Neue Lehr- und Lernkultur

PSI Thomas Eiterer spricht von einer positiven Aufbruchstimmung in der Bildungsregion Imst. RS-Foto: Archiv

PSI Thomas Eiterer im RS-Gespräch über Ausbildungspflicht, modernen Unterricht, Inklusion etc.

Nach der Schule ist vor der Schule: Auch wenn sich LehrerInnen- und SchülerInnenschaft bereits in den wohlverdienten Sommerferien befinden, nahm sich der Pflichtschulinspektor der Bildungsregion Imst, Thomas Eiterer, Zeit, um im RUNDSCHAU-Gespräch aktuelle Fragen rund um das Thema Schule zu beantworten.

RUNDSCHAU: Im kommenden Schuljahr 2016/17 werden im Bezirk Imst 7687 Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken. Das sind 27 weniger als im Schuljahr zuvor. Muss in Zukunft allgemein mit weniger SchülerInnen (Stichwort: demografische Entwicklung) gerechnet werden und könnte es für manche Schulen knapp werden, genügend SchülerInnen zu bekommen?
PSI Thomas Eiterer: Die Talsohle der niedrigen Schülerzahlen ist wohl erreicht. Nach aktuellen Berechnungen werden die Schülerzahlen in Zukunft wieder eher leicht ansteigen.

RS: Die Bundesregierung hat eine Ausbildungspflicht für Jugendliche bis 18 Jahren beschlossen. Davon sind natürlich auch die Schulen betroffen. Werden diesbezüglich bereits Maßnahmen angedacht – oder wird erst abgewartet, um zu sehen, wie sich die neue Ausbildungspflicht auf das Schulwesen auswirkt?
Eiterer: Bildung und Ausbildung sind der Schlüssel für eine gesicherte Zukunft junger Menschen. Angesichts der steigenden Qualifikationsanforderungen werden Jugendliche, die über keinen über die Pflichtschule hinausgehenden Abschluss verfügen, in Zukunft ein höheres Risiko von Arbeitslosigkeit haben. Für die Anforderungen des Arbeitsmarktes sind neun Jahre Bildung oft nicht mehr ausreichend. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 brechen derzeit rund 16000 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren ihre Ausbildung ab. Wichtig erscheint mir dabei, dass dieses Gesetz auch für Jugendliche mit Behinderung und in Zukunft auch für jugendliche Asylwerber gilt. Da diese Ausbildungspflicht keine verlängerte Schulpflicht ist, betrifft das mich als PSI zwar nur am Rande, ich finde diesen Beschluss der Bundesregierung aber als eine sehr positive Präventionsinitiative. Der Pflichtschulbereich ist seit Jahren bemüht, durch gezielte Maßnahmen wie die Berufsorientierung, die Plattform Schule-Wirtschaft, Schulsozialarbeit, Jugendcoaching, Arbeitsassistenz und nicht zuletzt durch die Bildungsberatung der Schulpsychologie in diese Richtung zu arbeiten.

RS: Aufgrund der Flüchtlingsströme nehmen auch in Imster Schulen geflüchtete Kinder und Jugendliche am Unterricht teil. Wie ist hier die Situation? Wie werden die PädagogInnen bei dieser zusätzlichen Aufgabe unterstützt?
Eiterer: Im abgelaufenen Schuljahr wurden von LR Beate Palfrader, die sich sehr für die Flüchtlingsproblematik einsetzt, in unserem Bezirk zwei zusätzliche Planstellen für die Betreuung von schulpflichtigen Flüchtlingskindern geschaffen. Das hat uns sehr geholfen. Dieses zusätzliche Lehrerpersonal wird uns voraussichtlich auch für das kommende Schuljahr zur Verfügung stehen. Nachdem sich unter den Asylwerbern aber auch etliche Analphabeten befinden, habe ich bei der Abteilung Bildung um die Genehmigung einer zusätzlichen Sprachförderklasse angesucht, um im kommenden Schuljahr in der Lage zu sein, den minderjährigen Flüchtlingskindern im Raum Imst eine basale Bildung vermitteln zu können. Dafür hätten wir bereits ein Konzept entwickelt. Das neu geschaffene Pädagogische Beratungszentrum könnte dabei als Anlauf- und Beratungsstelle für alle Fragen dienen. Der Unterricht in einer solchen Klasse müsste vor allem auf die Alphabetisierung dieser Kinder samt Deutschunterricht in Kombination mit einem gut geplanten Integrationsprogramm (Sportveranstaltungen, Spielnachmittage, schulische Tagesbetreuung etc.) aufgebaut sein.

RS: Die Schule befindet sich allgemein im Wandel. Frontalunterricht war gestern. Was tut sich an Imster Schulen hinsichtlich moderner Unterrichtsformen und -methoden? Gibt es auch Mehrstufenklassen?
Eiterer: Die Weiterentwicklung des Unterrichts steht auf der Agenda der meisten unserer Schulen ganz oben. Schulleitungen und Lehrkräfte sind angehalten, einer neuen Lehr- und Lernkultur den Weg zu ebnen, die unter den Vorzeichen wachsender Heterogenität Lernförderung, Differenzierung, Integration und Kompetenzvermittlung bestmöglich sicherstellt. Um diese Weiterentwicklung eines zeitgemäßen Unterrichts voranzutreiben, gab es in den letzten Monaten eine Reihe sehr innovativer Fortbildungen, die eine positive Aufbruchstimmung in unserer Bildungsregion ausgelöst haben. Im Mittelpunkt dieser Fortbildungsreihen stand die grundsätzliche Frage nach den notwendigen strategischen Ansätzen, um die maximale Lernförderung in heterogenen Klassen gewährleisten zu können. Ein besonderes Thema war auch die Frage, wie sich Lernförderung und Lehrerentlastung verbinden lassen. Hugo Gaudig stellte einmal fest: „Der Schüler muss Methode haben“. Diese Forderung ist heute besonders aktuell. Daher beschäftigen sich unsere Schulen auch mit Themen wie „fächerübergreifendes Methodentraining“, „moderne Lern- und Arbeitstechniken“ sowie mit dem Einüben elementarer Kommunikations-, Präsentations- und Kooperationsmethoden. Dabei ist die Frage nach der Nachhaltigkeit des Lernens ganz zentral. Mehrstufenklassen sind schon aus diesem Grund kein Tabu mehr. Diese gibt es nicht nur in Montessoriklassen, sondern werden zunehmend auch im Volksschulbereich Einzug finden.

RS: Immer wieder droht Kleinschulen das Aus. Zusammenlegungen sollen Einsparungen bringen. Wie sieht hier der Status quo in der Bildungsregion Imst aus?
Eiterer: Die Zusammenlegung oder die Schließung von Kleinschulen ist in der Bildungsregion Imst derzeit kein Thema. Einzige Ausnahme bildet die Volksschule St. Leonhard, die derzeit umgebaut und vergrößert wird. Nach der Wiedereröffnung der Schule, voraussichtlich im Herbst 2017, werden dann die Volksschulen in Zaunhof und Plangeroß mit der Volksschule St. Leonhard zusammengelegt.

RS: Inklusion ist ein immer wiederkehrendes Thema. In Reutte gibt es beispielsweise kein Sonderpädagogisches Zentrum mehr. Besondere Kinder und Jugendliche werden in den „üblichen“ Unterricht integriert bzw. inkludiert. Gibt es ähnliche Überlegungen auch für Imst?
Eiterer: Die Debatte, wo Kinder mit Beeinträchtigungen unterrichtet werden sollen, ist derzeit wohl in aller Munde. Im Bezirk Imst gibt es zwei Sonderschulstandorte für Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf. Die dort unterrichtenden Pädagogen arbeiten mit großem Engagement für das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder. Im Zusammenhang mit der Inklusionsfrage sollten aber zwei Dinge einmal ganz klar ausgesprochen werden: 1. Es entscheiden einzig und allein die Eltern, ob ihr Kind eine Sonderschule oder eine Integrationsklasse besucht. Deren Entscheidung wird wohl die Überlegung vorangehen, wo ihr Kind bestmöglich gefördert werden kann. 2. Der inklusive Weg, der in Tirol u.a. durch die Schaffung von Pädagogischen Beratungszentren einschlagen wurde, hat nicht zwingend etwas mit der Schließung von Sonderschulen zu tun. Die Wahlfreiheit der Eltern wird es auch in Zukunft geben. In diesem Zusammenhang darf ich erneut auf LR Beate Palfrader verweisen, die meint: „So viel Inklusion wie möglich, so viel Sonderschule wie notwendig“.