon sehr ungewohnt, Menschen mit Behinderungen zu begleiten“, gesteht Clemens, der in einem Wohnhaus arbeitet. Doch der herzliche Umgang miteinander half ihm rasch, alle Berührungsängste zu überwinden. Bei Spaziergängen, beim Einkaufen, beim gemeinsamen Kochen oder der Unterstützung im Bad lernte er jeden der Bewohner bald besser kennen. Außerdem spürte er gleich, wie sehr die Bewohner es schätzen, wenn er sich Zeit für sie nimmt. „Clemens bringt Pepp ins Haus“, erklärt sein Chef Werner Moosbrugger begeistert. Er schätzt Freiwillige, die hier ihre Ideen einbringen und Zeit haben, sich den Wünschen der Bewohner zu widmen.
„Am liebsten begleite ich die Leute in ihrer Freizeit“, erzählt Clemens. So fährt er zum Beispiel mit Bewohnern ins Grüne oder begleitet einen Mann beim Schwimmen. Er besucht mit ihnen Musikveranstaltungen oder greift auch selbst einmal zur Gitarre. Dabei entdeckt er, dass musizieren hilft, positive Entwicklungen anzustoßen. So blüht eine sehr schweigsame Frau richtig auf, wenn er ihr Lieder aus ihrer Jugend vorspielt. Sie wird aktiver, singt mit und reagiert auch auf Fragen, die vorher unbeantwortet blieben. Solche kleinen Fortschritte mitzuerleben, bestätigen Clemens in seinem Einsatz.
„Mich freut, dass ich hier selbst viel lerne“, ist Clemens von seiner Entscheidung überzeugt. „Und ich habe erkannt, dass die Welt der Klienten eine doch recht normale Sache ist. Ich bin heute flexibler im Umgang mit Situationen, die mich früher mehr gefordert hätten. Mein Motto ist: Was soll schon passieren?“
Das Jahr in Reutte bedeutete für Clemens auch einen Abschied von vielen Freunden, doch seine Kollegen und Eltern bewundern ihn dafür. „Ich bin mit meiner Wahl total glücklich und bereue nichts“, erklärt der junge Augsburger. „Ich arbeite hier in einem jungen Team mit einem jungen Chef, lebe in einer eigenen, feinen WG – mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht.“ Er spürte, dass sein Chef ihn von Anfang an wie einen vollwertigen Kollegen behandelt. Auch die Anerkennung der Kollegen und Bewohner machten ihn sicherer. Sozialarbeiter will Clemens nach dem freiwilligen Jahr trotz seiner vielen positiven Erfahrungen nicht werden. „Aber ich habe durch das freiwillige soziale Jahr eine Denkweise gelernt, die ich mir definitiv behalten werde“, reut er sich.
„Clemens geht Beziehungen ein und spürt, wenn es Leuten nicht gut geht. Er ist eine Bereicherung für das ganze Team“, findet Werner Moosbrugger, Leiter des Wohnhauses in Breitenwang nur lobende Worte.
Bei der Lebenshilfe in der Region Reutte werden seit nunmehr 20 Jahren FSJ-ler eingesetzt. Derzeit sind es zwei Personen. Sie arbeiten im Wohnbereich und in der Werkstätte mit.  „Wir werden auch weiterhin darauf schauen, dass wir solch engagierte junge Menschen bei uns einsetzen können. Es ist für die Arbeit sehr bereichernd, so  Franz-Peter Witting, Regionalleitung Reutte/Außerfern.