„Living like a king in St. Anton“

Millionen von CIA-Seiten sind online, es findet sich auch einiges über den Bezirk Landeck. RS-Foto: Haueis

In offengelegten CIA-Akten kommt der Bezirk Landeck mehrmals vor

 

Agenten, die in St. Anton geheime US-Informationen an den KGB verkauft haben sollen, oder Informanten, die im Kalten Krieg im Paznaun Fluchtrouten ausgemacht haben, oder „Widerstandskämpfer“, die sich ins Kaunertal zurückgezogen haben. All das findet sich auf teilweise erst kürzlich freigegebenen CIA-Seiten.

 

Von Daniel Haueis

 

Die CIA (Central Intelligence Agency, der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst) hat einen elektronischen Leseraum eingerichtet, der im Internet besucht werden kann: Auf www.cia.gov/library/readingroom kann man nach UFOs, dem Vietnamkrieg, Agenten oder NS-Kriegsverbrechern suchen – oder eben nach dem Bezirk Landeck. Es findet sich einiges: Ein „Intelligence Memorandum“ aus dem Jahr 1971 z.B. vermutet Landeck als Durchgangsort für Drogentransporte von Deutschland nach Frankreich. Und der ehemalige amerikanische Agent Edward L. Howard hat angeblich US-Geheimdienstinformationen an den sowjetischen KGB verkauft – und zwar am 20. September 1984 in St. Anton. Bgm. Helmut Mall kann sich nicht erinnern, dass der damals in US-Medien behandelte Fall auch in St. Anton bekannt war. Howard hat seine Unschuld betont und ist geflüchtet. Er starb 2002 in seinem russischen Landhaus.

 

WIE EIN KÖNIG IN ST. ANTON. Ebenfalls in St. Anton war Edgar Laipenieks aus Lettland. Der Olympiateilnehmer und spätere Trainer wurde im Jahr 1962 vom amerikanischen Geheimdienst befragt, für den er dann gearbeitet hat. Laipenieks gab an, die französischen Besatzer für ein Programm militärischen Skifahrens begeistert zu haben – und das habe zu einem „living like a king in St. Anton“ geführt (Leben wie ein König in St. Anton). Auch dieser Fall dürfte in St. Anton nicht allgemein bekannt sein. „Den Namen kenne ich“, kann Bgm. Mall aber über Millicent Rogers sagen.

 

EHEMALIGER AUSSENMINISTER MIT ARLBERG-WOHNSITZ. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs interessierte sich die CIA auch für den ehemaligen österreichischen Außenminister Guido Schmidt, der wegen Verrats vor Gericht stand (Schmidt wurde freigesprochen). Er war der Vater von Guido Schmidt-Chiari, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Arlberger Bergbahnen und von Gemeinde und Tourismusverband St. Anton Ausgezeichneten, der im vergangenen Jahr in St. Anton verstorben ist. Den CIA-Akten zufolge lebte Schmid in „St. Anton on the Arlberg in the French Zone of Austria, where they have bought the luxurious villa of Mrs. Millicent Rogers of New York“. Die Dame war eine Öl-Erbin, Mode-Ikone und Kunstsammlerin, die in den frühen 1930er-Jahren im St. Antoner Ortsteil Nasserein eine Villa errichten ließ. Als die Nazis 1938 nach St. Anton kamen, hat sie ihren Abschied vorbereitet.

Nauders findet sich auch in den CIA-Akten, wird allerdings nur am Rande erwähnt: Georg Gerebkov, ein staatenloser, ehemals russischer Sänger und später im Dienst der Nationalsozialisten, versuchte nach dem Zweiten Weltkrieg über die Schweiz nach Spanien zu flüchten. Das misslang: Er „returned to Austria, Nauders, Tyrol, then Imst, then Salzburg (July 1945), then Munich …“

 

NETZ GEGEN DIE ROTE ARMEE MIT FLUCHTROUTE DURCHS PAZNAUN. Die CIA versuchte zudem in der Nachkriegszeit, ein Netz des Widerstands gegen die Russen zu knüpfen, das für den Fall eines Einmarsches der Roten Armee in Österreich u.a. Fluchtwege ausfindig machen sollte – Projekt GRCROOND. Ein am 8. September 1959 in Innsbruck verfasster Bericht hat u. a. das Paznaun zum Inhalt: Der Berichterstatter hat sich am 26. Juli 1959 an der Tiroler-Vorarlberger Grenze umgesehen: Der Silvrettastausee sei „im Sommer als Wasserlandesplatz auf alle Fälle sehr gut geeignet, zudem er nicht weit weg von der Fluchtlinie liegt, die des kürzeren Weges halber über das Zeinisjoch nach Parthennen führt“. Der Vermuntstausee sei im Sommer ebenfalls als Wasserlandesplatz geeignet, ob er dies auch im Winter ist, müsse geklärt werden. „Unsere Fluchtlinie führt durchs Montafon“, schreibt der Berichterstatter, der im Paznaun und im Montafon auch „Stützpunkte“ gesucht hat.

 

WIDERSTAND IM KAUNERTAL. Ebenfalls im Rahmen des Projekts GRCROOND ging am 9. Juli 1953 ein Bericht an den „Chief of Base, Vienna“, in dem es heißt: „The Kitzbueheler Alps groups will now join the groups going to the Kaunertal area.“ Im November des Jahres heißt es dann: Die Kaunertal- und die Kitzbüheler-Alpen-Gruppe seien „a mountain variety of clandestine resistance“ geworden (eine Berg-Art geheimen Widerstands). Kaunertal-Chronist Martin Frey kann dazu nichts Konkretes sagen: „Allerdings gibt es im Tal sehr viele Gerüchte über irgendwelche Waffenlager … Allerdings wurde dabei vor allem davon ausgegangen, dass die SS auf ihrem Rückzug aus Italien 1945 im Kaunertal Waffen versteckt haben soll. Andere Gerüchte sprechen von versteckten Waffen im Zusammenhang mit Schmuggleraktivitäten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sowie im Zusammenhang mit den Aktivitäten in Südtirol.“ Es gebe auch Hinweise, dass einzelne Personen besonders gute Kontakte zu den Besatzungsmächten gehabt haben sollen: „Dies sind aber alles nur vage Gerüchte, die nicht wirklich belastbar sind.“ Nach seinen sehr häufigen Gesprächen mit alten Kaunertalern glaubt Frey nicht, dass sehr viel mehr zu erfahren ist, die CIA-Berichte seien aber sicher auch nicht völlig absurd: „Beim Bau des Hangkanals 1949-1954, der durch den Marschallplan finanziert wurde, waren amerikanische Stellen sehr direkt involviert. Insofern waren natürlich amerikanische Stellen hier präsent.“

Es bleibt also wohl einiges im Dunkeln. Andererseits ist dies aber sicher nicht alles, was die freigegebenen CIA-Akten über den Bezirk Landeck verraten – die pdfs enthalten vielfach Bild- und nicht Textdateien, sie sind also nicht immer einfach per Computer nach Namen o.ä. zu durchsuchen. Möglicherweise kommen auch weitere Akten hinzu.

 

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.