Noch sind die „Seebensee-Würfel“ nicht gefallen

Demonstration in Ehrwald: Erlebnis-Tourismus anstelle von Naturschutz? - Großer Statusbericht mit zahlreichen Stimmen zur umstrittenen „Aussichtsplattform Seeben-alpe“. RS-Foto: Wimmer

Wasserrechtliche Verhandlung zur Aussichtsplattform „Seebenalpe“ vertagt

Der Seebensee gilt als einer der schönsten Bergseen Tirols. Eingebettet in ein einzigartiges Bergpanorama – Tajakopf im Osten, Vorderer Drachenkopf im Süden und Ehrwalder Sonnenspitze – ist das Gebiet um den See ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Erst 2017 wurde es vom ORF in der Sendung „9 Plätze, 9 Schätze“ als einer der schönsten Plätze Österreichs ausgezeichnet. Seit mehreren Monaten gehen die Wogen im Zugspitzdorf Ehrwald hoch, soll doch im Seebenseegebiet, nahe der Seebenalm und Seebenwasserfall am sogenannten „Stotza Gufl“ eine Aussichtsplattform errichtet werden.

Von Sabine Schretter und Juliane Wimmer

Eine Chance, das touristische Angebot weiter auszubauen, bietet diese Plattform doch einen Ausblick, den auch Wanderer und nicht nur Kletterer genießen können – sagen die Gemeinde, Liftbetreiber Franz Dengg, der Obmann des TVB Tiroler Zugspitz Arena Thomas Schennach und einige Touristiker. Ein Wahnsinn – sagen die Naturliebhaber, die um den wunderschönen, unverbauten Flecken Erde und die Reinheit des wertvollen Quellwassers fürchten.
Alles tun, die Stimmen erheben, um das Vorhaben zu stoppen – darum bemühen sich die einen. Gegen unsere Pläne, die ein touristisches Highlight verwirklichen ließen, wurde eine Hetzkampagne gestartet, in der jedes Mittel recht ist – wettern die anderen. So ist unschwer zu erahnen, dass die wasserrechtliche Verhandlung am Dienstag, dem 11. September äußerst emotional ver-lief. Von 14 bis 20 Uhr wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert, bevor die Sitzung von der Leiterin der BH-Organisationseinheit „Wasser und Energie“, Mag. Maria Neururer, unterbrochen und vertagt wurde.

Vorgeschichte.

Wie in den Medien schon ausführlich berichtet, ist Gegenstand der Verhandlung eine Aussichtsplattform am sogenannten „Stotza Gufl“, deren Standort sich im „Wasserschongebiet Immenquelle“ befinden würde. TVB Obmann Thomas Schennach erklärt im Gespräch mit der RUNDSCHAU, dass sich das Projekt bereits seit drei Jahren in Planung befindet. Dabei sei formal sauber vorgegangen, entsprechende Beschlüsse mit nur sehr wenigen Gegenstimmen gefasst und alles Behördliche abgeschlossen worden. Vor der echten Planung fanden Begehungen statt. Die baurechtliche Genehmigung ist bereits erteilt worden. „Wir sind in dieser Causa mehr als rücksichtsvoll vorgegangen. Von einer Zerstörung der Natur kann nicht die Rede sein. Wenn es den Hinweis auf irgendeine Gefährdung gegeben hätte, hätten wir ja nichts gemacht,“ versichert Thomas Schennach und führt weiter aus: „Wir stützen uns auf drei geologische Gutachten, die eindeutig und einheitlich belegen, dass eine Beeinträchtigung der Trinkwasserqualität nach menschlichem Ermessen auszuschließen ist.“ Darüber, dass sich so massiver Widerstand regt und wie dieser dargestellt wird, möchte er keine bösen Worte mehr verlieren, sagt Thomas Schennach. „Ich will das Ganze nicht noch mehr anheizen. Der Bürgermeister (Martin Hohenegg), Liftbetreiber Franz Dengg und ich nehmen sachliche Kritik gerne an. Darüber kann man diskutieren. Aber mit Hetze und Flugblättern, die vor Schulen bzw. während einer Schulveranstaltung verteilt werden, können Sachprobleme nicht gelöst werden.“

Aktionen.

Thomas Schennach spielt darauf an, dass während einer Brandschutzübung der NMS am gemeinsamen Pausenhof der NMS und Volksschule Flugblätter an die Schüler verteilt worden sind, auf denen sich gegen die Bebauung im Bereich Seebenwasserfall geäußert und zur Demonstration eingeladen wurde. Gerhard Guem, Leiter der VS Ehrwald und Evelyn Schanner, Direktorin der NMS Ehrwald erklärten im Gespräch mit der RUNDSCHAU beide einhellig, diese Aktion an ihren Schulen nicht genehmigt zu haben.

Das Gebiet rund um den Seebensee gilt als einer der schönsten Plätze Österreichs. Touristiker fordern: Wir brauchen mehr Highlights. Naturliebhaber fürchten um den Bestand des Naturjuwels. RS-Foto: Wimmer

Rund um Thomas Zirknitzer entstand eine Bürgerbewegung, die mit über 750 von Bürgermeister Martin Hohenegg anerkannten Unterschriften ausdrückte, dass sie mit dem Vorgehen der Gemeinde und der Touristiker keinesfalls einverstanden sind. „Wir wollen nicht als Plattform-Gegner, sondern als Naturliebhaber gesehen und wahrgenommen werden. Wir sind nicht gegen Fortschritt, aber wenn es auf Kosten unserer Natur, unseres Wassers und unserer Zukunft geht, können wir nicht wegschauen und still sein,“ so Zirknitzer. Wie brisant das Thema ist, zeigt, dass so viele Einheimische ihre Stimme erheben, sich für den Erhalt der Naturlandschaft um den Seebensee stark machen. „Wir lassen nicht so über uns drüberfahren. Es geht hier um unser Trinkwasser, um unsere Natur“, gibt sich dann Thomas Zirknitzer im Gespräch mit der RUNDSCHAU kämpferisch.

Gutachten.

Auch die drei von Thomas Schennach genannten geologischen Gutachten besitzen für ihn nicht die gewünschte Aussagekraft. „Diese Gutachten sind nicht objektiv, da alle drei Gutachter von der BH bestellt wurden“, und ergänzt: „Wir versuchen jetzt, unparteiische Gutachter zu organisieren, die es nicht bei der einen Quelle belassen, sondern auch die beiden anderen Quellen, die betroffen wären, begutachten. Thomas Zirknitzer erwähnt, dass es schon einmal eine bestätigte Wasserverschmutzung gegeben habe. „Damals wurde die Verunreinigung durch Überweidung verursacht.“ Der Stall und ein Teil der Almhütte (Seebennalm) stehen auf Ehrwalder, der andere Teil auf Mieminger Gebiet. Es gibt auf der Seebenalm also auch Mieminger Kühe. Zu viel Weidevieh führte zur Verunreinigung des Wassers. Eine Kläranlage wurde gebaut. „Jetzt, beim geplanten Bau dieser Aussichtsplattform erkennt man plötzlich das Problem der Wasserverunreinigung nicht mehr. Darüber muss ich mich ehrlich wundern, das verstehe ich nicht. Das werden wir uns auch nicht gefallen lassen“, erklärt Thomas Zirknitzer.

Unterstützung.

homas Zirknitzer steht nicht alleine da. Er und seine Gleichgesinnten werden unter anderem vom Alpenverein unterstützt. Gerald Aichner, Vorsitzender des ÖAV Landesverbandes Tirol weist in seiner schriftlichen Stellungnahme vom 2. Mai 2017 auf die satzungsmäßige Verpflichtung des AV hin, die Ursprünglichkeit und Schönheit der Bergwelt zu erhalten. Den Ausbau der alpinen Infrastruktur erachtet er seit geraumer Zeit grundsätzlich als ausreichend und für abgeschlossen. Natur und Landschaft dürfe man nicht zu Kulissen für Erlebnisattraktionen degradieren. Aichner verknüpfte mit seiner Aussage die Bitte an die Verantwortlichen, ihre Entscheidung auch in diesem Sinne zu überdenken.
Peter Spielmann, 1. Vorsitzender der ÖAV Sektion Ehrwald, schloss sich in seinem Schreiben vom 3. Mai 2017 an den Ortsausschuss Ehrwald Tiroler Zugspitz Arena den Ausführungen Aichners vollinhaltlich an und fügte dem noch grundsätzliche Bedenken – wie Müll- und Abwasserversorgung, erhöhtes Verkehrsaufkommen, Mehrbelastung für Erste-Hilfe-Leistungen durch die Bergrettung – an. Er hoffe, dass die schöne Aussicht und das „Naturjuwel Seebenwasserfall“ in ihrer natürlichen Form erhalten bleiben und Fördergelder lieber in den Erhalt bestehender Tourismusanlagen wie z.B. das modernisierungsbedürftige Ehrwalder Hallenbad fließen sollen.
Die ehemalige Ehrwalder Gemeinderätin und jetzige Büchereileiterin Rosmarie Schöpf reichte vor der wasserrechtlichen Verhandlung am 11. September bei der Bezirkshauptmannschaft Reutte, Wasser und Energie, Mag. Maria Neururer einen schriftlichen Einwand ein. Sie war bei der Sitzung anwesend und meldete sich dort auch zu Wort. Rosmarie Schöpf hat damit vielen Ehrwaldern aus der Seele gesprochen. Sie betonte ihre Sorge um das Eingreifen in das Wasserschutzgebiet, die Verunreinigung der Quelle allein schon durch die Bautätigkeit und das zu erwartende Müllaufkommen durch erhöhte Besucherzahlen.

Demonstration.
Sie wollen gehört werden: Ca. 120 Ehrwalder waren zur Demo gekommen, um vor der wasserrechtlichen Verhandlung ihre Bedenken zum Bau der „Aussichtsplattform Seebenalpe“ zu äußern. RS-Foto: Wimmer

Die Naturliebhaber um Thomas Zirknitzer versammelten sich am Dienstag, dem 11. September, um 13.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn der wasserrechtlichen Verhandlung. Ca. 120 Menschen erschienen zu einer genehmigten, friedlichen Demon-stration vor dem Gemeindehaus, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. „Wasser ist Leben“ war auf Schildern zu lesen und auch die Kernaussage der Demonstration. Die Leute waren friedlich und guter Dinge. Z.T. waren auch Familien mit Kindern gekommen, die Sorge um die Erhaltung des wertvollen Ökosystems für die Zukunft zeigten. Das sei wichtiger als austauschbare Event-Attraktionen, war zu hören. Wenn man mit den Menschen in Kontakt kam, merkte man ein großes Redebedürfnis. So erklärte Karl Schennach: „Ohne unsere schöne Natur kämen gar keine Touristen hierher. Diese zu bewahren, sollte also immer Erstauftrag der Touristiker sein.“ Den Demonstranten war es ein sehr großes Anliegen, sich für den Schutz bzw. den Ist-Zustand des Naturjuwels Seebenseegebiet einzusetzen, das nach Meinung vieler Plattformgegner schon jetzt „besucherzahlenmäßig“ an seine Grenzen stößt.

Bürgerbefragung.

Etliche Menschen drückten auch ihre Angst aus, dass die Plattform der Startschuss dafür sein könnte, das bis jetzt recht unberührte Gebiet See-bensee weiter zu erschließen, z.B. mit riesiger Almwirtschaft im „Tiroler Haus“-Stil, geteerter Zugangsstraße samt regelmäßigem Autoverkehr oder sogar Hotel. Im Laufe der Gespräche kochten bei einigen Demon-stranten die Emotionen sehr hoch. Zum einen, weil anfangs alles „von den Oberen“ im „stillen Kämmerchen“ beschlossen wurde, zum anderen, weil man das Gefühl hat, dass die große Zahl der Gegner einfach übergangen wird. „Jetzt erst recht, scheint das Motto der Touristiker zu sein“, befürchtet Burgi Leitner. Doch die Menschen wollen bei diesem Thema gehört werden und lassen nicht über sich drüberfahren. „Das Thema ist zu wichtig“, war deutlich zu hören. Thomas Zirknitzer ergänzt dazu: „Die Bevölkerung wünscht eine demokratische Lösung. Wir setzen alles daran, objektive Gutachten zu bekommen. Das geforderte große öffentliche Interesse an einer Plattform? Besteht nicht, da bin ich mir sicher. Wenn doch, dann soll mit einer Bürgerbefragung die Meinung der Bevölkerung erhoben werden.“

Befangenheit.

Zum Thema Befangenheit erklärte Grünen-Bezirkssprecherin Regina Karlen gegenüber der RUNDSCHAU: „Das Thema Befangenheit ist für mich noch nicht vom Tisch. Vize-Bgm. Haldor Schennach ist auch Vize-Substanzverwalter. Sollte also Bgm. Martin Hohenegg beim neuen Verhandlungstermin erkrankt oder anderweitig verhindert sein, würde Haldor Schennach diese Verhandlung führen. Es ist bekannt, dass er mit Frau Neururer liiert ist. Befangenheit kann hier also nicht unter den Teppich gekehrt werden.“

Vertagt.

Der Termin für die Fortsetzung der wasserrechtlichen Verhandlung wurde für den 12. Oktober festgesetzt. Zudem ist noch eine Stellungsnahme vom Naturschutzbeauftragten des Bezirkes, Klaus Schwarz, zu erwarten, da auf dem Areal der geplanten Plattform schützenswerte Pflanzen wie Enzian und Magerwiesen vorkommen.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.