Nicht nur für Touristen

Mathilde Schlichtherle-Frey trägt bei ihren Erklärungen die Lechtaler Tracht und hat viel Wunderbares in der Wunderkammer zu erzählen. RS-Foto: Gerrmann

In der Wunderkammer in Elbigenalp kommen die Lechtaler ihren Wurzeln nahe. Wunder gibt es immer wieder – das wusste schon Katja Ebstein. In Elbigenalp füllen sie sogar ein ganzes Museum. Doch in dieser Wunderkammer finden nicht nur Touristen viel Wissenswertes – auch die Lechtaler selbst können mit ihren Wurzeln in Kontakt kommen.

Was hat ein Krokodil mit dem Lechtal zu tun? Im Grunde nichts. Freilich: Johann Anton Falger, der „Vater des Lechtals“, kam während seiner Zeit als Kartograf und Buchillustrator in Weimar in Kontakt mit der High Society der Residenzstadt, zu der neben diversen Adligen auch Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe gehörte. Und viele von denen hatten eine „Wunderkammer“ mit allerlei Absonderlichkeiten wie Präparaten absonderlicher Tiere aus fernen Ländern. Sie schlugen den Mann aus den Bergen derart in den Bann, dass er sich selbst eins schnitzte. Und das musste natürlich einen Ehrenplatz in der „Wunderkammer“ in Falgers Heimatort bekommen.
Anekdoten wie diese machen eine Führung durch die Wunderkammer mit Mathilde Schlichtherle-Frey zum wahren Erlebnis. Sie kann so viel und so gut erzählen, dass zuweilen der Zeitplan ins Wanken gerät. Aber das ist so kurzweilig, dass es letztlich keinerlei Rolle spielt.

Heimatgeschichte etwas anders. Die Gäste bekommen staunende, die Einheimischen leuchtende Augen bei all dem, was ihnen in diesem etwas anderen Heimatmuseum, das eben nicht nur aus einer Ansammlung unzähliger Krauthobel besteht, so alles begegnet.
Das gilt nicht nur für die drei Highlights im ersten Stock, obwohl die natürlich ganz besonders attraktiv sind. Johann Anton Falger hat quasi auch selbst den Grundstock für diese außergewöhnliche Sammlung gelegt. Er hat den Lechtalern über 2000 Bücher hinterlassen (für das 19. Jahrhundert eine ungeheure Zahl), die Namen von 640 Auswanderern aus alten Zunftbüchern recherchiert und auch einen Faschingsumzug in Wort und Wild dokumentiert. Doch auch Spuren seines europaweiten Wirkens finden sich in der Wunderkammer – zum Beispiel lithographierte er für den Papst alle Dome des alten Kontinents. Mit Fug und Recht kann man ihn als Universalgelehrten titulieren.
Eine enge Verbindung pflegte er zu Königin Marie von Bayern, der er in seinem Testament sogar sein Haus (den heutigen „Gasthof zur Post”) vermachte. Sie war zwar nicht die „Mutter des Lechtals“, aber immerhin so etwas wie die Patin. Denn für viele arme Kinder übernahm sie das Patenamt und bedachte sie auch mit Geschenken – wie einem Kaffeeservice, das in der Wunderkammer zu sehen ist oder Kleidung. Und die Lechtaler sind heute noch stolz, dass unter ihrem Einfluss die einstige Prinzessin von Preußen vom protestantischen zum katholischen Glauben übertrat.
Die heutige „Post“ ist auch mit dem dritten großen Namen aus dem Lechtal eng verbunden: Dort erteilte Johann Anton Falger der jungen Anna Knittel Zeichenunterricht. Sie sollte später als „Geier-Wally“ weltberühmt werden – und dadurch geriet leider zu sehr in den Hintergrund, dass sie auch eine exzellente Malerin war. Ihr Blumen-Teller mit dem Edelweiß im Herzen berührt einen noch heute.
DEnn Malen ist mein Beruf.  Anna Stainer-Knittel (wie sie nach ihrer Heirat hieß) hatte es nicht immer leicht im Leben. Ihre Ausbildung in München brach sie aus Geldnot ab, Falger unterstützte sie nicht mehr, die Eltern waren gegen ihre Heirat mit einem Innsbrucker Gipsformer und in der männlich dominierten Kunst-Szene musste man als Frau schon gehörig strampeln, um nicht unterzugehen.
Vermutlich deswegen sagt Mathilde Schlichtherle-Frey auch: „Für uns Lechtalerinnen ist die Anna das Vorbild, nicht die Geier-Wally. Wegen ihrer Selbstständigkeit. Weil sie sich durchsetzen konnte und ihr Leben gemeistert hat.“ Wobei Anna ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Ruhm als wilde Tochter der Alpen hatte: einerseits war er ihr zuwider, andererseits setzte sie ihre Berühmtheit als Geier-Wally auch gern für Marketingzwecke (wie man heute sagen würde) ein, kokettierte damit und profitierte davon.
Und damit hängt dann auch das nächste große Wunderkammer-Projekt zusammen: In einem eigenen Geier-Wally-Zimmer  möchte man dem Mythos nachspüren, seine Auswirkungen aufzeigen und ihn der Realität gegenüberstellen.
Geschichtsblitze. Wenn man den dafür vorgesehenen (und wegen fehlender Mittel noch leerstehenden) Raum durchschritten hat, leuchten in der „Wunderbox“ weitere Blitzlichter aus der Geschichte des Lechtals auf: Da findet man ein Landschaftsbild Anna Stainer-Knittels von der Saxenalm, wo sie einst den Adlerhorst aushob, einen Vorderlader aus der Werkstatt ihres Vaters, des Büchsenmachers  Anton Knittel, aber auch Hermann Schiffers Beinprothese aus dem Ersten Weltkrieg, einen Tourismusprospekt von 1939, einen Flugzeugkolben einer im Zweiten Weltkrieg am Kreuzkarsee abgestürzten Cessna und Sigrid Wolfs Goldmedaille von den Olympischen Spielen in Calgary.
Es gäbe noch viel zu erzählen aus dieser Kammer voller Wunder. Auch, und gerade über das harte und entbehrungsreiche Leben im Lechtal von früher, das einem im Erdgeschoss so beeindruckend vor Augen geführt wird.
Aber nicht mal Mathilde Schlichtherle-Frey schafft es, all das in eine einzige Führung zu packen. Die höchst angenehme Konsequenz: Es lohnt sich, immer wieder zu kommen. Nicht nur als Tourist. Sondern auch als Außerferner.

Von Jürgen Gerrmann

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