Missbrauch von Wikipedia?

Wikipedia sieht sich immer wieder mit der Kritik konfrontiert, dass es Benutzern gestattet, Artikel anonym zu bearbeiten – denn wer schreibt, mit welcher Qualifikation, zu welchem Zweck? RS-Foto: Hirsch

„Durchaus überarbeitungswürdig“: Die Wikipedia-Seite über die Gemeinde Oetz im Fokus

Die Gemeinde Oetz kämpft auf allen Ebenen. Unlängst erhielt Wikipedia Österreich einige Anfragen zur Wikipedia-Seite über die Gemeinde Oetz. Aufmerksame Leser dieser Seite fragten sich, wer wohl verantwortlich ist, dass in der weltweit größten Enzyklopädie sachlich-neutrale Inhalte mit tagespolitischen Auseinandersetzungen verknüpft werden. Auffallend war vor allem der unverhältnismäßig lange Absatz „Neues Skigebiet heftig umstritten“. Die RUNDSCHAU hat nachgefragt.

Von Friederike Hirsch

Wer nutzt sie nicht, die Online-Enzyklopädie Wikipedia? Sie wird zitiert und weiterverbreitet. Weltweites Wissen in 199 Sprachen. Ein Segen? Die Gemeinde Oetz sieht das in diesen Tagen wohl eher als Fluch. Grundsätzlich gilt auf Wikipedia, dass für alle Themen Platz sein soll, wenn sie die Gemeinschaft für relevant hält: „Prinzipiell sind Seiten über eine Gemeinde sachlich und neutral zu formulieren und Augenmerk auf den Umfang der Unterpunkte zu legen“, heißt es vom Verein „Wikimedia Österreich“. Für neutrale Leser und Beobachter der Wikipedia-Seite über Oetz stellt sich allerdings womöglich die Frage, ob hier Wikipedia für einen politischen Kleinkrieg missbraucht wird.

Stein des Anstoßes.

Im konkreten sind besonders die Punkte „Neues Skigebiet heftig umstritten“, „Investorenmodelle und Chalet-Dörfer“, „Politik seit dem 2. Weltkrieg“ und „Tourismus“ ein Grund zur Diskussion. Diese Textabschnitte, die unverhältnismäßig Raum einnehmen, sind alles andere als „betont sachlich“ und „neutral“ formuliert. Auffallend, dass tagespolitische Themen einen großen Stellenwert hatten. Zum besseren Verständnis der Sachlage ein Vergleich der Anzahl an Zeilen. Der Abschnitt „Neues Skigebiet heftig umstritten“ umfasst 66 Zeilen. Dagegen befassen sich nur insgesamt 85 Zeilen mit gleich vier Abschnitt, nämlich mit Geografie, Geschichte, Name und Wirtschaft. Zur Verdeutlichung der Formulierungen einige Ausschnitte aus der Wikipedia Seite: „(…) dahinsiechender Tourismus“ oder „(…) läuft unter dem Deckmantel“.

Urhebersuche.

Der Verdacht stand im Raum, dass es sich bei den Verfassern um zwei Bürgerinitiativen handeln könnte. Auf der Suche nach den Urhebern der Wikipedia-Seite beziehungsweise nach den Verfassern der einzelnen Beiträge gerät man an Grenzen. Usus ist, dass sich die Verfasser unter einem Pseudonym oder nur mit ihrer IP-Adresse anmelden, ihre Beiträge schreiben, die dann gesichtet und freigegeben werden. Damit im Falle der Wikipedia-Seite „Oetz“ nicht weitere Mutmaßungen Platz greifen, hat die RUNDSCHAU bei der Bürgerinitiative „Lebenswertes Ötz“ und „Nein zur Zerstörung von Feldringer Böden und Schafjoch“ nachgefragt.

So sehen es die Bürgerinitiativen.

Im Namen der Bürgerinitiative „Lebenswertes Ötz“ verneinte Bernhard Stecher: „Es ist nicht die Aufgabe unserer Bürgerinitiative, eine ,Wiki-Site‘ zu betreuen. Das war auch nie Inhalt und Gegenstand unseres Zusammenschlusses (gemeint ist hier der Zusammenschluss von „BI für mehr Offenheit und Demokratie“ und „BI Lebenswertes Ötz“, Anm. d. Red.) und könnte darüber hinaus auch erst dann gemacht werden, wenn jemand von uns die Wikipedia-Kuratoren-Berechtigung besitzen würde. Ob diese bei jemandem vorliegt, entzieht sich meiner Kenntnis. Natürlich ist es aber jedem Mitglied freigestellt, sich privat als Autorin oder Autor bei der weltweit größten Online-Enzyklopädie zu betätigen, so wie dies im vergangenen Jahr weit mehr als 30 verschiedene Menschen zum Thema Oetz gemacht haben. Zu Wikipedia kann grundsätzlich jede(r) seinen Beitrag einreichen. Er muss allerdings von Relevanz sein, belegbar sein und anschließend den strengen Wiki-Prüfungen standhalten. Ein neutrales Überwachungssystem observiert und kuratiert dabei sowohl Inhalt als auch Umfang. Insofern freuen wir uns darüber, wenn Wikipedia auch vollinhaltlich über aktuelle Oetzer Themen berichtet und vertrauen auf die dort vorherrschende Objektivität.“ Eine Stellungnahme von Gerd Estermann („Nein zur Zerstörung von Feldringer Böden und Schafjoch“) liegt bis Redaktionsschluss nicht vor.

So sieht es Wikipedia.

Manfred Werner betont, dass ihm als Angestellten des Vereins „Wikimedia Österreich“ „keine inhaltlichen Bewertungen von Artikeln in Wikipedia“ zustehen. Die Inhalte der Enzyklopädie werden von den freiwillig mitwirkenden Autoren erstellt, die sich auch sozusagen selbst die Regeln aushandeln und aufstellen beziehungsweise darauf achten, dass sie beachtet werden. Eine der allergrundlegendsten Regeln allerdings, so Manfred Werner, „ist der neutrale Standpunkt, also die Sachlichkeit und Neutralität bei der Formulierung von Artikeln“. Dieses Prinzip ist festgeschrieben und unverhandelbar. „Konkret auf den Oetz-Artikel bezogen, fällt mir als Wikipedia-Autor – das also ausdrücklich nicht als Bewertung durch ,Wikimedia Österreich‘ – auf, dass dem Text streckenweise der Standpunkt des Autors/der Autoren deutlich anzumerken ist. Insgesamt sind einige Abschnitte in meinen Augen durchaus überarbeitungswürdig,“ so Manfred Werner.

So sieht es die Gemeinde Oetz.

Hansjörg Falkner, Bürgermeister von Oetz, meint: „Eigentlich sollte Wikipedia ein Informationsmedium sein. Auf dieser Wikipedia-Seite finden sich Behauptungen, die teilweise aus der Luft gegriffen sind. Wir haben diesbezüglich bereits mit den Verantwortlichen von Wikipedia Kontakt aufgenommen. Ich hoffe, dass jene Beiträge, die auf dieser Seite nichts verloren haben, so rasch wie möglich gelöscht werden.“

Stand derzeit.

Die umstrittenen Abschnitte wurden indessen durch Wikipedia mit folgendem Hinweis gekennzeichnet: „Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten“. Die Begründung: „Abschnitte ,Neues Skigebiet heftig umstritten‘, ,Investorenmodelle und Chalet-Dörfer‘, ,Politik seit dem 2. Weltkrieg‘, ,Gemeindezeitung‘ und ,Tourismus‘ sind nicht neutral formuliert und gehen zu detailliert auf sich relativ schnell verändernde Sachlagen ein. Die Abschnitte sollten stark gekürzt und neutral formuliert werden“, urteilt Wikipedia-Autor Sebastian Wallroth.

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