Kein Abschiedsdinner für die Bühne Imst Mitte

Der Wein stammt aus dem Geburtsjahr des zu verabschiedenden Freundes, was dieser aber nicht weiß. Das Abschiedsdinner für Antoine (M.) gestaltet sich beileibe nicht so wie von den Gastgebern Clotilde und Pierre geplant. RS-Fotos: Dorn

Zur großartigen Premiere des neuen Stücks gab‘s ebenso großartige Neuigkeiten

Gleich vorweg: Die Bühne Imst Mitte kann in ihren bisherigen Räumlichkeiten bleiben und muss den Theaterbetrieb in der Pfarrgasse nicht einstellen. Ihr Pachtvertrag wurde verlängert, sehr zur Freude aller Theaterfans, die die Bühne im Herzen der Stadt als wichtige Kulturinstitution längst zu schätzen gelernt haben. Auch mit ihrem neuesten Stück „Das Abschiedsdinner“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière beweist das Regieduo Christian Reiter und Simone Ginther bei der Besetzung ebenso wie bei der Inszenierung Feingefühl.

Von Agnes Dorn

Wer das Stück „Der Vorname“ der beiden französischen Autoren gesehen hat, das die Bühne Imst Mitte vor drei Jahren zur Aufführung gebracht hat, darf Ähnliches bei einem weiteren Werk von Delaporte und de la Patellière erwarten: Wieder geht es um Freundschaft, die im abendlichen Wohnzimmer auf harte Proben gestellt wird. Guter Humor, der ohne zuviel Slapstick auskommt, pointierte Dialoge und tiefsinnige Überlegungen zur zwischenmenschlichen Beziehung bilden die Grundlage des Stücks „Das Abschiedsdinner“. Darin stellt sich das Ehepaar Pierre und Clotilde eingangs die Frage, ob sie denn wirklich ihren alten Freundschaften weiterhin wertvolle Zeit widmen sollten, obwohl diese sich längst in langweiliger Routine verwandelt haben. „Wenn ein Baum nachwachsen soll, musst du die toten Äste wegschneiden“, attestiert Pierre. Um den gegenseitigen abendlichen Einladungen ein würdiges Ende zu setzen, beschließen die beiden, für ihre Freunde Abschiedsdinners zu veranstalten, wohlgemerkt, ohne die Betroffenen über die Bedeutung der Feier zu informieren, um sich danach zukünftig nie wieder mit ihnen zu treffen. Als erstes Opfer wird Antoine ausgewählt, ein Jugendfreund Pierres, der den beiden mit seinen endlosen wissenschaftlichen Monologen und seinem Selbstmitleid schon seit langem auf die Nerven geht. Mit ihm soll auch seine Frau Bea gleich mitverabschiedet werden, doch der Einladung zum Abenddinner folgt nur Antoine allein, da seine Frau verhindert ist. Dass von dieser Planabweichung weg dann alles daneben geht und das sorgfältig geplante Abschiedsdinner so ganz anders verläuft, wie von den Gastgebern geplant, bringt zumindest Pierre fast an den Abgrund der Verzweiflung. Das Publikum dagegen darf auf amüsante Weise an der Entlarvung des teuflischen Plans teilhaben.

Der Schleier wird gelüftet.

Was verbindet Menschen über Jahrzehnte miteinander und was bedeutet Freundschaft abseits der gemeinsamen Interessen? Neben diesen offensichtlichen Fragen, die die Autoren im Stück von Beginn an stellen, sind es jene subtileren, mit denen der Zuschauer ebenfalls konfrontiert wird, die tiefer gehen: Sind gesellschaftliche Konventionen wichtiger als die eigene Überzeugung? Wertet man den anderen nicht gerade darum ab, weil er Dinge kritischer als man selbst sieht? Und wie viel Wahrheit verträgt eine Freundschaft? Pierre und Antoine könnten wohl verschiedener nicht sein: Der erste hat sich als Buchverleger ein annehmliches Leben eingerichtet, in dem wenig hinterfragt wird und die Routine des Berufs für den Komfort des Alltags in Kauf genommen wird. Dem zweiten ist die eigene Psychoanalyse ebenso heilig wie die ständige kritische Auseinandersetzung mit fast allem. Verständlich, dass Pierre von Antoine genervt ist – denkt sich so mancher Zuschauer wohl zu Beginn. Doch irgendwann wendet sich das Blatt und wenn Pierre plötzlich Antoine gegenüber einräumt: „Ich bin manchmal neidisch auf deine Gewissheiten“, dann hat sich das Blatt gewendet und die alte Freundschaft eine ganz andere Bedeutung gewonnen. Peter Mair als Pierre brilliert auch dieses Mal wieder mit seinen übertriebenen Gesten, die überraschenderweise niemals in Karikatur ausarten und seinem gekonnten Spiel zwischen coolem Weltmann und fahrigem Nervenbündel. Auch Matthias Wilhelm hat seinen Zugang zu seinen Figuren gefunden und überzeugt als schrulliger Kopfmensch, dem der Narzissmus unverblümt im Gesicht steht. Stefanie Bauer als kühle, souveräne Ehegattin bleibt stoisch, selbst in den absurdesten Momenten des Stücks. Die kleinen mimischen Gesten setzt sie dabei gekonnt als Pointen ein. Weitere Vorstellungen des Abschiedsdinners, das doch keines ist, sind am 16., 17., 18., 23., 24., 25. und 30. Juni sowie am 1., 2., 7., 8. und 9. Juli. Beginn ist um 20 Uhr beziehungsweise sonntags jeweils um 18 Uhr. Karten können unter der Nummer 06646360646 telefonisch oder online reserviert werden.

Einen fiesen Plan hecken Clotilde und Pierre da aus.

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