Kongenial: Nikolussi las Jäger

Kongenial: Miteinander führten Autor Gerhard Jäger moderierend und Schauspieler Johannes Nikolussi als gekonnt agierender Vorlesender ihr Publikum in ein abgelegenes Bergdorf im Lawinenwinter 1950/1951 – Johannes Nikolussi und Gerhard Jäger (v.l.). RS-Fotos: Bundschuh

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Dass das Café Rosengartl im Imster Pflegezentrum bis auf den allerletzten Platz ausgebucht war, konnte man voraussehen. Die über 200 BesucherInnen erlebten einen Leseabend der Sonderklasse mit einführendem, hervorragend aufbereitetem Trailer zum Thema des Romanes aus der „Zauberwerkstatt“ des Silzer Filmemachers Emanuel Bachnetzer.

Miteinander führten Autor Gerhard Jäger moderierend und Schauspieler Johannes Nikolussi als gekonnt agierender Vorlesender ihr Publikum in ein abgelegenes Bergdorf im Lawinenwinter 1950/1951. Dort begegnen die ZuhörerInnen dem jungen Wiener Historiker Max Schreiber, der angereist war, um den mysteriösen Feuertod einer als „Hex“ verschrienen Frau, die im 19. Jahrhundert in der kleinen Ansiedlung zu Tode gekommen war, aufzuklären. Nun, Schreibers Motive, in den Bergen inmitten misstrauischer und abweisender Menschen auszuharren, ändern sich. Dann kommt der Schnee, viel Schnee, sehr viel Schnee. Dem jungen Wissenschaftler wird die Entscheidung zu gehen oder zu bleiben vom Katastrophenwinter der 50er Jahre abgenommen. Jahrzehnte später erreicht ein alter Mann das nunmehr völlig veränderte Dorf. Können seine Recherchen um eine aufkeimende Freundschaft zwischen dem „Doktor“ und einem Jungbauern, um Aberglauben, Liebe, Mord und das spurlose Verschwinden Schreibers mitten im Weißen Tod um den Jahreswechsel 1950/1951 zum Erfolg führen?

An der Schwelle. Es ist spannend, beinahe wie bei einem sportlichen Wettkampf, hält man dem ehemaligen Imster Zeitungsredakteur Gerhard Jäger die Daumen für den internationalen Durchbruch seines Erstlingsromans. Im Besonderen gilt das für die „Schreibende Zunft“ des Bezirkes. Dabei sehen die Prognosen gut aus, aber man soll ja bekanntlich nichts verschreien. Die Handlung des Werkes ist griffig, klarverständlich, dabei raffiniert und nuancenreich angelegt. Die sprachliche Gestaltung lässt so einiges an deutschsprachiger Gegenwartsliteratur hinter sich. Eine Geschichte, unsentimental aber voll Seele und fein geschnittener Charakterdarstellung der ProtagonistInnen. Aufgebaut vor dem harschen und vorwiegend abweisenden Hintergrund der winterlichen Kulisse eines ärmlichen am Berghang „klebenden“ Dorfes.

Schnee und Dorfleut. Dem erfolgreichen Debütroman des in Imst ansässigen Autors sei ein Siegeszug rund um die Welt und eine Reihe (gelungener) Übersetzungen von Herzen gewünscht. Jäger möge das Glück des Tüchtigen treu bleiben. Nun gibt es da aber noch eine ganz spezielle Ebene, sowohl den Schrecken des Schnees betreffend als auch die von einer gewissen Rauheit geprägte Mentalität der handelnden Personen. Eine Facette des Romans, die vermutlich Menschen mit zumindest andeutungsweiser Beziehung zu hochgebirgigen Lawinenregionen am leichtesten zugänglich sein wird. Da reichen schon harmlose Begebenheiten wie der Anblick eines Lawinenkegels samt Ausaperungen im Frühling oder die plötzlich hereinbrechende „Waschküche“ auf einer harmlosen Skipiste; dann keinerlei Sicht mehr, wo ist oben, wo ist unten? Jetzt kommt dieses Magengefühl, ähnlich der Seekrankheit. Erst recht ein leichtes Absacken, ein wenig „rutscheln“ bei einer Skitour. Da wird es einem deutlich: Schnee ist nur in seinem aller „zahmsten Zustand“ freundlich. Und betrete einmal Einer zur „toten Saison“, sagen wir so Mitte November, an einem Sonntag Spätnachmittag eine Wirtshausstube oder Schank, am besten weit hinten im Tal, da ist dann der Max Schreiber ganz nah. – „Jetzt. Die Frau liegt am Boden. Im Schnee. Der linke Arm verdreht unter dem Körper. Keine Farbe. Sie hat keine Farbe. Der Boden hat keine Farbe. Alles ist schwarz und grau und weiß, nur schwarz und grau und weiß. Die Haare der Frau sind schwarz, die Kleidung grau, der Schnee weiß. Nur nicht neben ihrer Schulter, da ist der Schnee schwarz. Schwarz von Blut. „So viel Blut, so viel Blut“, flüstert der alte Mann und streift mit seinem riesigen Zeigefinger über das winzige Gesicht der Frau. Zärtlich, zitternd. Dann greift er zu, nimmt die kleine Schwarz-Weiß Fotografie mit dem gewellten Rand, die Fotografie mit der Frau im Schnee. Mit der Frau ohne Farben, und steht auf. Es ist Zeit.“ (Gerhard Jäger, Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod, S. 5)

Von Peter Bundschuh

RS-Info-Box zum Buch

Gerhard Jäger, Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod, Roman, gebunden, 400 Seiten. Erste Auflage 2016. Karl Blessing Verlag – München. ISBN: 978-3-89667-571-2

Ein besonderes Ereignis verlangt nach ebenso besonderer musikalischer Umrahmung. Diese kam vokal und instrumental gleichermaßen begeisternd von der Formation „Pura Vida“.