Klimawandel: Was tun die Förster?

Förster Josef Walch setzt angesichts des Klimawandels auch im Außerfern auf Mischwald. RS-Foto: Gerrmann

Auch im Außerfern verändert sich der Wald

Es braucht im Grunde keine Katastrophen, um zu merken, dass der Klimawandel keine abstrakte Theorie sondern  Realität ist. Oft zeigt sich die Veränderung auch an eher unscheinbaren Dingen. Zum Beispiel an der Brombeere, die im Außerfern immer häufiger vorkommt. Wie die Förster mit der neuen Situation umgehen – darüber unterhielt sich die RUNDSCHAU mit Josef Walch von der Bezirkshauptmannschaft/Bezirksforstinspektion Reutte.

Auch er hat „keinerlei Zweifel”, dass es den Klimawandel gibt. Die Durchschnittstemperatur sei im Alpenraum seit dem vorindustriellen Zeitalter (also binnen rund zwei Jahrhunderten) um fast zwei Grad angestiegen.
Das führe auch dazu, dass  die Verbreitungsgebiete der Baumarten  weiter nach oben wanderten. Tanne und Buche waren zum Beispiel früher bei 1400 Metern an der oberen Verbreitungsgrenze – heute könne man noch 100 bis 200 Höhenmeter drauflegen. Und generell wird ein Ansteigen der Waldgrenze um 150 Meter erwartet. Doch nicht nur droben auf den Bergen werde sich etwas verändern: „Die Fichte wird in Tieflagen unter 600 Metern sicher Probleme kriegen.“ Was das Außerfern aber eher weniger betrifft.
Ein weiteres Beispiel: 1982 hat Walch in seiner Ausbildung noch gelernt, dass der Borkenkäfer in der Massenvermehrung nur bis zu einer Höhe von 1400 Metern vorkomme. Der Buchdrucker (wie der Schädling heißt, der zum Beispiel der Fichte stark zusetzt) ist ein höchst fruchtbares Tierchen, das es in dritter Generation schon mal auf drei Millionen Exemplare bringt: „Je wärmer es ist, desto schneller geht die Vermehrung“, so Josef Walch. Er befällt indes nur geschwächte Bäume: „Ein gesunder kann sich mit Harz wehren“, sagt Walch. Und somit wären wir bei den Gefahren fürs Außerfern: „In den vergangenen Jahren hatten wir sehr viele Sturmschäden – und dazu noch warme Sommer.“ Zur Freude des Buchdruckers, zum Ärger der Förster: „2017 hatten wir in ganz Tirol die größte Käferschadholzmenge seit mehr als zehn Jahren.“  Und auch die alte Regel mit der „Obergrenze“ für den Borkenkäfer gelte nicht mehr. Heute kommt er bis zur Waldgrenze hoch. Die Förster ziehen durchaus Konsequenzen aus dem Klimawandel. Ein Baum brauche schließlich 100 Jahre zum Aufwachsen, da gelte es, rechtzeitig die Weichen zu stellen: „Wir schauen, dass andere Baumarten als die Fichte stärker zum Zuge kommen und der Trend mehr zum Mischwald geht“, erklärt Walch. Die Fichte sei nun mal sehr anfällig für Trockenheit und wurzle sehr flach. Wobei man sie dennoch nicht links liegen lasse.
Eine gute Alternative dazu seien die Tanne (die allerdings vom Wild am allerliebsten verbissen werde) oder auch Buche und Ahorn. Als nicht heimische Baumart nennt Walch die Douglasie: „Die wäre von der Wirtschaftlichkeit gut, wird aber vom Naturschutz nicht so gern gesehen.“ Wobei der Forstmann die Befürchtung nicht teilt, dass sich diese amerikanische Baumart in unseren Wäldern ohne entsprechende Bemühungen breit machen würde.
Die Veränderungen, die nun anstehen, sind für Walch übrigens nichts Neues und treiben ihm auch nicht den Schweiß auf die Stirn. Fast drei Jahrzehnte ist er im Landesforstdienst tätig und schon lange habe man sich da mit Naturverjüngung und Forcierung des Mischwalds befasst: „Wir wollen damit die Fehler der Sechziger- und Siebzigerjahre korrigieren, als man zu sehr auf den „Brotbaum” Fichte setzte.“

Hölzerne Mode-trends. Wie so vieles im Leben unterliegen auch die Baumarten Modetrends. So sei bei Möbeln früher die Eiche sehr beliebt gewesen und dann stark zurückgegangen, feiere aber als Bodenbelag ein Comeback. Die Zirbe habe früher nicht viel Wert gehabt und sei nun der teuerste Baum: „Weil sie nachweislich gut für die Gesundheit ist.“
Momentan boome zudem Altholz. Was den Forstmann begeistert: Diese „Kaskadennutzung“ sei im Grunde das Nonplusultra. In der ersten Stufe werde das Holz im frischen Zustand verbaut, in der zweiten erfolge eine weitere Nutzung als „Altholz“ hauptsächlich im Innenausbau –  und erst, wenn gar nichts mehr gehe, lande es im Feuer. Der Vorteil dieses Prozesses, der sich ja über Jahrhunderte hinziehen kann: „Holz ist ein unheimlicher Kohlenstoffspeicher. In einer Tonne sind 500 Kilo reiner Kohlenstoff gebunden.“ Der werde beim Verheizen wieder frei – in Form von sogar 1,5 Tonnen Kohlendioxid. Die Konsequenz für Walch: „Wenn wir das Holz so lange wie möglich nutzen, kommt das CO2 nicht in den Kreislauf.“

Umsicht bei der Waldbewirtschaftung. „Mit einer guten Waldbewirtschaftung kann man sehr viel Kohlendioxid speichern, bei einer schlechten sehr viel mobilisieren.“ Ein Kahlschlag zum Beispiel vernichte eine Riesenmenge Humus, in dem auch sehr viel Kohlendioxid gebunden sei. Auch aus diesem Grund laute die Devise: „Kleinflächig nutzen und sofort wieder auf Naturverjüngung setzen!“ Denn ein Hektar guter Waldboden speichere 20 Tonnen Biomasse.
Aufs Heizen mit Holz will der Förster dennoch nichts kommen lassen: „Wir haben zwar ein kleines Problem mit Feinstaub, aber vom Klimaschutz her ist es fantastisch. Denn im Gegensatz zum Öl oder Gas ist Holz CO2-neutral. Beim Verbrennen des Holzes werde nur so viel CO2 freigesetzt wie beim Baumwachstum aus der Luft in das Holz eingebunden werden.“

Was bringt die Zukunft? Wie sieht Josef Walch denn die Zukunft für die 60 000 Hektar Wald im Außerfern (in diese – wachsende – Zahl sind auch Latschenbestände und Schutzwald eingerechnet) angesichts des Klimawandels ? „Zweischneidig“, antwortet er. Die Vegetationszeit werde länger, die Wachstumsbedingungen besser. Das ist die positive Seite. Und die negative? „Wir wissen nicht, wie es künftig mit Niederschlägen, Stürmen oder Murenabbrüchen aussieht. All das könnte auch wieder viel Wald zerstören.“ Es sei nämlich so, dass bei künftigen Entwicklungen der Niederschläge die Wissenschaft noch weniger wisse als bei den Temperaturen. Auch hinsichtlich der Sturm-Wahrscheinlichkeit gäbe es zwar einen Trend zur Zunahme, aber keine wissenschaftlich abgesicherten Ergebnisse: „Aber bei starken Stürmen kann in einem kurzen Moment sehr viel vernichtet werden. Auch dafür sind Mischbestände sehr wichtig, sie sind stabiler und viel weniger starkwindanfällig als Fichtenreinbestände.“

Von Jürgen Gerrmann

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