Kulturraum Haiming-Ötztal lud zu „Memento“

Rolf Rudin (l.) war eigens zur Tiroler Erstaufführung seines Werkes „Legende“ angereist. Unter der musikalischen Leitung von Karlheinz Siessl (r.) spielten die Streicher der Akademie St. Blasius in der Pfarrkirche Ötztal-Bahnhof. RS-Foto: Hirsch

Streicher der Akademie St. Blasius erinnerten an Vertriebene und Verfolgte

Der im Jahr 2016 gegründete Kulturverein „Kulturraum Haiming-Ötztal“ lud zu Allerseelen die Akademie St. Blasius zu einem außergewöhnlichen Konzert in die Pfarrkirche Ötztal-Bahnhof. In ihrer Reihe „Memento“ gedenkt das Orchester den Vertriebenen und Verfolgten. Mit dieser Konzertreihe werden gleich zwei Jubiläen gefeiert – der „Kulturraum Haiming-Ötztal“ ist zarte zwei Jahre geworden und die Akademie St. Blasius blickt auf 20 Jahre zurück. Zu hören waren Rolf Rudins „Legende“, Toru Takemitsus „Nostalghia“ und die Kammersinfonie von Dmitri Schostakowitsch.

Von Friederike Hirsch

Allerseelen in Ötztal-Bahnhof. Die Pfarrkirche ist hell erleuchtet, es regnet leicht und der Nebel hängt tief. Zaghaft und ohne viel Lärm betreten die Konzertbesucher die Kirche. Im Stil der 60er Jahre erbaut ist der Kirchenraum zurückgenommen, ohne Prunk der klassizistischen Kirchen. Die Musiker der Akademie St. Blasius stimmen ihre Instrumente neben der Jesus Statue. Schon jetzt hört man, dass die Kirche durch ihren herausragenden Klangkörper und ihre Akustik besticht.

Tiroler Erstaufführung als Ouvertüre.

Als eine Art Ouvertüre erklingt dann – in der Tiroler Erstaufführung – „Legende“ des deutschen Komponisten Rolf Rudin. Er war zu dieser Erstaufführung extra aus Frankfurt angereist und genoss sichtlich die Interpretation der 20 Solostreicher. Mit seinem Werk erinnert er an den finnischen Spätromantiker Jean Sibelius. Als Sibelius geboren wurde, war Finnland noch ein Teil von Schweden und nach dem Russisch-Schwedischen Krieg von 1908 ein Teil von Russland. Erst 1917, nach der Russischen Revolution, erlangte das Land die Unabhängigkeit. Diese nationale Zerrissenheit und die Ungewissheit der Zukunft spiegeln sich in „Legende“ eindrucksvoll wieder. Gefangen hört man ein An- und Abschwellen der Gefühle. Bedrohlich hetzend, dunkel und dumpf, ein Klopfen und Hämmern– es macht den Zuhörer fast atemlos. Es scheint, als ob Rolf Rudin eine Kurzgeschichte erzählt. Wiederkehrende Pausen erscheinen als Absatz und nach dem dunkelfarbigen, einem donnergleichen Höhepunkt, erklingt der letzte Satz fast schon versöhnlich. Es ist ein dunkles Werk, das an Alfred Hitchcock und den film noir erinnert.

„Nostalghia“.

Die Konzertmeisterin des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck Annedore Oberborbeck streifte als Solistin in „Nostalghia“ durch Erinnerungen an Verlorenes. Toru Takemitsus „Nostalghia“ greift vor allem das Heimweh-Gefühl auf. Die Solovioline weist dabei dem Orchester den Weg. Weint die Sologeige, dann stimmt das Orchester in Wehklagen ein. Diese hohen Töne treffen den Zuhörer und gehen durch Mark und Bein. Die Pein der Violine wird immer wieder durch das Orchester aufgefangen und getragen, bis hin zu einer tiefen Trauer. Das Werk gleicht einer meditativen Reise durch Nebelschwaden. Die Klangfarben des Orchester sind pathetisch und dunkel. All die Nostalgie der Welt scheint in diesen 15 Minuten enthalten zu sein. Einem Epos gleich, bleibt der Zuhörer sekundenlang sprachlos zurück.

Kammersinfonie.

Ausgewählte Werke aus den Streichquartetten von Dmitri Schostakowitsch beschlossen den Abend. Musikalität der Qual und die tiefe Angst kreisen in diesem Stück. Seine Werke spiegeln in bedrückender Weise die schwierigen Lebensumstände in der ehemaligen Sowjetunion wieder. Dmitri Schostakowitsch lebte in ständiger Angst, der Säuberung Stalins zum Opfer zu fallen. Diese Todesangst begleitet ihn sein Leben lang. Die Kammersinfonie beginnt und man ist versucht ein Holpern und Rattern zu hören. Es klingt, als ob man in einem Zug sitzt und die Landschaften vorbeiziehen sieht. Plötzlich wird die Fahrt rasanter, voll Gefahren und drohend. Man fühlt sich inmitten einer Flucht, es ist kalt, dunkel, bedrohlich, Panik steigt auf. Die Assoziationen dabei sind schwer auszuhalten, wie eine Götterdämmerung. So schnell wie dieser Satz begonnen hat, so schnell endet er. Dann befindet man sich am Ende der Qual. Erleichternd sanft, versöhnlich will man sich im Adagio zurücklehnen. Man schaut auf Verlorenes zurück und fühlt sich frei, aber nicht befreit. Es ist ein musikalischer Modus des Gedenkens und Trauerns.

Eindruck.

Die Konzertreihe „Memento“ ist ein Erlebnis, das direkt unter die Haut geht. Es ist ein Klagen ohne Verklärung – zerbrechlich, wie das Leben selbst. Die Pfarrkirche Ötztal-Bahnhof bietet den perfekten Klangkörper. Es scheint, als ob das Konzert in mächtigen Wogen direkt in das Ohr der Hörer rollt. Es breitet sich aus und bohrt sich ins Herz. Der musikalische Leiter, Karlheinz Siessl, beweist mit seiner Interpretation der Werke Fingerspitzengefühl. Die Streicher der Akademie St. Blasius spielen unerbittlich klagend. Soloviolistin Annedore Oberborbeck wandelt subtil durch den Klagenebel und weist dem Orchester den Weg. Bei diesem Konzert ist es nicht wichtig, ob man Klassik rational versteht oder Hintergrundwissen hat. Die Aufführung trifft direkt das Gefühl. Unweigerlich wird man sich der Trauer um Verlorenes bewusst. Eine ganz eigene Stimmung verbreitet sich dadurch in der Pfarrkirche Ötztal-Bahnhof.

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