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Landeck | Kultur | 14. Juni 2021 | Von Alois Pircher

neugierig – suchend – findend

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Der Meister legt selbst Hand an. RS-Foto: Pircher
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Gerald Kurdoglu Nitsche
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Gerald Kurdoglu Nitsche ist 80

Es fällt leicht, Gerald Nitsche anlässlich seines 80. Geburtstags zu würdigen – so herausragend sind seine Leistungen, die er in den vergangenen Jahrzehnten erbracht hat.
Von Alois Pircher

Will man Gerald Kurdoglu Nitsche jedoch in wenigen Zeilen vorstellen, wird es schon viel schwieriger. Sicherlich ist er ein „besonderer“ bildender Künstler, er ist zudem Literat und Verleger, Kunstvermittler und Galerist, Pädagoge und Lernender, Vor- und Nachdenker, Weltenbürger und heimatverbunden, Menschenfreund und Familienmensch. Auf die Frage, wie er sich knapp und prägnant beschreiben würde, meint er: neugierig, suchend und mit großer Freude auch immer wieder etwas findend.

EIN GROSSER LEHRER – LEHRMEISTER. Generationen von Oberländern prägte er als Deutschlehrer und Kunsterzieher in Landeck und Zams. Viele heute arrivierte Kunstschaffende wurden von Nitsche auf ihren ersten künstlerischen Schritten begleitet. Dass es ihm so häufig gelang, neue Talente zu fördern sei aber nicht sein Verdienst: Denn man findet im Oberland, von der Universität Wien nachgewiesen, die größte Dichte an künstlerischen Talenten in Öster-reich, erzählt er, „der geborene Wiener“. Neben Wissen wollte er seinen Schülern vor allem Menschlichkeit und Respekt vermitteln. Er selbst war sich nach Abschluss seines Lehramtsstudiums keineswegs sicher, ob der den Lehrerberuf ausüben will und es auch kann. Überraschenderweise, erinnert er sich mit einem Lächeln, hat ihm sein Brotberuf immer großen Spaß gemacht. Mit ungefähr 50 erfuhr er eine Krise. Da aber bot sich ihm die Gelegenheit, für insgesamt neun Jahre nach Istanbul an das österreichische St. Georgs-Kolleg zu wechseln. Dort fand er auch wieder die Liebe zum Lehrerberuf.

LITERAT – VERLEGER. Die Sprachen der „Wenigerheiten“ fanden immer sein Interesse und diese unterstützte er mit seiner Verlagstätigkeit. Die Sprache der Bevölkerungsmehrheiten findet immer ihren Weg, aber die Außenseiter, schon dieses Wort sagt viel, finden nicht die Ohren der Öffentlichkeit. Mit seinem Verlag EYE hat er Literatur und im Speziellen Lyrik der „Kleinen Völker“ in schönen, aufwendigen Auflagen herausgegeben. Immer in der Ursprungssprache, aber auch in der Mehrheitssprache des jeweiligen Landes und auch in Deutsch. Er selbst sammelte Oberländer Mundart-Lyrik, ist aber auch schriftstellerisch tätig. Durch seine Arbeit als Verleger lernte er viele faszinierende Persönlichkeiten kennen. Am prägendsten war die Bekanntschaft mit der Roman-Schriftstellerin und Künstlerin Ceija Stojka, die, geprägt durch ihr Schicksal als Kind in drei nationalsozialistischen Konzentrationslagern, großartige Literatur und Kunst schuf.

KÜNSTLER. Riesengroß ist das Werk, das er geschaffen hat, vielfältig sind die Werkstoffe und Materialien, mit denen er arbeitet. Ob Malerei, Grafik, Zeichnung, Skulptur oder Installation – kein Medium ist ihm fremd. Immer wieder findet und erfindet er neue Ausdrucksmöglichkeiten. Ob farbige Tafelkreiden mit Haarspray fixiert oder eine neuartige Zwischenglasmalerei, dem Erfinderreichtum Nitsches sind fast keine Grenzen gesetzt. Und seine Kunst findet Bewunderer, obwohl, und darauf möchte er ausdrücklich verweisen, für ihn der Kommerz nie im Vordergrund stand. Die Liste der Ausstellungen ist sprichwörtlich ellenlang und würde diesen Artikel sprengen. Alleine derzeit zeigt er in vier Ausstellungen Teile seines Schaffens. In der Stadtbücherei Landeck, im Mesnerhaus in Mieming, auf der Festung Franzensfeste (Südtirol) im Rahmen der Ausstellung „50x50x50 ArtSüdtirol“ und in der Gym-Galerie in Landeck.

GALERIST UND KUNSTVERMITTLER. 1976 gründete er die Gym-Galerie, bis 2003 zeigte er in mehr als 250 Ausstellungen berühmte und weniger berühmte Künstler im Landecker Gymnasium. Immer aber große Kunst in allen möglichen Ausdrucksformen, so Nitsche. Ab 2002 zeigt er im „Atelier im Kårrnerwaldele“ zeitgenössische Kunst bekannter und auch weniger bekannter Künstler. Auch hier stellte er schon mehr als 100 Künstler dem Oberländer Publikum vor. Das Gespräch mit dem Künstler fand beim Aufhängen seiner Ausstellung in der Gym-Galerie statt und man konnte eine positive Stimmung spüren, die von ihm auf die ihn unterstützenden Schüler übersprang.

ALLE SIND AUSLÄNDER – FAST ÜBERALL. Dieser Spruch zierte viele Jahre das Fahrzeug Nitsches und kann sinnbildlich für seine Lebenshaltung stehen. 1993 ergänzte er seinen Namen mit dem Zusatz Kurdoglu als Protest gegen die damalige Feindseligkeit gegen Ausländer, die aber leider heute nicht geringer geworden ist, bedauert der Künstler. Mit seiner Kunst und in seiner Kunst wendet er sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Immer fordert er Respekt für andere Menschen und deren Gedanken, Veranlagungen und Vorlieben ein.


Vita
Gerald Nitsche wurde 1941 in Wien geboren und kam nach „Wanderjahren“ als Hauptschüler nach Zams, wo er bei der Familie Haueis-Schöpf aufwuchs. Schuljahre im Paulinum in Schwaz. Studium an den Universitäten in Innsbruck, Wien (Akademie der bildenden Künste – Prof. Herbert Böckl und Prof. Sergius Pauser) und Den Haag (Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten). Lehrer an den Gymnasien in Land-eck und Zams, an der Pädagogischen Akademie Zams und Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck. Von 1978 bis 1980 und von 1993 bis 1999 unterrichtete er am St. Georgs-Kolleg in Istanbul. Verheiratet mit Brigitte – Sohn Christof ist Wissenschaftler und Galerist in Deutschland, Tochter Veronika arbeitet am Schnittpunkt zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, lebt in Graz und ist Landtagsabgeordnete der Grünen im steirischen Landtag. Gerald K. und Brigitte Nitsche leben in Graf bei Landeck.
 
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Welches Bild wohin? – Christian Waldhart und Gerald Nitsche in der Gym-Galerie RS-Foto: Pircher
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Ein „gläserner Strauß“ RS-Foto: Pircher
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