„Menschen nicht versanden lassen“

Der Sozialpreis der Bruderschaft St. Josef zu Bichlbach geht in diesem Jahr an die Vinzenz Gemeinschaft der Region Reutte. Sie wurde bei der Zunftfeier vertreten von Obfrau Gertrud Köck und ihrem Vorgänger Reinhard Beck (4. und 5. v.l.). Es gratulierten: Zunftpräsident Paul Strolz, Festredner Adi Werner von der Bruderschaft St. Christoph am Arlberg, Bichlbachs Bürgermeister Klaus Ziernhöld, Altdekan Ernst Pohler sowie Dr. Dietmar Schennach (v.l.), auf dessen Initiative 2009 der Sozialpreis gestiftet wurde. RS-Fotos: Gerrmann

Bruderschaft St. Josef zu Bichlbach traf sich zu Zunftfeier und Neuwahlen

 

Den Kontakt zur Heimat in einer (schon damals „globalisierten“) Welt zu halten, den Glauben zu bewahren und zugleich in Not, Krankheit und Scheitern eine Stütze zu sein – das ist (so Altdekan Ernst Pohler in seiner Predigt im Festgottesdienst) die Ur-wurzel der Zunftbruderschaften in alter Zeit. Dass dieser Geist in der Bruderschaft St. Josef zu Bichlbach immer noch lebendig ist, spürte man bei der Zunftfeier am Josefitag deutlich.

Von Jürgen Gerrmann

Den Festgottesdienst in der Zunftkirche zelebrierten neben dem Altdekan Vikar Donatus Wagner und Bichlbachs Pfarrer Tomasz Kukulka. Auch wenn von Josef in den Evangelien „kein Wort“ überliefert sei, so sei sein Wirken in der Familie in Jesu Leben doch zu spüren, gab sich Pohler überzeugt.

Die Nachfolge Jesu bedeute, den Nächsten, den Schwachen und den in Not Geratenen zur Seite zu stehen. „Lasst Euch was einfallen!“, würde Josef heute sagen, mutmaßte der Monsignore. Kirche sei mehr als eine „sakrale Service-Stelle“ für Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen. Der Urgrund der Bichlbacher Zunft und der christlichen Gemeinschaft bestehe ja darin, „Menschen nicht versanden zu lassen“.

Der Gottesdienst wurde wie die anschließende Zunftfeier im Dorfheim zu Bichlbach vom Männergesangsverein Reutte unter Leitung von Peter Kurz einfühlsam und eindrucksvoll musikalisch umrahmt.

Rückblick.

Paul Strolz, Präsident der Zunftbruderschaft, blickte in seinem Tätigkeitsbericht auf das vergangene Jahr zurück. Wegen einer Verstopfung sei ein neuer Abfluss mit Sickerschacht installiert worden, und man habe eine Gittertüre für die westliche Krypta angebracht. In Führungen habe man viele Menschen für die Zunftkirche begeistert und auch die Ausstellung „Mit Messer und Schlegel“ im Reuttener Museum im Grünen Haus mit Leihgaben bereichert.

Restauriert und renoviert worden seien der Josef mit dem Jesuskind am Hintereingang der Zunftkirche (denen sich Gabi und Elisabeth Hornstein aus Reutte annahmen)  und (gleichzeitig mit dem Rundwanderweg hinter der Zunftkirche) das Bichlkreuz oberhalb des Gotteshauses, um das sich Werner Hosp und Max Linser aus Bichlbach kümmerten.

Demnächst werde die Innenbeleuchtung verbessert. Und als einen besonderen Höhepunkt des Jahres zeige man im Zunfthaus eine in der Sammlung Jäger in Oetz vom Leiter des dortigen Volkskunstmuseums, Karl C. Berger, entdeckte und von der Kanzlei Kaiser Leopolds I. ausgestellte Urkunde mit der Bichlbacher Zunftordnung.

Sehr stolz zeigte sich der Präsident auch zu der vor Kurzem präsentierten neuen Broschüre zu den Bichlbacher Kirchen, mit dem Text von Peter Linser und den Fotos von Tobias Bailom  (wir berichteten), und er erneuerte auch seinen Appell an die Bichlbacher: „In jedem Haushalt sollte mindestens ein Exemplar liegen.“

Zunftprobst und Kassier Lorenz Wacker ließ in sein Kassenbuch blicken: Einnahmen von 5908,03 Euro standen 5475,29 Euro an Ausgaben gegenüber, sodass die Kassenprüfer Helmut Lagg und Walter Feineler kein Problem hatten zu bescheinigen, dass alles in Ordnung sei und der Bruderschaftsrat einstimmig entlastet wurde.

Neuwahlen.

Alle drei Jahre wird in der Zunftbruderschaft gewählt, und nach einmütiger Wahl setzt sich das neue Leitungsgremium wie folgt zusammen: Präsident: Paul Strolz aus Lechaschau; geistlicher Assistent: Dekan Franz Neuner aus Breitenwang; weltliche Assistenten: Bürgermeister Klaus Ziernhöld und Kassier und Zunftprobst Lorenz Wacker (beide aus Bichlbach); weitere Mitglieder: Bürgermeister Wolfgang Winkler aus Ehenbichl (Schriftführer), Ernst Hornstein aus Reutte (Kustos), Hugo Zotz aus Bichlbach (Chronist), Manfred Saurer aus Wängle, Andrea Schindl aus Reutte sowie Johann Strolz, Simon Strolz und Johann Hosp (alle Bichllbach); Kassenprüfer: Helmut Lagg aus Reutte und Walter Feineler aus Bichlbach. Hinzu kommen noch Kraft ihres Amtes Landeshauptmann Günther Platter, der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler und Ortspfarrer Tomasz Kukulka.

Innovativ.

Die Möglichkeit, sich als junges aufstrebendes Außerferner Unternehmen zu präsentieren, nutzten Evelyn Deutsch-Grasl und Thomas Grasl, die an der Spitze der Aromapflege GmbH in Lechaschau stehen. Ihnen ist es wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten, damit die Menschen „mit Wissen um die Heilkraft der Natur Selbstverantwortung übernehmen“ könnten. Ihr Credo: „Die Gesundheit liegt in unserer eigenen Hand.“

Die Aromatherapie habe als unterstützende Pflegemethode mittlerweile in rund 400 Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen in Österreich Einzug gehalten. So habe etwa die Chemotherapie bei Krebs sehr viele und schlimme Nebenwirkungen – zum Beispiel auf die Mundschleimhaut. Diese  Schmerzen ließen sich durch Mundpflegeöl lindern. Und das sei ein enormer Gewinn an Lebensqualität. Wichtig sei aber auch die Raumbeduftung rund um kranke Menschen: „Das wirkt entspannend, beruhigend und stimmungsaufhellend.“

Zeitgemäß.

In der Festrede stellte Adi Werner, Chef des Arlberg Hospiz Hotels und Bruderschaftsmeister der Bruderschaft St. Christoph am Arlberg, seine Organisation vor, deren Geschichte bis ins Jahr 1386 zurückreicht. Schon im ersten Winter seien – dank der Initiative des Kempteners Heinrich Findelkind, der als Schafhirte am Arlberg Dienst getan hatte und später in ganz Europa Brüder und Spenden sammelte – sieben Menschen an dieser wichtigen Verbindungsroute über die Alpen vor dem Erfrierungstod gerettet worden.

1783 habe Kaiser Joseph II. die Bruderschaft aufgelöst, erst vor 60 Jahren habe sein Schwiegervater, Albert Ganahl, nach einem Brand das Hospiz als damals schönstes und modernstes Hotel am Arlberg wieder aufgebaut und auch die Bruderschaft in zeitgemäßer Form wieder belebt.

Mittlerweile zähle man 18 000 Mitglieder (zum Vergleich: St. Josef zu Bichlbach 288) aus 38 Ländern und habe fast 18 Millionen Euro für Bedürftige angesammelt. Ziel seien 25 000 Brüder und Schwestern sowie 25 Millionen Euro an Hilfsgeldern.

Nun, da können die Bichlbacher natürlich (noch) nicht mithalten. Aber dennoch verlieh man auch heuer einen Sozialpreis für eine Einrichtung mit regionalem Bezug: die Vinzenz Gemeinschaft der Region Reutte. Deren Gründung bezeichnete Ernst Pohler als einen der schönsten Momente in seiner 36-jährigen Amtszeit als Dekan von Breitenwang. 1979 sei ihm und seinen Mitstreitern klar gewesen: „Wir brauchen Augen und Ohren, damit wir Menschen sehen, die in Not und allein sind. Wir brauchen Frauen und Männer, die nicht quatschen und drum herum reden, sondern einfach kommen und da sind.“

Gertrud Köck, die Obfrau der Vinzenz Gemeinschaft, freute sich wie ihr Vorgänger Reinhard Beck sehr über dieses Zeichen der Hochachtung: „Es ist uns eine Ehre und Anerkennung unserer 40-jährigen Arbeit.“

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.