Mitreißende Uraufführung von „Lechufer – Anno 1800“

Von Kindesbeinen an verbindet den stummen Adalbert (Sandro Lorenz) und den stotternden Jakob (Jonas Wolf) (v.l.) ein starkes Band. RS-Foto: Zeller

Musik und Leidenschaft besetzen die Hauptrollen zum 25-jährigen Jubiläum der Geierwally Freilichtbühne.

Wie Treibholz im Lech wurde das Premierenpublikum am Samstag wortwörtlich von Musik, Schauspielerei und Bühnenkunst mitgerissen. Das von Christof Kammerlander und Bernhard Wolf geschriebene und unter Hubert Spieß‘ Regie aufgeführte Stück erzählt von der Teilung des Lechtals um 1800, dem Schicksal einer kleinen Dorfgemeinschaft und der großen Liebe zur Musik und einem anderen Menschen. 

Von Jenni Zeller.

Die Geierwally Freilichtbühne blickt auf ein facettenreiches Vierteljahrhundert zurück. Herzstücke des heimatlichen Theater-Kanons, wie die Schwabenkinder oder Anton Falgers „Todtentanz“, erwachten in der Elbigenalper Bernhardstalschlucht seit der Bühnengründung im Jahr 1993 zum Leben. Dank ihrer besonderen Location und den hochkarätigen Aufführungen ist die Freilichtbühne seit langem weit über das Außerfern hinaus bekannt. Jährlich pilgern rund 10000 Theaterbegeisterte ins obere Lechtal, wobei durchschnittlich rund drei Viertel der Tickets ins Allgäu wandern. Zur Premiere am Samstag freuten sich Elbigenalps Bürgermeister Markus Gerber und Geierwally-Obmann Bernhard Singer über die vollen Ränge aus Deutschland und Österreich sowie über die Anwesenheit der zwei Nationalratsmitglieder Dominik Schrott und Selma Yildirim. Gemeinsam ging es auf eine Zeitreise in das Lechtal von vor 200 Jahren.

„Es geit a Språch und die spricht jeder Mensch“.

Jakob (Elias Walch) war schon immer etwas anders; „hålt d‘r Jakob“. Laut seiner abergläubischen Mutter Elsa (Michaela Togan) hält der „Putz“, ein unheilvoller Geist, seine Zunge und die seines stummen Bruders Adalbert (Stefan Bauer) in eisernem Griff. Aber Weihrauch schützt Jakob nicht vor der Häme und den Schlägen der anderen Dorfbewohner, die in dem hochtalentierten Musiker nur einen stotternden Idioten sehen. Einzig seine Kindheitsliebe Klara (Celina Perl) spricht seine Sprache – Musik. Mit dem Einmarsch der napoleonischen Armee wird jedoch alles anders. Das Tal und somit das Dorf sind plötzlich entlang des türkisen Lechs entzwei gerissen. Zwar findet Jakob dank der Leidenschaft zur Musik im französischen Soldaten Pierre (Bernhard Wolf) einen unverhofften Freund, doch bleibt die Gesamtlage verzwickt. Klaras Eltern, Ignaz (Christof Kammerlander) und das Hannele (Petra Singer), erwarten ein Baby und benötigen die Hilfe der Hebamme (Gerti Wolf), die auf der anderen Lechseite wohnt. Der Waffenstillstand zwischen Frankreich und den Habsburgern wird unerwartet aufgehoben. Und Klara erleidet im Dunkel der Nacht Wunden, die selbst Musik nicht heilen zu können scheint…

Geschichte, Kunst und Melodie.

Diese vielseitige Kombination bietet „Lechufer – Anno 1800“. Vor eindrucksvoller geschnitzter Holzkulisse mit malerischen Lichteffekten entführte die 24-köpfige Theatergruppe das Uraufführungspublikum in das Jahr 1800, als nur Männer in der Musikkapelle mitwirken durften, junge Frauen bevorzugt an wohlhabende Bauern vergeben wurden und der Aberglaube den Tirolern Trost spendete. Der realgeschichtliche Hintergrund des Stücks wurde von den kontrastierenden Ansichten der französischen Soldaten hervorgehoben, gemäß denen Offizier Clément Pomier (Thomas Kramer) den Glauben an Gott verloren hat. Eine Gänsehaut bescherte dabei der hysterische Widerstand Elsas gegen das „gottlose, verfluchte Franzosenvolk“. Zwischendurch sorgte der rettungslos in Ignaz‘ Töchter verliebte Josef (Leon Togan) für Auflockerung, als er beispielsweise versuchte, zu fensterln. Gefühlsecht kämpften und musizierten Klara und Jakob um-  und füreinander. Und einfühlsam sang Ignaz für „sei Mådle“, als sie Schmerzen durchlitt, die er nicht verstand. Komponiert wurde der ins Ohr gehende Soundtrack von Elias Walch und Christof Kammerlander. Alles in allem fühlte sich dieses Theaterstück „wia d’Sunna im Langaz“ an. Eine Geschichte, die auf ganz besondere Weise von Kameradschaft, Liebe und dunklen Zeiten erzählt und am Samstag mit Standing Ovations bejubelt wurde. Karten für das künstlerische Meisterwerk und die dazugehörige Wunderkammer-Sonderausstellung gibt es unter www.geierwally.at.

 

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.