Mit Wissen, Herz und Seele

Freuen sich über den neuen Bichlbacher Kirchenführer: Paul Strolz (Präsident der Zunftbruderschaft), Pfarrer Tomasz Kukulka, Autor Peter Linser, Bürgermeister Klaus Ziernhöld, Fotograf und Grafiker Tobias Bailom und Zunftpropst Lorenz Wacker (v.l.). RS-Foto: Gerrmann

Zunftbruderschaft präsentierte Peter Linsers neuen Führer durch die Bichlbacher Kirchen

Weit mehr als nur ein Ersatz und weit mehr als nur eine Neuauflage – das ist die neue Broschüre, die die Zunftbruderschaft St. Josef zu Bichlbach am Donnerstagabend voller Stolz im Zunfthaus im alten Widum präsentierte. Ihr Titel „Bichlbacher Kirchen – Kultur und Geschichte“.

„Wir wünschen uns, dass dieses Büchlein zumindest in jedem Bichlbacher Haushalt ausliegt“, brachte Bruderschafts-Präsident Paul Strolz die Hoffnung seiner Organisation und aller, die an diesem Projekt beteiligt waren, zum Ausdruck. Auch den Touristen solle es in die Hand und ans Herz gelegt werden: „Die Menschen sollen spüren, was für barocke Juwele auf dem Hügel über dem Dorf und in der Ortsmitte stehen.“

Forschung und Faktenprüfung. Bürgermeister Klaus Ziernhöld gratulierte im Namen der Gemeinde „zum gelungenen Werk“ und freute sich, dass jetzt alles Wichtige und Interessante über diese Bauten zusammengetragen sei: „Vergelt’s Gott allen, die dazu beigetragen haben!“ Autor Peter Linser hat viel Mühe und viel Liebe für die 66 Seiten über drei Gotteshäuser (auch die im Vergleich zu den beiden anderen sehr junge Pestkapelle wurde mit aufgenommen) sowie das Zunfthaus und Zunftmuseum im alten Widum aufgewendet.
Ihm ging es offensichtlich um weit mehr als nur eine Aktualisierung der bisherigen Broschüren, die langsam zur Neige gingen (was laut Paul Strolz letztlich den Anstoß für diesen neuen Kirchenführer gab). Der Bichlbacher formulierte nicht etwa nur, um – nein, er betrieb auch eigene und neue Forschungsarbeit, glich die bisherigen Veröffentlichungen miteinander ab, ging Unstimmigkeiten auf den Grund, unterzog die Fakten einer Prüfung und Gegenprüfung, erschloss bisher ungenutzte Quellen (wie die Chronik der Reuttener Franziskaner), sprach mit weiteren Experten wie Reuttes Chronisten Richard Lipp und wertete für die Zunftkirche  St. Josef 18 und für die Pfarrkirche St. Laurentius 15 Veröffentlichungen aus den Jahren zwischen 1863 und 2015 aus.
Und daher rührt es, dass sich der neue Kirchenführer durchaus von seinen Vorgängern unterscheidet. Linser: „Manche Zuschreibung musste neu vorgenommen werden.“ Und die eine oder andere Vermutung wurde durch das wohltuende „Geständnis“ ersetzt, es eben nicht (oder nicht genau) zu wissen, wer nun dieses oder jenes Detail wirklich geschaffen hat. Gerade dies macht diese Broschüre noch glaubwürdiger.

Details und Rätsel. So lässt sich zum Beispiel nicht mit Sicherheit sagen, welcher Kistler (ein altes Wort für Schreiner)  beim  Hochaltar in der Zunftkirche ans Werk ging. Linser hält es für möglich, dass es der Laienbruder Kletus Schaller gewesen sein könnte, der zur gleichen Zeit den Hochaltar im Franziskanerkloster in Reutte schuf.
Zu den Rätseln, die etwa die Zunftkirche noch heute aufgibt, zählen auch die beiden Kruxifixe – weder bei der lebensgroßen Plastik in der Vorhalle (die zu den bedeutendsten aus dem Rokoko im Außerfern zählt) noch beim auch heute noch buchstäblich unter die Haut gehenden „Tropfheiland“ oder „Wundmalchristus“ kann man sagen, wer deren Schöpfer war.
Mit Wissen, Herz und Seele hat sich Peter Linser auch in die kleinsten Details der Kirchen seines Heimatortes vertieft. Und so sprechen die Bilder, deren Botschaft zur Entstehungszeit wohl allen vollständig klar war, nun auch zum Betrachter von heute, der in der Regel ohne Erläuterungen nicht auskommt und dankbar ist, zu erfahren, um welchen Heiligen und welches Wappen es sich denn nun konkret handelt.
Der neue Kirchenführer entfaltet seine Wirkung – auch nicht zuletzt dank der hervorragenden Fotos Tobias Bailoms, der auch die grafische Gestaltung der Broschüre unter seinen Fittichen hatte. Mit der Kamera führt der Heiterwanger auch Kleinigkeiten oder weit Entferntes dem Leser und Betrachter eindrucksvoll vor Augen. So mancher hätte sonst vielleicht sonst den „Bichltuifl“, der ganz oben am Hochaltar von St. Josef vom Erzengel Michael besiegt wird, übersehen. Oder wüsste mit den einfarbigen Zwickelfresken im Chor nicht entfernt so viel anzufangen wie nun dank seiner Bilder und Linsers Erläuterungen: Da sieht man etwa Jesus bei der Zimmermanns-Lehre bei seinem Vater, den zweifelnden Thomas und die anderen Jünger, das Emmauswunder oder wie der Auferstandene seiner Mutter erscheint. Mancher Gast wird angesichts der Broschüre staunen über das, was dieses kleine Dorf an Kulturschätzen zu bieten hat. Und dank Peter Linsers historischer Kompetenz und Tobias Bailoms fotografischen Könnens wird vermutlich so mancher Bichlbacher seine Kirchen neu entdecken oder neu zu schätzen wissen. Sowohl Autor als auch Fotograf  richten den Blick des Lesers und Kirchenbesuchers zum Beispiel auch intensiv auf das größte künstlerische Kleinod in St. Laurentius: die wunderschöne Kanzel aus der Werkstatt des Hindelangers Johann Richard Eberhard. Alle vier Evangelisten stattete er mit einem Tintenfässchen aus – dem Engel, der für Matthäus steht, setzte er es sogar auf sein hübsches Lockenköpfle.

G’schicht’ln. Es sind nicht zuletzt kleine Geschichten und Randnotizen, die bei diesem Büchlein nicht nur für Faktenfülle, sondern auch für Lesevergnügen sorgen. Und die Botschaft erlebbar werden lassen, die für Pfarrer Tomasz Kukulka jenseits aller Zahlen, Daten, Fakten und architektonischer Meisterleistungen das Allerwichtigste ist: „Gott wohnt in unserer Mitte.“

Von Jürgen Gerrmann

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