Musikalische Spielwiese

Großer Vokalkünstler: Bobby McFerrin in Imst. RS-Foto: Buchner

Bobby McFerrin beim TschirgArt Jazz Festival

Bobby McFerrin, der große New Yorker Vokal-Künstler, startet seine Europatournee in Imst. Einem breiten Publikum ist er durch „Don‘t Worry, Be Happy“ bekannt, doch das ist nicht mal die halbe Wahrheit.

Von Lia Buchner

Bobby McFerrin! In Imst! Ein kaum in Worte zu fassendes Naturereignis. Daher vielleicht zuerst die Faktenlage: Bobby McFerrin ist ausgebildeter Pianist, im klassisch-musikalischen Elternhaus ist Musik ein selbstverständlicher Lebensbegleiter. Er studiert Klavier, gibt Unterricht – und begreift am 7. Juli 1977, er ist inzwischen 27, schlagartig: Ich bin Sänger! Die Stimme wird sein Instrument, er probiert sich in unterschiedlichsten Stilen und Genres aus, arbeitet mit Kollegen wie Chick Corea, Laurie Anderson oder dem Gewandhausorchester Leipzig, besitzt etliche Grammys und kommt jetzt mit seinem Projekt „Circlesongs“ nach Europa: Kleine improvisierte Musikschnipsel, endlos „im Kreis“ gesungen.

Sitzenbleiben als Herausforderung.
Chor als Instrument: Bobby McFerrin und die „Gospel Singers“. RS-Foto: Buchner

Doch zuerst kommt die Vorgruppe. Das klingt dünner als es ist: Das „Diknu Schneeberger Trio“ ist eines der besten Gypsy Jazz-Ensembles in diesem Land. Diknu Schneeberger, das einstige Wunderkind, ist ebenfalls in eine hochmusikalische Familie hineingeboren, sein Vater Joschi Schneeberger spielt heute am Kontrabass. Beide sind Sinti und so verdankt er sein Ausnahmetalent der Musikalität eines ganzen Volkes, wie er sagt. Der Dritte im Bunde ist Martin Spitzer an der Rhythmusgitarre und gemeinsam zelebrieren sie Gypsy Jazz auf höchstem Niveau. In der Tradition von Django Reinhardt und Stochelo Rosenberg spielt Diknu in geradezu halsbrecherischer Virtuosität und Geschwindigkeit. Der Kontrast zwischen enorm präzisem Rhythmus und Diknus originellen Improvisationen und Phrasierungen hat großen Reiz. Die zündenden Rhythmen machen das Sitzenbleiben zur Herausforderung.

Dann kommt Bobby McFerrin.
Das „Diknu Schneeberger Trio“ präsentierte halsbrecherischen Gypsy Jazz. RS-Foto: Buchner

Ein kleiner, fast zarter Mann in fortgeschrittenem Alter mit langer Rastamähne und sanftem Lächeln betritt die Bühne. Neben ihm seine zwei stattlichen Begleit-Sänger, hinter ihm die zwölf Mitglieder des Tiroler Vokal-Ensembles „Gospel Singers“. Und dann beginnt das kaum in Worte zu Fassende. Bobby McFerrin spielt wie kein anderer auf der Klaviatur der menschlichen Stimme – seiner, der des Chors und der des Publikums. Er sang mit Brust- oder Kopfstimme eine Melodie an, gab kleine Phrasen aus vier fünf Tönen oder Geräuschen an die Chorstimmen weiter, die sie in Endlosschleife wiederholten. Auch das Publikum bekam seinen Part, mit viel Feingefühl übte er die Sequenzen ein. Dieses vielstimmige rhythmische Grundgerüst umspielte er dann mit seinen improvisierten Soli oder mit Call-and-Response-Parts. Mit kleinsten Gesten lenkte er alles, er spielte auf dem Chor wie auf einem Instrument, lächelte strahlend, wenn alles klappte. Er verwandelte eine Konzerthalle in eine Spielweise, machte das Publikum zu Verbündeten. So entstanden live Chorstücke im dichtesten Miteinander, im intensiven Aufeinander-Hören, jedes Mal neu und aufregend und einzigartig lebendig. Zwei Stunden atemloses Staunen. Bobby McFerrin. Ein Naturereignis!

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.