„Nah am Menschen“

Freuen sich auf viele Besucher beim Tag der offenen Tür zum 150-jährigen Bestehen der Bezirkshauptmannschaft Reutte: Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann (l.) und Bezirkshauptfrau Katharina Rumpf. RS-Foto: Gerrmann

Die Bezirkshauptmannschaft Reutte feiert am 1. September mit den Außerfernern ihr 150-jähriges Bestehen

Die DonaumonarchieBackend Editor ist vor 100 Jahren untergegangen. Eine Institution indes hat die Kaiserzeit überdauert und ist lebendiger denn je: die Bezirkshauptmannschaften. Sie wurden vor 150 Jahren aus der Taufe gehoben. Ein Grund zum Feiern. In Reutte begeht man das Jubiläum (wie in ganz Tirol) am Samstag, 1. September. Mit einem Tag der offenen Tür von 9 bis 14 Uhr.

Von Jürgen Gerrmann

Was heute als moderne Servicestelle reüssiert, geht auf eine Idee des vorletzten österreichisch-ungarischen Kaisers zurück: Franz Josef I. gab 1849 den Anstoß zur Bildung von Bezirken – allerdings nur in der österreichischen Reichshälfte, wie Reuttes Historiker Richard Lipp im Gespräch mit der RUNDSCHAU erklärte. Aber immerhin reichte die bis zur Bukowina in der heutigen Ukraine oder der Grafschaft Görz und Gradisca an der Adria.
Es gab allerdings durchaus auch Vorgängereinrichtungen: So war laut Lipp Reutte zu Maria Theresias Zeiten Sitz der Kreishauptstadt Oberland (und wurde später von Imst abgelöst).
Bis Franz Josefs Idee zur Wirklichkeit wurde, dauerte es indes stolze 19 Jahre, wie Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann bei einem Pressegespräch am Freitag schmunzelnd anmerkte.

Acht Bezirke im Land.

Gründerzeit 23 Bezirke. Als nach dem Ersten Weltkrieg Südtirol und das Trentino an Italien fielen, blieben acht übrig (plus die autonome Stadt Innsbruck) – sie haben sich bis heute erhalten. Was österreichweit keine Selbstverständlichkeit darstellt – nicht zuletzt in Wien, Niederösterreich, der Steiermark, Kärnten und auch Vorarlberg – so gab es im Laufe der Historie durchaus Zusammenlegungen und Neugründungen.
Die Republik ist heute in 79 Bezirkshauptmannschaften aufgeteilt (zu denen sich 19 Städte mit eigenem Statut gesellen).

Geschichte geschrieben.

Die Landtagspräsidentin blickte auch auf die Endzeit der Monarchie zurück: Um 1900 habe man im Bezirk Reutte 16 000 Menschen gezählt (heute rund das Doppelte).
Während der ersten Zeit waren die Bezirkshauptmannschaften sicher stark vom Obrigkeitsgedanken getragen. Heute sieht sie (nicht nur) Sonja Ledl-Rossmann als „Service- und bürgernahe Anlaufstelle für alle Menschen in den Bezirken“. Wobei sie stolz darauf ist, dass Reutte mit Katharina Rumpf die erste Bezirkshauptfrau in ganz Tirol stellte. Das Außerfern hat also in dieser Beziehung Landesgeschichte geschrieben.
Die Pionierin kann auf ein Team von 85 Frauen und Männern setzen, und die Landtagspräsidentin dankte allen für ihre „großartige und vielfältige Arbeit“. Am Reuttener Obermarkt werde man freundlich und kompetent beraten und betreut: „Und ich hoffe, dass viele Menschen am 1. September die Chance nutzen, ihre BH vor Ort näher kennenzulernen.“

Einst Weinwirtschaft.
Von der Weinwirtschaft zum Behördensitz: Das historische Gebäude der Bezirkshauptmannschaft am Reuttener Obermarkt.

Auch Katharina Rumpf hatte sich von Richard Lipp die Geschichte der von ihr geleiteten Einrichtung näher erläutern lassen. Im 18. Jahrhundert sei im heutigen Altbau die „Weinwirtschaft zur Gemse“ untergebracht gewesen, von deren (heute nicht mehr existierenden) Balkon Papst Pius VI. den Außerfernern den Segen gespendet habe.
Später sei das Gebäude im Besitz des damaligen Chefs der Textilwerke gewesen und 1939 vom Land erworben worden. Davor habe die Bezirkshauptmannschaft im Gebäude des Bezirksgerichts residiert.
Als oberstes Ziel der Bezirkshauptmannschaft sieht Katharina Rumpf, „den Leuten im Bezirk nach Kräften – im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten – zu helfen.“ Man wolle nah am Menschen sein.

Enorme Bandbreite.

Schön sei es, dass man alles unter einem Dach anbieten könne: Die Ressorts Soziales, Kinder und Familie, Gewerbe, Sicherheit, Verkehr, Wohnen, Gesundheit, Umwelt, Jagd und Fischerei, Forst und Veterinärwesen (eine enorme Bandbreite also) seien dadurch für die Bürger auf kürzesten Wegen zu erreichen. Und toll sei es auch, dass die Mitarbeiter der BH mittlerweile sogar in die Betriebe gingen, damit die Menschen dort am Arbeitsplatz ihre Anträge abgeben könnten.
An der Trennung zwischen Politik und Verwaltung wollen übrigens sowohl die Bezirkshauptfrau als auch die Landtagspräsidentin nichts ändern. Man sieht Tirol im Vorteil gegenüber dem bayerischen und baden-württembergischen Modell, bei dem die Landräte nicht nur verwalten, sondern auch gestalten können und durch Kreistage parlamentarisch kontrolliert werden.
„Unser System ist sehr gut“, sagt Katharina Rumpf und Sonja Ledl-Rossmann fügt hinzu, dass die parlamentarische Kontrolle ja durch den Volksanwalt und den Rechnungshofs („beides Einrichtungen des Landtags, nicht der Regierung“) gewährleistet sei. Und thematisch existiere ja eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen der verwaltungstechnischen und der politischen Ebene.

Hürden abbauen.

Der Tag der offenen Tür solle auch dazu dienen, eventuell noch bestehende Hürden abzubauen: „Wir haben ein ansprechendes Programm zusammengestellt und freuen uns auf viele Besucher. Unser Vorbereitungsteam ist schon lange engagiert bei der Arbeit.“
Mit von der Fest-Partie sind übrigens auch zahlreiche Blaulicht-Organisationen:
So zeigt die Flugrettung ihren Notarzthubschrauber. Auch die Bergrettung präsentiert ein Einsatzfahrzeug und ihre Ausrüstung. Das gilt ebenfalls für die Bergwacht, die sich zudem den Themen Natur- und Umweltschutz widmet. Die Feuerwehr bringt das neue Tanklöschfahrzeug der Floriansjünger von Breitenwang und Mühl mit, die Wängler Kameraden demonstrieren ein Messgerät (Heuwehrgerät), mit dem Brände von Heu oder Futtermitteln wie Silage verhindert werden sollen.
Die Polizei ist nicht nur mit Fahrzeugen und einem „Alkomaten“ vertreten. Sie zeigt auch, wie man Falschgeld erkennen kann und berät allgemein zur Sicherheit.
Das Rote Kreuz will seine Arbeit mit diversen Einsatzfahrzeugen sowie Infos zur Ersten Hilfe und zur Ausbildung des Nachwuchses ins Blickfeld rücken. Und die Wasserrettung wartet schließlich nicht nur mit einem Boot auf, sondern hat auch noch Taucherutensilien mit im Gepäck.
Übrigens: Während der gesamten fünf Stunden ist für das leibliche Wohl gesorgt.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.