„Mit Freude genäht, mit Freude geschenkt“

Agnes Sailer näht auch Taschen. RS-Foto: Zangerl

Agnes Sailer aus Kappl näht seit Jahrzehnten für den guten Zweck

 

91 Jahre alt und kein bisschen arbeitsmüde ist Agnes Sailer aus Kappl. Seit Jahrzehnten fertigt sie für soziale Zwecke Polster, -Taschen, Schürzen und vieles mehr. Es waren im Laufe von Jahrzehnten tausende Unikate, die Geldsumme, die dabei gespendet wurde, ist kaum zu beziffern.

 

Von Elisabeth Zangerl

 

„Bei mir gibt’s keine Langeweile“, erzählt die rüstige 91-jährige Kapplerin beim Besuch der RUNDSCHAU. Dass sie immer etwas zu tun hat, sieht man gleich beim Betreten des schmucken Hauses Fernblick unterhalb der Pfarrkirche: Eine wunderschöne Blütenpracht schmückt das Holzhäuschen, und Agnes Sailer erzählt: „Vom Kuratorium Schöneres Tirol wurde ich zweimal zur Landessiegerin gekürt.“ Bewundernswert sind auch die gute Laune, Lebensfreude und der Enthusiasmus der sympathischen Dame: „Ich koche mir noch selbst und räume mir selbst auf – ich bin froh, wenn ich noch auf niemanden angewiesen bin.“ Und dass es Agnes Sailer wieder so gut geht, ist wohl dem Herrgott zu verdanken: „Es gab Zeiten, da haben die Leute gesagt: Des Förstner’s Nali wird nicht wieder zurückkommen.“ (Förstner wird sie daher genannt, weil der Gatte sowie der Sohn als Förster tätig waren bzw. sind). U.a. einen Oberschenkelhalsbruch und drei schwere Kopfoperationen wegen eines Sturzes hat sie überstanden. Aber: „Ich bin bisher immer wieder zurück gekommen“, sagt Sailer schmunzelnd. Und dabei geht sie mit 91 Jahren nach wie vor ihrem allerliebsten Hobby nach: dem Nähen. „Ich nähe mit Stoffen, die sonst im Container landen würden“, erklärt Agnes Sailer. Diese besondere Form des Recyclings hat aber einen sehr sozialen Hintergrund, denn verdient hat die Kapplerin dabei keinen Euro.

 

UNORDNUNG MAG ICH NICHT.“ „Ich habe einfach eine riesen Freude dabei, ich verschenke alles“, sagt Sailer, die gleich eine Auswahl an frisch genähten Pols-tern präsentiert, auch Taschen sind kürzlich aus alten Vorhangstoffen entstanden, zudem Decken, Läufer und vieles mehr. Sailer, die am 9. März 1928 geboren wurde, ist gelernte Schneiderin. Mit ihrem Mann zog sie drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, groß: „Damals hab’ ich meistens in der Nacht genäht, am Tag habe ich mich um die Familie gekümmert“, erinnert sie sich an die vielen genähten Anzüge, Kostüme oder Mäntel. Das Nähen hat Sailer immer große Freude bereitet. Ihre genähten Unikate werden in erster Linie Basaren zur Verfügung gestellt, auch das Wohn- und Pflegeheim St. Josef wurde großzügig ausgestattet, und nach Osteuropa wurde einiges gespendet. Die Einnahmen kommen allesamt einem guten Zweck zugute – von der Caritas bis hin zu Opfern der Hochwasserkatastrophe 2005 (für Letztere waren es stolze 1.500 Euro). „Auch beim Seniorenjassen oder Sabines Ladele habe ich immer Genähtes zur Verfügung gestellt“, erklärt Sailer. Auf die Frage, wie viel sie in ihrem Leben bisher schätzungsweise genäht hat und welch große Spendensumme dabei zusammen gekommen ist, zeigt sie sich bescheiden: „Das kann ich gar nicht sagen – ich habe mir immer gedacht: Mit Freude genäht, mit Freude geschenkt … Ein einfaches Danke reicht mir vollkommen aus.“ Und dabei ist Agnes Sailer in erster Linie eines – sehr, sehr dankbar: „Ich hätte mir nach meinen Rückschlägen nie gedacht, dass ich noch einmal so arbeiten kann.“

Agnes Sailer vor ihrem schmucken Haus in Kappl. RS-Foto: Zangerl
Eine kleine Auswahl an selbst genähten Polstern aus alten Vorhangstoffen. RS-Foto: Zangerl

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