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Landeck | Chronik | 11. Mai 2020 | Daniel Haueis

Was wann getan wurde

Was wann getan wurde
Das Land unter LH Günther Platter legt seine Ischgl-Coronavirus-Chronologie vor. Foto: Land Tirol
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Land stellt Ischgler Coronavirus-Chronologie zur Verfügung

Aufgrund der Kritik, die Gesundheitsbehörden hätten in Ischgl keine oder zu spät Maßnahmen gesetzt, stellt das Land folgende Coronavirus-Chronologie von 5. bis 13 März zur Verfügung.
Diese Chronologie wurde vom Land aufgrund der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch an die Landespolizeidirektion übermittelt. Jedes einzelne genannte Detail kann seitens der Gesundheitsbehörden mit Belegen untermauert werden, teilt das Land mit. Demnach trafen am 5. März erste Infos aus Island ein. Da die Daten der an Covid-19 erkrankten isländischen Urlaubsgäste nicht zur Verfügung standen, ordnete die BH Landeck als zuständige Gesundheitsbehörde an, die persönlichen Daten aller Gäste aus Island, An- und Abreiseart sowie die Dauer des Aufenthalts in Ischgl ab Mitte Februar zu erheben. Über den Ischgler Arzt wurde geprüft, ob Isländer mit grippeähnlichen Symptomen behandelt worden waren – bei zwei von 90 war dies der Fall, bei beiden bestand aber kein Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung. Am 6. März vormittags wurde der Arzt von der Gesundheitsbehörde angehalten, bei ausnahmslos allen Patienten, bei denen die Symptomatik eines Infektes festgestellt wird, einen Rachenabstrich durchzuführen. Am Nachmittag des 6. März erhielt die Polizei in Ischgl Namen und Aufenthaltsdaten der an Covid-19 erkrankten isländischen Urlaubsgäste. Anhand dieser Informationen wurden Kontaktpersonen in den betreffenden Hotels ermittelt. Lediglich bei einer wurden leichte grippeähnliche Symptome festgestellt. Diese wurde sofort isoliert und getestet – sie war negativ.

BARKEEPER. Im Zuge der vorsorglich begonnenen Überprüfung von Patienten mit grippeähnlichen Symptomen wurde am 7. März vormittags am Barkeeper des „Kitzloch“ ein Rachenabstrich durchgeführt und dessen Absonderung veranlasst. Noch am Abend desselben Tages wurde die Bezirkshauptmannschaft Landeck verständigt, dass das Ergebnis des Abstrichs dieser Person positiv ist – das erste positive Testergebnis in Ischgl. „Festzuhalten ist, dass die Tiroler Gesundheitsbehörde mit der oben beschriebenen Vorgangsweise zusätzliche, über die gängigen Vorgaben hinausgehende Maßnahmen angeordnet hat. Eine Testung war nach den damals geltenden Regelungen des Bundes in Fällen, in denen nur grippeähnliche Symptome ohne zusätzliche Risikoindikatoren festgestellt werden (z.B. Aufenthalt in einer Region, in der bereits laufend neue Fälle aufgetreten sind) nicht vorgesehen“, teilt das Land Tirol mit. In Tirol wurden diese Testungen dennoch durchgeführt, wodurch der Barkeeper als Covid-19-positiv erkannt wurde. Es wurden umgehend Erhebungen zur Ermittlung von Kontaktpersonen durchgeführt: 19 Kontaktpersonen aus dem Kreis der Arbeitskollegen und Urlaubsgäste im Lokal wurden abgesondert. Die Bar wurde zudem vorübergehend behördlich gesperrt, es wurde angeordnet, die gesamte Belegschaft auszutauschen und die Bar zu desinfizieren, was am 8. März passierte. Nach Austausch des Personals wurde der Barbetrieb vorerst fortgesetzt. Am 9. März lagen dann die Ergebnisse der Testungen vor: 16 Mitarbeiter und Kontaktpersonen waren positiv. Das „Kitzloch“ wurde dann mit Bescheid der BH Landeck am selben Tag mit sofortiger Wirkung geschlossen. Kurz darauf hat das Land Tirol dann alle Après-Ski-Lokale in Ischgl behördlich geschlossen und wenige Tage später die touristische Wintersaison für beendet erklärt, indem behördlich alle Liftanlagen und Hotelbetriebe geschlossen wurden. Tirol war das erste Bundesland in ganz Österreich, das derart weitreichende Schritte gesetzt hat. Zudem wurde das gesamte Paznaun am 13. März unter Quarantäne gestellt. Am 18. März hat das Land Tirol dann eine Quarantäneverordnung für alle 279 Tiroler Gemeinden verfügt.



VSV hat fast 5500 „Corona-Opfer“ erfasst – 25 Todesopfer

Der Verbraucherschutzverein VSV zog am 5. Mai Zwischenbilanz der Sammelaktion „Corona-Virus-Tirol-Opfer“: Bislang haben sich 5380 gemeldet – mit 3680 die meisten aus Deutschland (65 Prozent). Aus nahezu jedem europäischen Land, aber auch aus den USA, aus Israel, aus Russland, aus Singapur oder Hongkong kommen Meldungen. 75 Prozent geben an, in Ischgl auf Urlaub gewesen zu sein, 73 Prozent wurden bei der Heimkehr Corona-positiv getestet, sagt Peter Kolba, Obmann des Verbraucherschutzvereines (VSV). Für die Masse hieß das Heimquarantäne, aber 2,5 Prozent kamen ins Krankenhaus oder sogar auf die Intensivstation. Inzwischen sind auch 25 Tote zu beklagen. „Die Ablehnung jeder Verantwortung durch Tirol und der Bundesregierung ist angesichts dieser Fakten ungeheuerlich“, meint Peter Kolba, „wir werden alles tun, um diesen Fall von Verantwortungslosigkeit aufzuklären“.


Wer, wann, was

Rund 1000 Seiten umfasst der Corona-Bericht, den die Staatsanwaltschaft Innsbruck vergangene Woche von der Polizei erhalten hat. Wie Staatsanwaltschaftspressesprecher StA Mag. Hansjörg Mayer via ORF erklärt hat, geht‘s vor allem darum, wer wann worüber Bescheid gewusst und wie reagiert hat. Die Anklagebehörde prüft den Bericht nun und entscheidet, ob z. B. Nacherhebungen nötig sind und ob ein Ermittlungsverfahren weiterzuführen ist. Der mögliche Vorwurf lautet Gefährdung durch übertragbare Krankheiten. Mehr als 300 Corona-Betroffene schließen sich dem Ermittlungsverfahren als Opfer an. Von politischer Seite ist eine Expertenkomission vorgesehen. Auch LH Günther Platter will „eine klare und tiefgreifende Analyse“, etwa der Unterschiede der Vorgangsweise der Bezirkshauptmannschaften.


Kritik der Opposition

„Das Sozialministerium und die Tiroler Landesregierung haben am 5. März 2020 deutlich umfassendere Informationen aus Island erhalten, als bisher bekannt war – das Nachrichtenmagazin Profil berichtet in seiner neuesten Ausgabe“, sagt ist Liste Fritz-LA Markus Sint. Die Einsetzung der unabhängigen Untersuchungskommission zur Corona-Krise in Tirol nehme Fahrt auf – eine der zentralen zu klärenden Fragen sei: Warum hat der Innsbrucker Stadtmagistrat, nach Bekanntwerden erster Corona-Fälle in Innsbruck am 25. Februar, so viel drastischer durchgegriffen, als es die Bezirkshauptmannschaft Landeck bei den Fällen in Ischgl getan hat? Sint verlangt volle Transparenz und Aufklärung. Dr. Georg Dornauer, SP-Landesparteivorsitzender und Klubobmann der SPÖ, betont die Wichtigkeit der ehestmöglichen Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission. FP-Landeschef Markus Abwerzger hält es „für absolut möglich, dass bei rascherem Handeln man möglicherweise den Shutdown verhindern hätte können“. Für ihn ist ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Nationalrats zur Covid-19-Pandemie dringlich.
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