„Mut zu Tirol“

Sie sind nach wie vor gegen Tschirgant- und Fernpass-Tunnel: Fritz Gurgiser vom Transitforum (r.) und Hubert Wammes, der Obmann der Wassergenossenschaft von Haiming. RS-Fotos: Gerrmann

An den neuen Maut- und Tunnelplänen des Landes scheiden sich nach wie vor die Geister

Nachdem die Debatte um das Transit-Chaos im Außerfern und die Tunnelpläne der Landesregierung einige Wochen eher vor sich hingedümpelt war, kommt nun gewaltig Bewegung in die Sache: Die Befürworter der umstrittenen Röhren scheinen eine Offensive zu starten – und plötzlich liegen auch Maut-Pläne auf dem Tisch. Manche frohlocken darüber. Andere wiederum wollen ihren energischen Widerstand keineswegs aufgeben.

Von Jürgen Gerrmann

Zur ersteren Gruppe gehören vier Bürgermeister aus dem Bezirk Imst: Stefan Weirather aus Imst, Hermann Föger aus Obsteig, Rudolf Köll aus Tarrenz und Herbert Kröll aus Nassereith kritisieren in einer Pressemitteilung zwar, dass „sich der Bund jahrelang seiner verkehrspolitischen Verantwortung entzogen hat“, freuen sich aber darüber, dass „nun endlich ein Umdenken einzusetzen scheint.“ Auch wenn es „ohne Frage“ noch ein weiter Weg sei, so stimme die vier doch „positiv“, dass nun „der Tschirgant-Tunnel als eines der wichtigsten Verkehrsentlastungsprojekte im Tiroler Oberland endlich angegangen wird.“
Zwar sei die Fernpass-Strategie „durchaus sinnvoll.“ Aber: „Eine echte spürbare Entlastung lässt sich nur durch umfassende Baumaßnahmen realisieren“, meinen sie. Sie sind auch der Meinung, dass „die durchgeführten Vorerhebungen und Machbarkeitsstudien sowohl für den Fernpass-Scheiteltunnel als auch für den Tschirgant-Tunnel positiv ausgefallen sind.“

Was sind mutige Schritte?

Und daher drängten sie darauf, endlich „von der Planungs- in die Umsetzungsphase zu kommen.“ Denn seit Jahrzehnten vertröste man die Menschen in den Bezirken Imst und Reutte nur, während die Verkehrsbelastung immer weiter ansteige und eine Trendwende nicht in Sicht sei. Schlusssatz der gemeinsamen Erklärung: „Wenn wir nicht wollen, dass wir gänzlich im Verkehr ersticken, dann müssen wir endlich handeln und mutige Schritte setzen.“
Just unter diesen „mutigen Schritten“ versteht Fritz Gurgiser, der Obmann des Transitforums Austria-Tirol, freilich das genaue Gegenteil. In den jüngsten Aktivitäten der Landespolitik sieht er nichts anderes als das „übliche Nebelkerzenwerfen.“ Die Maut für die B179 werde nun forciert, weil man damit die Tunnel an Tschirgant und Fernpass finanzieren wolle. Wobei man doch bei ersterem vor 15 Jahren nicht einmal die Grundlagen für eine Umweltverträglichkeitsprüfung geschafft habe.
Geld sei im Grunde ausreichend da, weil die Autofahrer ohnehin über Steuern und Abgaben genug geschröpft würden. Nun schmeiße man die Maut wieder unters Volk, damit die Leute wieder etwas zu diskutieren hätten: „Es gibt nichts schwarz auf weiß, es wird immer nur drumrumgeredet.“

Zweifel an Mautfreiheit für Außerferner.

Ob man das Außerfern mit dem Felbertauern vergleichen und den Autofahrern im Bezirk Reutte dadurch die Maut ersparen könne – allein daran habe er zum Beispiel schon seine Zweifel. Zudem gebe es Interessenskonflikte: Die Touristiker wollten eine niedrige Maut, damit die Gäste nicht verprellt würden. Die Politiker eine hohe, damit sie ihre Tunnels finanzieren könnten. Und die Außerferner sollen gar nix zahlen. Gurgiser: „Ich bin gespannt, wie man all dies unter einen Hut bringen will.“
Jetzt müsse man endlich die Ursachen bekämpfen. Und dafür habe seine Organisation ein klares Konzept vorgelegt, das völlig ohne Maut auskomme. Dazu gehöre es zum Beispiel, die Fahrverbote auf der Fernpassstrecke völlig neu aufzustellen: „Derzeit gibt es ja mehr Ausnahmen als Regeln.“ Und die müssten dann auch wirklich effektiv kontrolliert werden: „Was zurzeit gemacht wird, ist ein Witz.“ Es müsse unangemeldet überprüft werden, ob Lenk- und Ruhezeiten sowie Gewichtsbeschränkungen eingehalten würden. Dazu müsse das Land eine Spezialeinheit ähnlich der Cobra aufstellen. Und gemeinsam mit Bayern ein effektives Dosiersystem entwickeln.
Die neuen Tiroler Seilbahngrundsätze müssten zudem den Verkehr in den Mittelpunkt stellen und die Seilbahnwirtschaft mit in die Verantwortung nehmen. Sonst falle denen die Sache letztlich auf den Kopf: „Immer mehr Menschen an den überlasteten Straßen wenden sich vom Tourismus ab. Wenn der Topf übergeht, dann geht er über. Da ist dann nichts mehr zu machen.“

Seilbahndebatte als Chance.

Es könne nicht sein, dass eine Minderheit wie die Seilbahnwirtschaft diktiere, was zu machen sei: „Diese Zeiten sind vorbei.“ Die jetzige heftige Debatte über die Skigebiete sei dabei „eine Riesenchance, das ganze einmal als Paket zu betrachten.“ Die potentiellen Investoren müssten darlegen, wie sie den Verkehr im Zaum halten wollten. Es könne keine Lösung sein, die Einheimischen in ihre Häuser einzusperren und etwa Schwangere dann im Notfall mit dem Hubschrauber in den Kreißsaal zu fliegen

Die Sache mit der EU.

Und welche Schuld hat die EU an der ganzen Misere? „Gar keine“, sagt Gurgiser ohne eine Sekunde zu zögern: „Wir sind selbst verantwortlich.“ Inwiefern? „Wir haben zum Beispiel eine Straßenverkehrsordnung, die die Behörden dazu verpflichtet, die Sicherheit, Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs aufrechtzuerhalten.“ In Paragraph 43 sei auch die Verpflichtung festgehalten, „zur Fernhaltung von Gefahren oder Belästigungen, insbesondere durch Lärm, Geruch oder Schadstoffe, wenn und insoweit es zum Schutz der Bevölkerung oder der Umwelt oder aus anderen wichtigen Gründen erforderlich ist, Verkehrsbeschränkungen oder Verbote zu erlassen.“ Dass das Recht auf freien Warenverkehr darüberstehe, sei ein Märchen, verantwortlich für die katastrophale Transitsituation sei nicht zuletzt die „Tiroler Anbiederungspolitik an die Gäste.“ Aber nicht mal denen sei damit gedient: „Der Gast kommt, um bei uns Ruhe und Erholung zu finden – und nicht, um sich stundenlang herzustauen.“
Es führe kein Weg daran vorbei: „Das Glas ist übervoll. Überall. Aber die Touristiker und die Tunnel-Befürworter wollen immer noch mehr hineinschütten. Das geht aber nicht. Das Glas geht schon lange über.“
Daher: „Man muss was tun, statt immer nur mit dem Finger auf die EU zu zeigen. Mut zu Tirol – das heißt, die Grenzen, die uns die Natur gibt, zu respektieren und alles daran auszurichten. Und das ist machbar.“

Sorgen um das Wasser.
Hubert Wammes, Haiming.

Zum Verkehr selbst will der Haiminger Obstbauer Hubert Wammes nur eins sagen: „Wir sind nach wie vor der Meinung, dass nur die Dosierampel und die anderen vorgeschlagenen Sofortmaßnahmen etwas bringen.“ Was das Wasser anbelange, das im Tschirgant behütet sei, so werde die Rechnung der Tunnelbefürworter nicht aufgehen: „Diese Massen sind nicht beherrschbar.“ Deswegen habe die ASFINAG ja schon vor Jahren die entsprechenden Untersuchungen eingestellt. Nun solle die Politik die bereits vorhandenen Unterlagen einsehen und endlich aufhören, das „nicht verantwortbare“ Projekt Tschirgant-Tunnel immer wieder auf den Tisch zu legen.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.