Lehrlings–Open–Lab–Day im Werkhaus

Dr. Eugen Stark, Ing. Michael Kerber, Markus Wolf, Johannes Leismüller, Nino Campestrini Msc, Klaus Witting, Leon Kogler, Mag. Franz Pohler (v.l.).RS-Foto: Hohengasser

„Schreckgespenst“ Digitalisierung lieferte brisanten Diskussionsstoff

Anlässlich des ersten Lehrlings-Open-Lab-Days fand am 28. Februar eine spannende Podiumsdiskussion statt. Davor konnten sich Ausbilder und Lehrlinge über das umfangreiche Angebot des Werkhauses informieren. Initiiert wurde die Veranstaltung vom engagierten Leitungsteam. Vertreter aus Wirtschaft, Schule und Unternehmertum nahmen daran teil.

Von Regina Hohengasser

Die Diskussionsrunde bestand aus Dr. Eugen Stark (Industriellenvereinigung Tirol), der dem Ruf nach Reutte gerne folgte; Ing. Michael Kerber (Tischlerei Kerber), Markus Wolf (Autohaus Wolf), aktuell Vertreter der Jungen Wirtschaft Reutte, Johannes Leismüller (Projektinitiator Werkhaus, Pädagoge), Martin Iljazovic (Jungunternehmer), Nino Campestrini MSc (EW Reutte), Klaus Witting (AMS Reutte), Leon Kogler (Student des IKA Reutte). Die Diskussion wurde von Mag. Franz Pohler, Direktor des IKA kompetent geleitet. Dr. Stark eröffnete die Diskussion, er hob hervor, dass die Industrielle Revolution 4.0 große Herausforderungen an die Gesellschaft und jeden Einzelnen von uns stellt. Neben Wertschöpfung und Wachstum gewinnen zunehmend auch Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung an Bedeutung. Die Unternehmen wie die Menschen im digitalen Fortschritt mitzunehmen, sei wichtiger denn je. Weiters sprach er über die Wirtschaftsgiganten China und USA, die uns digital längst überholt haben. Trotzdem sollte sich Europa auf die eigenen Stärken besinnen, die vor allem in der Kreativität und Innovation neuer Technologien liegen. Herr Kerber erwähnte, dass für viele Kleinunternehmer die technische Aufrüstung eine finanzielle Hürde darstelle, die sich erst rechnen müsse. Er trat für mehr Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Firmen ein. Herr Wolf erwähnte, im Vergleich zum amerikanischen Elektroauto Unternehmen TESLA, habe die europäische Autoindustrie die digitale Entwicklung verschlafen und dass es an dieser Stelle viel Aufholbedarf gäbe. Weiters ortet er bei der Berufswahl eine gewisse Hemmschwelle bei den sogenannten MINT-Fächer. MINT steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Hier könnte man mit Aufklärung und Information in Schulen Abhilfe schaffen. Johannes Leismüller, Pädagoge an der PTS Reutte durchleuchtete die Auswirkungen am Bildungssystem. Der Digitalisierung größtes Ziel sei die Effizienzsteigerung auf jedem Gebiet. Ob der Mensch da problemlos Schritt halten kann, stellt Leismüller wertfrei dahin. Für das Bildungssystem auf jeden Fall eine große Herausforderung. Da sind Eltern, Schüler und Pädagogen gleichermaßen gefordert. Das komplexe System Digitalisierung ist auch ein Generationenproblem. Einerseits sollen die Eltern ihren Kindern den richtigen, maßvollen Umgang mit den neuen Medien beibringen, andererseits fehlen ihnen selbst oft die Kenntnisse zu den neuesten Entwicklungen, da sie ja nicht damit aufwuchsen. Was ich selbst nicht erfahren habe, kann ich schwer weitergeben – eine starke Überforderung der Eltern, so Leismüller weiter. Eine Vorreiterrolle übernahm die PTS Reutte, indem sie ein Handyverbot an der Schule einführte. Die Schüler nahmen diese Maßnahme erstaunlich gut und fast dankbar auf. Sozusagen mal nicht mehr an der Leine zu sein (online), kann als wohltuend empfunden werden. Generell plädierte die ganze Runde für eine digitalfreie Zeit und eine vernünftige, maßvolle Nutzung pro Tag. Als nächster Redner war Jungunternehmer Martin Iljazovic an der Reihe. Er strich vor allem die positiven Seiten der neuen Medien heraus, die es zweifelsfrei gibt, vor allem für eine Region wie das Außerfern. Dank der Digitalisierung kann jeder seine Büroarbeit unabhängig überall erledigen. Gerade er als Jungunternehmer schätze die Vernetzung mit der globalen Welt. Campestrini vom EW Reutte erwähnte ebenfalls die vielen Chancen der Digitalisierung. Student Leon Kogler plädierte für Weiterbildung und den richtigen Umgang der neuen Medien. Herr Witting vom AMS wiederum sah auch viele berechtigte Gefahren und gab einen anschaulichen Einblick, wie die Digitalisierung die soziale Situation der Menschen nachhaltig verändert. Junge Menschen reden nicht mehr gerne face-to-face miteinander. Ein gewisser Suchtfaktor ist gegeben. Nicht selten sitzen Jugendliche sechs bis acht Stunden vor den Bildschirmen. Durchs Handy ist der Zugriff immer und überall möglich. Die sozialen Kompetenzen verkümmern zusehends, so Witting weiter. Auch eine Vereinsamung findet statt, was wohl niemanden verwundert. Langfristig kennt wohl niemand die Folgen von künstlicher Intelligenz und Algorithmen so genau. Dies wird sich erst in den kommenden Jahrzehnten herausstellen. Das Rad des Fortschritts lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Daher wäre mehr Aufklärung für unsere Kinder die beste Strategie, den Gefahren der Digitalisierung zu begegnen. Zum Schluss stellte Franz Pohler noch die Frage, was die heimischen Betriebe am meisten benötigten. An erster Stelle wurde der Fachkräftemangel hervorgehoben. Dem könnte durch bessere Kommunikation zwischen Schulen und Betrieben entgegengewirkt werden, wobei sich auch Schulen untereinander mehr austauschen sollten. Vermehrt Exkursionen in die Betriebe anbieten, Frauen für technische Berufe begeistern, das Rollenklischee Frauen- und Männerberufe aufweichen usw. Viele gute Ideen, die hoffentlich auf fruchtbaren Boden fallen. Resümee des Abends: Bei allen potentiellen Gefahren, die die Digitalisierung mit sich bringt, eröffnet sie auch ungeahnte Möglichkeiten des Austausches von Wissen und Kreativität. Denn es ist einerlei, ob ich einen Klumpen Lehm zu einer stilvollen Skulptur verarbeite oder ein neues Softwareprogramm entwickle, die Tätigkeit bleibt kreativ. Das Gefühl, schöpferisch tätig zu sein, ist mit nichts zu vergleichen und erfüllt am Ende des Tages den ganzen Menschen. Darum werte Leser, sollten Sie schon länger den Wunsch hegen, sich handwerklich oder künstlerisch zu betätigen, scheuen Sie nicht den Weg ins Werkhaus, Sie finden dort ein freundliches und kompetentes Team – mit allerlei Gerätschaften ausgestattet – vor.

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.