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Landeck | Chronik | 29. Juni 2020 | 10:20 | Daniel Haueis

Zähe Ischgler

Zähe Ischgler
Von 21. bis 27. April wurden 1473 Ischgler getestet. Der Anteil positiver Ergebnisse ist mit 42,4 Prozent sehr hoch. Foto: Pixabay
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Ischgl Coronavirus Studie
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Ischgl-Studie: 42,4 Prozent sind Antikörper-positiv

Laut der Corona-Antikörper-Studie der Med Uni Innsbruck waren 42 Prozent der Ischgler infiziert. Die meisten wussten aber nichts davon; es waren nur neun im Krankenhaus, zwei sind an Covid verstorben.
Von 21. bis 27. April wurden in Ischgl 1473 Menschen aus 479 Haushalten (Ischgler und dort verbliebene Saisonarbeiter) getestet. PCR- und Sars-CoV-2-Antikörper-Test dienten der Ermittlung bestehender bzw. überstandener Infektionen. Und Dorothee von Laer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, hat einen sehr hohen Anteil positiver Tests festgestellt: 42,4 Prozent – also eine sehr hohe Durchseuchungsrate. Laut Peter Willeit, Epidemiologe an der Innsbrucker Univ.-Klinik der Neurologie, brachte bislang keine andere Studie einen so hohen Prozentsatz: In Gröden lag er bei 27 Prozent, in einer Studie in Genf bei etwa 10 Prozent. Auf den Rückgang der Erkrankungen hatte laut Laer nicht erst die Abreise der Touristen eine positive Auswirkung, sondern vor allem die Schließung von Superspreading-Orten wie Après-Ski-Bars. Zum „Corona“-Beginn sagte sie: Es habe ab ca. 20. Februar Menschen mit Geruchs- und Geschmacksstörungen gegeben, die danach positiv getestet wurden. Sie schließt daraus, dass das Virus wohl schon in der zweiten Februarhälfte unbemerkt in Ischgl kursiert ist.

DIE MEISTEN WUSSTEN NICHTS VON DER INFEKTION. Kinder waren weniger stark betroffen (nur 27%), die meisten positiven Tests gab’s in der Altersgruppe 18 bis 60 Jahre. Bemerkenswert: nur 15% der nunmehr positiv Getesteten hatten zuvor eine Covid-Diagnose, 85% wussten nichts von ihrer Infektion. Laut Laer hatte zwar auch die Hälfte von ihnen Symp-tome (Halskratzen o.ä.), was aber offensichtlich nicht genügt hat, um zum Arzt zu gehen oder sich testen zu lassen. „Die Ischgler Bevölkerung ist tatsächlich sehr zäh“, sagte Dorothee von Laer, dort werde einiges zu Hause behandelt, was einen Innsbrucker schon zu einem Klinikaufenthalt bewegt. Nur neun Ischgler waren im Krankenhaus (sehr niedrige Rate), zwei sind an „Corona“ verstorben (0,26% Fallsterblichkeit). Laer bedankte sich ausdrücklich bei den Ischglern für ihre Kooperation. „Auch wenn damit nicht von einer Herdenimmunität auszugehen ist, dürfte die Ischgler Bevölkerung doch zu einem Gutteil geschützt sein“, meint die Studienleiterin zum 42-Prozent-Ergebnis.

ALLGEMEINE ERKENNTNISSE. Da Ischgl aufgrund von „Superspreading-Events“ (Après-Ski u.ä.) überdurchschnittlich von der Corona-Pandemie betroffen und infolge der Quarantänemaßnahmen von der Umwelt abgeschlossen war, können aus der Querschnittstudie wichtige Erkenntnisse zu Virus-Ausbreitung und Infektionsverlauf gewonnen werden. Besonders interessant ist etwa, dass ein Großteil der Personen mit Antikörpern erst durch die Studie als Coronafälle identifiziert wurde. „Das unter-streicht, wie wichtig die Durchführung von Antikörper-Studien ist“, sagt Willeit. Eine weitere Erkenntnis: Ein Großteil der seropositiv getesteten Studienteilnehmer berichtete über Geschmacks- und Geruchsstörungen, gefolgt von Fieber und Husten. Bei den positiv getesteten Kindern verlief die Infektion meist asymptomatisch. Die Frage, wie lange Träger von SARS-CoV-2-Antikörpern vor einer Infektion geschützt sind, ist auch mit dieser Studie nicht aufgeklärt. „Es wäre sicher sinnvoll, die Ischgler Kohorte weiterhin zu begleiten und die Seroprävalenz zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu untersuchen“, sagt Med-Uni-Rektor W. Wolfgang Fleischhacker. Eine weitere Studie ist laut Dorothee von Laer derzeit nicht geplant, sie will aber versuchen, das Paznaun, aber auch St. Anton und andere Gemeinden mit Schnelltests zu versorgen. Es solle auch der Großteil der Touristen bei An-/Abreise PCR-getestet werden (Nachweis einer aktuellen Erkrankung). In Ischgl wurde eine neue, dreistufige Teststrategie angewandt, wodurch falsche Ergebnisse praktisch ausgeschlossen werden können.
 
Zähe Ischgler
Studienleiterin Dorothee von Laer: „Die Ischgler Bevölkerung ist tatsächlich sehr zäh.“ Foto: florianlechner.com
Zähe Ischgler
Rektor W. Wolfgang Fleischhacker: Es wäre sicher sinnvoll, die Ischgler Teilnehmer zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu untersuchen. Foto: florianlechner.com
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