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Landeck | Kultur | 1. März 2021 | Daniel Haueis

„Wir haben trotzdem Glück gehabt“

„Wir haben trotzdem Glück gehabt“<br />
Alexander Rödlach: „Wir brauchen eine neue politische und wirtschaftliche Struktur, die langfristiges Planen ‚belohnt‘!“ Foto: Alexander Rödlach
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Pater Alexander Rödlach über die Corona-Pandemie aus gesundheitspolitischer, anthropologischer und seelsorglicher Sicht

Alexander Rödlach aus Landeck ist Steyler Missionar, Philosoph, Theologe und Anthropologe. Er arbeitet als Associate Professor für Anthropologie an der Universtät Creighton in Omaha in Nebraska. Seine Sicht der Corona-Pandemie und die Schlussfolgerungen daraus verrät er im RUNDSCHAU-Interview.
Von Daniel Haueis

RUNDSCHAU: Wie geht’s Ihnen in Omaha, gerade in Hinblick auf das Coronavirus?
Dr. Alexander Rödlach:
Die Monate seit März 2020 waren für uns alle recht schwer, besonders wegen der massiven Einschränkung von menschlichen Beziehungen und mitmenschlichen Begegnungen, die oft nur mehr virtuell möglich waren. Die Umstellung meiner Uni auf virtuelle oder Hybridvorlesungen war sehr anstrengend für uns Professoren. Es war aber auch für Studenten nicht einfach die Vorlesungsmaterie zu „verdauen“. Doch die Situation hat auch Positives. Ich habe viel mehr Zeit für mich gehabt und konnte eine Buchpublikation abschließen. Auch hatte ich mehr Zeit für Besinnung und Gebet und konnte mich neu einrichten auf das Wesentliche im Leben. Meine pastorale Arbeit mit einer katholischen Flüchtlingsgruppe aus Myan-mar war sehr herausfordernd. Da die meisten von ihnen in industriellen Schlachthäusern arbeiten, wo es ein sehr hohes Infektionsrisiko gibt, waren viele von ihnen mit Covid-19 infiziert und einige waren auch recht krank. Die Kommunion zu ihnen zu bringen und die Krankensalbung zu spenden war notwendig, um ihnen Hoffnung zu geben, dass Gott und die Kirche mit ihnen verbunden ist. Besonders während des letzten Sommers war ich oft mehrmals täglich bei verschiedenen Familien, natürlich mit Gesichtsmaske und viel Desinfektionsmittel – drei Liter habe ich da schnell verbraucht.

RUNDSCHAU: Kommen Sie heuer nach Landeck?
Dr. Alexander Rödlach:
Ich plane, diesen Sommer nach Landeck zu kommen, um meine Eltern zu besuchen. Im März werden wir Professoren vermutlich geimpft. Da es vom Coronavirus schon mehrere Mutationen gibt und es sicher zu neuen Mutationen kommt, die eventuell mit den derzeitigen Impfstoffen nicht wirksam bekämpft werden können, ist ein Besuch in Landeck aber derzeit noch nicht sicher.

RUNDSCHAU: Nachdem Weltgesundheit und öffentliches Gesundheitswesen zwei Ihrer Spezialgebiete sind: Wie entwickelt sich die Pandemie Ihrer Meinung nach? Rechnen Sie mit weiteren Pandemien ähnlicher Art?
Dr. Alexander Rödlach:
Es war eigentlich zu erwarten, dass es irgendwann zu einer Pandemie kommen wird, da Viren und andere Pathogene, die derzeit für den Menschen relativ ungefährlich sind, mutieren, und andere von Tieren auf den Menschen übertragen werden können. Auch wenn Covid-19 massives Leiden für viele verursacht hat, haben wir trotzdem Glück gehabt, da die Todesraten relativ gering sind. Wenn ein Virus mit einer hohen Todesrate sich global verbreitet, würden menschliche Gesellschaften eventuell zusammenbrechen. Darum müssen wir global in die Gesundheitsforschung und Gesundheitssysteme massiv investieren, um für so einen Fall vorbereitet zu sein. Wir wissen nicht, wann es wieder zu einer Pandemie kommen wird und wie gefährlich diese sein wird, aber wir sind uns eines sicher: Es wird wieder eine Pandemie geben.

RUNDSCHAU: Welche Aufgaben warten auf das öffentliche Gesundheitswesen – in der Welt, in den USA und in Österreich?
Dr. Alexander Rödlach:
Alle Staaten brauchen ein starkes Gesundheitswesen, das auf Pandemien vorbereitet ist. Das verlangt massive Investitionen, die oft kurzzeitigen ökonomischen Planungen wiedersprechen, doch langfristig gesehen nicht nur extremes Leiden verringern, sondern auch wirtschaftlichen Sinn macht. Leider denken viele Politiker nur bis zur nächsten Wahl und vermeiden Entscheidungen, die langfristig wichtig, aber oft nur schwer durchzusetzen sind. Wir brauchen eine neue politische und wirtschaftliche Struktur, die langfristiges Planen „belohnt“! Zusätzlich benötigen wir ein starkes Sozialnetz, das auf Solidarität beruht und darauf vorbereitet ist Menschen zu unterstützen, die von einer Pandemie besonders stark betroffen sind. Die derzeitige Pandemie bestätigt wieder einmal, dass die marginalisierten Gruppen und sozialen Schichten, die am Rande der Gesellschaft leben, am meisten betroffen sind und sich am wenigsten gegen deren Auswirkungen schützen können. Im Gegensatz dazu sehen wir, dass es denen, die in der Gesellschaft mehr Einfluss haben, nicht nur relativ gut geht, sondern dass sie sogar ihre Situation verbessern konnten. Die unmoralischen Profite mancher Firmen sind nicht vereinbar mit einer Gesellschaft oder einer internationalen Gemeinschaft, die auf Solidarität und dem Gemeinwohl beruht. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem und Gesetze, die unmoralischen Reichtum nicht ermöglichen und eine gerechte Verteilung von Ressourcen fördern.

RUNDSCHAU: Sehen Sie genügend Solidarität in der Pandemie?
Dr. Alexander Rödlach:
ir sehen derzeit einen nationalen und regionalen Egoismus bezüglich der Anschaffung von Impfstoffen. Die reichen Länder kaufen einen Großteil davon auf und kümmern sich nur wenig um Menschen in ärmeren Ländern. Man gibt dann ein paar Millionen Euro für ein Entwicklungsprojekt, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, aber weigert sich ein internationales Rechts- und Verteilungssystem zu entwickeln, das auf internationale Solidarität setzt. Wir sind eine Menschheit und, vom Glauben herkommend, alle Kinder Gottes. Doch selbst wenn wir nicht so ein Verständnis haben, sollten wir zumindest einsehen, dass ärmere Länder, die es sich nicht leisten können ihre Bevölkerung zu impfen und nicht genügend Unterstützung von anderen Ländern bekommen, der Grund für neue Mutationen des Coronavirus sind. Diese neuen Mutationen werden sich rapide global verbreiten und die derzeitigen Impfstoffe sind evenutell nicht wirksam, um die Verbreitung einzuschränken.

RUNDSCHAU: Sie sind ja auch Verschwörungstheorien-Fachmann. Befeuert „Corona“ bzw. auch die Impfung Verschwörungstheorien?
Dr. Alexander Rödlach:
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Entwicklung von Verschwörungstheorien. Ein Misstrauen dem Staat gegenüber, schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen, soziale Marginalisierung, geringes Verständnis, wie die medizinische Wissenschaft funktioniert, und ein persönliches Weltbild, das das Individum und seine Rechte priorisiert, sind nur einige von vielen Faktoren. Es ist wichtig für Wissenschaftler, das Gesundheitswesen und die Politik mit Menschen, die einer Verschwörungstheorie Wahrheit zuschreiben, ein Gespräch zu führen, sie ernst zu nehmen, auf ihre Vorbehalte einzugehen und sie nicht als Idioten zu behandeln. Oft haben Verschwörungstheorien Ursachen, die verständlich sind und auf schmerzliche Erfahrungen und Eindrücke zurückzuführen sind. Zum Beispiel die Erfahrung von manchen, dass das Gesundheitswesen sie nicht als Menschen wahrnimmt, kann zu Misstrauen führen, was dann eine Grundlage für eine Verschwörungstheorie sein kann.

RUNDSCHAU: Hat der Priester Alexander Rödlach einen anderen Zugang zu „Corona“?
Dr. Alexander Rödlach:
Als Priester sehe ich das Leiden, das die Pandemie verursacht durch die soziale Isolierung, finanzielle Schwierigkeiten und so weiter. Für die Kirche und ihre Priester ist es wichtig, die Menschen da zu unterstützen und ein Beispiel der liebenden Nähe Christi zu sein. Die Pandemie hat uns aber auch daran erinnert, dass wir Menschen miteinander verbunden sind: Wir sind eine Menschheit und das Wohlergehen von Einzelnen hängt von den Handlungen anderer ab. Nur ein solidarisches Miteinander ermöglicht es, diese Krise zu überwinden. In diesem Sinne empfehle ich jedem die neue Enzyklika von Papst Franziskus, Fratelli Tutti, zu lesen und über seine Gedanken zur sozialen Freundschaft und zur Geschwisterlichkeit aller Menschen, die eine der zentralen Botschaften des Evangeliums ist, nachzudenken.

RUNDSCHAU: Danke.
 
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