Mit Maria Theresia fing alles an

Die Bezirkshauptmannschaft Reutte feiert am Samstag ihr 150-jähriges Bestehen. Bis zum Jahr 1939 residierte sie mit der Justiz im Gerichtsgebäude am Obermarkt. Erst danach zog man ins heutige Domizil gegenüber um. RS-Foto: Gerrmann

Vor der Jubiläumsfeier am Samstag, dem 1. September – ein Blick auf die Vorgeschichte der Bezirkshauptmannschaft Reutte

150 Jahre Bezirkshauptmannschaft Reutte – ein beeindruckendes Jubiläum, das am Samstag, 1. September, von 9 bis 14 Uhr mit einem Tag der offenen Tür gebührend gefeiert wird. Doch was war eigentlich, bevor diese Institution ins Leben gerufen wurde? Darüber weiß wohl niemand besser Bescheid als Reuttes Historiker Richard Lipp.

Von Jürgen Gerrmann

Alles, was in diesem Artikel steht, beruht daher auf dessen Forschungen zur Geschichte des Außerferns.
Wie so vieles in Österreich, so hat auch die Geschichte des politischen Bezirkes mit Maria Theresia zu tun. Vor deren Reform gab es keine Unterscheidung zwischen Gerichts- und Verwaltungsbezirk. Mit 1754 wurde das anders. Allerdings strebte die Kaiserin damit (obwohl man das mutmaßen könnte) keine größere Bürgernähe an. Sondern das genaue Gegenteil.

Kreissitz für das Oberinntal.

Laut Lipp war das Ziel „eine zentralistische Ausrichtung der habsburgischen Länder nach Wien“. Die neuen Kreise (wie diese Institutionen damals genannt wurden) unterstanden nämlich dem Vertreter der Kaiserin in den Landeshauptstädten, sodass Wien die traditionellen Länderrechte umgehen und direkt auf die unterste Verwaltungsebene durchgreifen konnte. Das war ein gewaltiger Eingriff, den man mit kosmetischen Mitteln zu verschleiern suchte: Die neuen Kreise waren zumeist deckungsgleich mit den vorherigen „Viertel“ und der Verwaltungschef dort trug die Bezeichnung „Viertelhauptmann“.

Er kennt die Geschichte von Reutte in- und auswendig. Historiker Dr. Richard Lipp weiß, wie für die Bezirkshauptmannschaft alles begann. RS-Foto: Gerrmann

In den ersten Jahren hatte Reutte eine enorme Bedeutung. Es avancierte nämlich zum Sitz des Kreises Oberinntal, der aus elf Gerichtsbezirken zusammengesetzt worden war: Ehrenberg, Laudeck (Oberes Oberinntal), Pfunds, Landeck, Imst, Aschau, Vils, Petersberg (Silz), Stams, Hörtenberg (Telfs) und Schloßberg (Seefeld). Interessant: Auch Vils war mit dabei. Obwohl es staatsrechtlich gar nicht zu Österreich gehörte.
Maria Theresias Sohn Joseph II. krempelte 1783 indes einiges um. Er schlug die Gebiete von Ischgl und Galtür im Paznauntal dem Kreis Oberinntal zu, verlegte aber dessen Sitz nach Imst. Das lag einfach zentraler. Damit war es mit Reutte als Verwaltungsmittelpunkt erst mal vorbei.

Ein bayerisches Intermezzo.

Diese Konstruktion währte immerhin bis 1849 – allerdings unterbrochen von einem sechsjährigen bayerischen Intermezzo. Nach dem Pressburger Frieden musste ja Österreich Tirol an den Nachbarn abgeben, der 1808 die bisherigen Einheiten zerschlug, Innsbruck als Landeshauptstadt abschaffte, Tirol von der Landkarte tilgte und alles nach München ausrichtete. Aus sechs Kreisen machte man drei, wobei Reutte zunächst zum Innkreis mit Sitz in Innsbruck gehörte.
Nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1809 änderten die Bayern die Kreiszugehörigkeit des Außerferns: Ab 1810 war man dem Verwaltungssitz des Illerkreises unterstellt: Kempten. Nach der Niederlage Napoleons wurden indes die alten Verhältnisse wiederhergestellt. Wobei 1816 Vils und Musau endgültig zu Tirol (und damit zum Kreis Oberinntal) kamen.

Franz Josephs Reformen. 

Die nächste Veränderung datiert auf das Jahr 1849 und hatte ihre Wurzel in der Revolution im Jahr zuvor. Da war auch der Ruf nach einer Trennung von Verwaltung und Justiz laut geworden. Also entschloss sich die Regierung in Wien unter dem jungen Kaiser Franz Joseph I., Bezirkshauptmannschaften zu etablieren, an deren Spitze ein Bezirkshauptmann stand. Den Gerichtsbezirk Reutte fasste man dabei mit Silz und Imst zusammen. Der Verwaltungschef saß in Imst, Reutte erhielt jedoch eine Außenstelle.
Sonderliche Beliebtheit genossen diese Einheiten indes nicht. Den Menschen waren sie angesichts der damaligen Verkehrsverhältnisse zu groß. Und so regte sich auch kein Widerstand, als man diese Institutionen fünf Jahre später wieder auflöste, auch der Trennung von Verwaltung und Justiz wieder ein Ende bereitete und durch Bezirks-ämter ersetzte, an deren Spitze ein Bezirksvorsteher fungierte, der für beides zuständig war.
Dieses „gemischte Bezirksamt“ war die erste Institution, die flächenmäßig mit dem heutigen Bezirk zu vergleichen war. Lediglich Pfafflar, Gramais und Kaisers gehörten nicht dazu. Sie wurden erst von den Nationalsozialisten dem von ihnen geschaffenen Kreis Reutte angegliedert. Sie verlegten auch den Sitz des Gerichts an den jetzigen Standort gegenüber am Obermarkt (und machten Reutte zur Stadt).
Nach der Niederlage Österreichs im Italienischen Unabhängigkeitskrieg 1859 geriet die kaiserliche Regierung wieder unter innenpolitischen Druck, Verwaltung und Justiz erneut zu trennen. Der Tiroler Landtag forderte 1863 indes, die Bezirke nicht zu groß werden zu lassen und wollte sie deckungsgleich mit den bestehenden Gerichtsbezirken machen – das hätte für Tirol (zu dem in jenen Jahren auch das Trentino gehörte) 71 Einheiten dieser Art bedeutet. Am Ende wurden es 21. Nur zwei davon entsprachen dem Landtags-Wunsch: Primiero in den Dolomiten – und Reutte.
Das Außerfern profitierte dabei von seiner Größe (18 009 Einwohner auf 19,05 Quadratmeilen) und auch von seiner Abgelegenheit.

Runder Geburtstag.

Als erster „echter“ Bezirkshauptmann von Reutte konnte daher Wilhelm Rautenkranz am 31. August 1868 seinen Dienst antreten – ein historisches Ereignis für das Außerfern. Und Anlass zur Jubiläumsfeier vom Samstag, dem 1. September.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.