Lechtaler Tüftler mit Expo-Ehren

Immer eines der Glanzstücke bei den Führungen von Mathilde Schlichtere-Frey durch die Wunderkammer Elbigenalp: Johann Knittels Velociped. RS-Fotos: Gerrmann

Hannes Knittel wurde bei der Weltausstellung 1897 ausgezeichnet – Sein Fahrrad hängt in der Wunderkammer von Elbigenalp

In die Geschichte der Vorfahren eintauchen – das kann man in den Museen im Außerfern. Und jedes Exponat, das dort zu sehen ist, kann eine eigene Geschichte erzählen. Zum Beispiel Johann Knittels Fahrrad in der Wunderkammer in Elbigenalp.

Von Jürgen Gerrmann

Der (fünf Jahre jüngere) Bruder der berühmten „Geierwally“ Anna Stainer-Knittel war ein begnadeter Tüftler. Sicher nicht ohne Grund. Denn beider Vater, Joseph Anton Knittel, sorgte nicht nur als Bauer für den Lebensunterhalt der Familie, sondern genoss auch einen hervorragenden Ruf als Büchsenmacher, erzählt Mathilde Schlichtherle-Frey, die in der Wunderkammer und bei Führungen durch das Dorf die Geschichte Elbigenalps lebendig werden lässt. Ein Vorderlader des Vaters ist übrigens ebenfalls in der Wunderkammer zu sehen – in der „Wunderbox“ im Obergeschoss.

Das erste Fahrrad in Tirol.

Der „Hannes“, wie er im Lechtal gerufen wurde, kam also früh in Kontakt mit Werkzeugen. Schon machte er sich daran, neuartige Dinge zu erfinden.
So hatte es ihn zum Beispiel ein Bild eines amerikanischen Velocipeds angetan, das er bei Anton Falger, dem „Vater des Lechtals“ genannten Lithografen und Heimatforscher, gesehen hatte. So was wollte er auch entwickeln – und tatsächlich baute er das erste Fahrrad von ganz Tirol.
Die Jungfernfahrt des hölzernen Gefährtes stieg dann im Mai 1871: Der Hannes schaffte es dabei Berichten zufolge sogar über das Hahntennjoch und weiter bis Innsbruck und nach Jenbach. Im Lech- und im Inntal war das Staunen groß, zeitgenössische Berichte lassen auf ein e-normes Aufsehen schließen, das das ungewöhnliche Gefährt erregte.

Dokument im Zeughaus.

Passt ja auch irgendwie zur Rad-WM, die vom 22. bis zum 30. September in Tirol stattfindet. Auf jeden Fall stammt einer der weltweiten Fahrradpioniere aus dem Lechtal.
Dass das nicht zu hoch gegriffen ist, zeigt auch die Auszeichnung, die „Monsieur Knitel“ (auf der Urkunde damals mit nur einem „T“ geschrieben) bei der Weltausstellung in Brüssel erhielt. In der Wunderkammer hängt zurzeit nur eine Kopie, das Original bereichert im Moment die Ausstellung „Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“, die noch bis zum Dreikönigstag des nächsten Jahres im Zeughaus in Innsbruck zu sehen ist.

Eine fortschrittliche Bremse.
Große Ehre für einen Lechtaler Tüftler: Johann Knittels Preis von der Weltausstellung 1897 in Brüssel. RS-Foto: Gerrmann

Die große Technologieschau von 1897 in der belgischen Hauptstadt war ein bedeutendes und erfolgreiches Ereignis (man erwirtschaftete sogar einen Gewinn von 1,3 Million belgischen Francs oder 260 000 Dollar): 6 Millionen Besucher strömten in den Jubelpark, um das, was 10 668 Aussteller aus 27 Ländern präsentierten, zu bestaunen. Einer davon kam aus Elbigenalp.
„Die Auszeichnung wurde Hannes Knittel für seine neu entwickelte fortschrittliche Bremse zuerkannt“, erzählt Mathilde Schlichtherle-Frey. Mit einem Seilzug konnte man dabei das Hinterrad verlangsamen und zum Stillstand bringen – das Prinzip ist also nicht viel anders als heute auch. Bewundern kann man diese Innovation aus dem 19. Jahrhundert noch heute an Knittels Fahrrad, das im Treppenhaus der Wunderkammer hängt und stets ein Höhepunkt bei den Führungen durch dieses außergewöhnliche Heimatmuseum ist.
Übrigens ist Hannes Knittel nicht der einzige Fahrrad-Pionier aus dem Lechtal: Sein Häselgehrer Freund Appolon Scheidle, der von der Luxnacher Mühle stammte, baute in jener Zeit den ersten pneumatischen Drahtesel Tirols und machte das Reisen auf dem Stahlross damit damit wesentlich angenehmer, als es auf den puren Metallfelgen war.

Information.

Die Wunderkammer in Elbigenalp ist im Sommer mittwochs bis samstags, von 10 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr geöffnet (an Spieltagen der Geierwally-Bühne bis 20 Uhr). Alle Informationen gibt es unter www.wunderkammer.tirol.

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