Klimawandel: Was tun?

Die Referenten beim Informationsabend zum Klimawandel: Johannes Vergeiner von der ZAMG und Andrä Stigger vom Klimabündnis Tirol mit Reuttes Gemeindeamtsleiter Sebastian Weirather (v.l.). RS-Foto: Gerrmann

Beim Info-Abend des Klimabündnisses Tirol in Reutte gab’s mehr Bangen als Hoffen

Deutliche Worte: „Die Frage ist nicht, ob der Klimawandel kommt – er ist schon da!“  Gesprochen wurden sie bei einem  Informationsabend des Klimabündnisses Tirol, zu dem so viele Interessenten gekommen waren, dass die Stühle im Sitzungssaal der Reuttener Marktgemeinde nicht ausreichten.

Die aktuelle Situation schilderte zunächst Johannes Vergeiner von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Er präsentierte zunächst ein bis ins Jahr 750 zurückreichendes Klimadiagramm, das bis zum Aufkommen meteorologischer Messstationen auf der Analyse von Baumringen beruhte. Die Übersicht zeigte: Ja, es hat auch im Mittelalter Wärmeperioden gegeben, die sich mit Eiszeiten abwechselten (zum Beispiel bei Gletschervorstößen zu Beginn des 19. Jahrhunderts), aber seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehe der Trend eindeutig nach oben. Auch in Tirol. Und auch in Reutte. Zwischen 1981 und 2010 habe die durchschnittliche Jahrestemperatur bei 7,5 Grad plus gelegen, sagte der Mann aus Innsbruck. Freilich: Seit 1990 häuften sich die überdurchschnittlichen Jahre. Der Trend zwischen 1961 und 2010 weise ein Plus von 1,3 Grad aus – was deutlich mehr als die weltweiten 0,8 Grad sei.
Was die Niederschläge anbelange, so habe sich die absolute Menge im Westen Österreichs kaum verändert. Wohl aber die Verteilung. Nun falle sehr viel weniger Schnee und sehr viel mehr Regen. Und die weiße Pracht schafft es auch immer seltener in tiefere Lage. Und wie sieht hier die Zukunft aus? Vergeiner rechnet damit, dass die Niederschläge kürzer, aber umso heftiger ausfallen.
Der ZAMG-Experte präsentierte dann auch die Folgen des Klimawandels für Tirol. Und da tauchte auch das eine oder andere auf der Plus-Seite der Tabelle auf: So könne die Produktivität in der Landwirtschaft steigen, weil die Vegetationsperiode hierzulande um drei bis vier Wochen länger werde. Die Emissionen sänken ebenso wie die Heizkosten, es entstünden neue Chancen für den Sommertourismus – auch dadurch, dass es in anderen Regionen unerträglich heiß werde und man die „Sommerfrische“ in den Bergen wieder mehr schätze. All dem stünden aber auch Minuspunkte gegenüber: Die Bauern hätten mit mehr Erosion und Schädlingen zu kämpfen, es drohten mehr Naturgefahren (Muren durch Auftauen des Permafrostes oder verstärkte Hochwasserkatastrophen), der Wintertourismus bekomme mehr Probleme und die Menschen litten zunehmend unter Hitzestress.
Was also tun? Nicht nur aus Ver-geiners Sicht hat ja der Mensch viel Anteil an dieser Entwicklung. Wenn es um die Konsequenzen gehe, stünden verschiedene Szenarien zur Debatte: global oder regional agieren, umweltorientiert oder mit Priorität für die Wirtschaft. Das Ideal für den Mann von der ZAMG: „Global und umweltorientiert.“ Wobei es auch alles andere als klar sei, dass Österreich seine selbstgesteckten Ziele erreiche. 20 Prozent weniger Treibhausgas-emissionen bis 2020 und bis 2030 nochmal dasselbe oben drauf: „Das ist schon sehr ambitioniert.“
„Wir erkennen oft den Abgrund nicht, vor dem wir stehen“, sagte angesichts all dessen Andrä Stigger vom Klimabündnis Tirol. Und: „Wir leben in Tirol auf großem Fuß.“ Auch Gesamt-Österreich habe die ihm im weltweiten Vergleich eigentlich „zustehenden“ erneuerbaren Energien schon Anfang April verbraucht und lebe den Rest des Jahres auf Kosten der Zukunft: „Eine Öl- oder Gasheizung bei Hausneubauten wäre da eigentlich nicht mehr vertretbar.“
Für eine massive Trendwende möchte sich da das Klimabündnis Tirol einsetzen, dem 66 Gemeinden, 22 Bildungseinrichtungen und neun Betriebe angehören. Aus Sicht von Stigger ist der Bezirk Reutte übrigens „stark vertreten“. Was das bedeutet? Sieben von 37 Gemeinden sind Mitglieder. Also 18,9 Prozent.
Der Geschäftsführer der Organisation präsentierte darüber hinaus einige Projekte aus Vergangenheit und Zukunft. So steht nächstes Jahr die Aktion „DoppelPlus“ an. Dabei sollen einkommensschwache Familien oder Einzelpersonen (wie Langzeit-Arbeitslose und Migranten) so beraten werden, dass sie Energie sparen – etwa durch richtiges Heizen, Lüften und einen Deckel auf dem Kochtopf. Das bringt dann nicht nur einen Vorteil für die Umwelt, sondern auch mehr Euros im jeweiligen Geldbeutel, weil die Energiekosten sinken. Dafür sucht man noch Freiwillige, die sich als „Spar-Berater“ schulen lassen. Die anschließende Diskussion war freilich eher von Rat- und Hilflosigkeit, denn von Zuversicht geprägt. Eine Aufbruchstimmung konnte man allenfalls in homoöpathischer Dosis  spüren. So lobte Alexander Wasle als Architekt zwar die Zentrumsverdichtung in Reutte, zu der die Bauträger beim Bau von neuen Wohnungen verpflichtet würden. Aber an anderen Orten hätten die Gemeinderäte oft keine Ahnung und wollten nur kleine Einheiten. Das aber habe keinen Sinn, sodass sich hier niemand engagiere.
„Es tut sich zu wenig“, klagte Christine Schneider. Man müsse nun die Fehler von vor 30 Jahren ausbaden. Die jetzigen Maßnahmen reichten bei weitem nicht aus, um das Ruder wirklich herumzureißen. Da nickten viele in der Runde, und auch die Referenten schüttelten nicht mit dem Kopf.  Doch Andrä Stigger mahnte: „Wir müssen trotzdem aufpassen, dass wir nicht in eine Lähmung kommen, weil es nicht schnell genug geht. Es gilt, auch kleine Schritte zu setzen. Und wir müssen den Bürgermeistern Mut zusprechen, wenn sie positive Dinge tun.“

Von Jürgen Gerrmann

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